SIEBENTAUSEND SEITEN, EIN ÜBERHÖRTES STOPPZEICHEN
Kalifornien hat ein Signal gesendet. Es heißt Global Privacy Control, eine Art rotes Lämpchen im Browser, das Webseiten sagt: Nicht mit mir. Keine Cookies, kein Tracking, kein Verkauf meiner Daten. Das Gesetz dahinter, der California Consumer Privacy Act, schreibt vor, dass jede Firma, die in Kalifornien Geschäfte macht, dieses Lämpchen zu lesen hat und entsprechend zu handeln hat.
Was die Firma webXray jetzt gefunden hat, ist eine Beleidigung für jeden, der glaubt, ein Gesetz sei ein Gesetz. Siebentausend populäre Webseiten wurden von kalifornischen IP-Adressen aus besucht, alle mit eingeschaltetem Stoppsignal. Das Ergebnis: Google hat in 86 Prozent der Fälle munter weiter getrackt. Microsoft in jedem zweiten. Und Meta, der Facebook-Konzern, prüft das Signal gar nicht erst. Es wird ignoriert, weil es nie gelesen wird. In 69 Prozent der Besuche landete der berühmte Meta-Pixel trotzdem im Browser.
Tim Libert, Gründer und Chef von webXray und ehemaliger Google-Datenschutzingenieur, bringt es auf den Punkt: "Sie unternehmen keinerlei substantielle Anstrengung, um zu gehorchen." Das ist der Mann, der die Maschinerie kennt, weil er sie selbst mitgebaut hat. Dass ausgerechnet ein Ex-Google-Mann die Bequemlichkeit seiner alten Kollegen anprangert, hat seine eigene Süße.
Was heißt das in der Sprache meiner alten Telegraphistenzeit? Jemand sendet ein SOS, und die Empfangsstation schläft. Oder schlimmer: Sie tut so, als wäre das Signal Rauschen. Industrielles Nicht-Gehorchen nennt es der Bericht. Industrial-scale noncompliance. Das ist die Sprache von Männern, die sich nie Sorgen machen mussten, wer ihre Post liest.
Die Strafen, die im Raum stehen, wenn die kalifornische Datenschutzbehörde ernst macht, gehen in die Milliarden. webXray hat die Summe durchgerechnet. Tom Kemp, Chef dieser Behörde, sagt höflich, man schätze die Sichtbarkeit, die der Bericht bringe. Höflich ist das Lieblingswort der Mächtigen, wenn sie nicht strafen wollen. Die Behörde hat in der Vergangenheit bereits Millionen an Strafen verhängt gegen Firmen, die das Stoppsignal ignoriert haben. Aber sie ist eine Behörde, keine Armee. Siebentausend Seiten zu prüfen, das ist ein Job für eine ganze Industrie. Die Industrie, die hier geprüft werden müsste, ist dieselbe, die nicht gehorchen will.
Und hier wird es interessant. Die Korrektur wäre, so schreiben die Ingenieure, eine Kleinigkeit. Ein paar Zeilen Code. Ein Häkchen im Tracking-Skript. Das ist alles. Es ist nicht einmal Arbeit, die weh tut. Es ist Arbeit, die schlicht unterlassen wird. Mit Absicht. Denn jedes Cookie, das nicht gesetzt wird, ist ein Werbedollar, der nicht fließt. Jeder Besucher, der nicht verfolgt wird, ist ein Datenpunkt, der nicht an den nächsten Meistbietenden geht. Die Geschäftsmodelle von Google, Meta und Microsoft sind auf Verfolgung gebaut. Das Gesetz verlangt eine Bremse. Die Konzerne treten das Pedal nicht.
Dabei gibt es das Global Privacy Control nicht erst seit gestern. Browser wie Firefox und Brave setzen es. Werkzeuge wie Disconnect oder DuckDuckGo schicken es mit. Der Nutzer muss nur einmal klicken. Aber was nützt das beste Signal, wenn die Gegenstelle den Empfänger abgeschaltet hat? Der Bericht fand zudem Hinweise, dass auch Drittanbieter-Werkzeuge im Spiel nur halbherzig mitlesen. Die Kette der Verantwortung reißt an jedem Glied.
Ich sitze in meinem Büro, der Lötkolben summt, der Kaffee ist kalt. Ich bin Technologiereporterin in einem Jahr, in dem Frauen in diesem Beruf nicht vorgesehen sind. Ich schreibe trotzdem. Weil die Drähte summen, und jemand zuhören muss.
Das Global Privacy Control ist ein gutes Werkzeug. Es ist klar, es ist technisch einfach, es ist vom Gesetz gedeckt. Aber ein Werkzeug in den falschen Händen ist ein Werkzeug, das im Schrank liegt. Die Frage ist nicht, ob die Technik funktioniert. Die Frage ist, wer den Stecker zieht, wenn sie funktioniert.
Drei Konzerne sitzen auf den größten Datenflüssen des Planeten. Sie haben das Signal gehört. Sie haben es nicht nur ignoriert — sie haben, im Fall von Meta, gar nicht erst hingehört. Das ist kein Bug. Das ist Geschäftsmodell.