STIMME AUF 412 — UND DREI MINUTEN STILLE
412 Kilohertz. Eine Wellenlänge im Band, das dem Küstenfunk vorbehalten ist. Wer dort sendet, sendet für Schiffe. Oder für jemanden, der so klingen will wie Schiffe.
Ich sitze in meinem Büro in der Sonnenstraße, der Lötkolben dampft noch vom Frühstück, der zweite Kaffee ist kalt, und auf meinem selbstgebauten Empfänger knackt es seit Dienstagabend alle vier Stunden zur selben Minute. Drei Minuten lang. Dann Stille.
Ein regelmäßiger Sender auf einer Frequenz, die niemand offiziell belegt hat. Kein Rufzeichen, keine Morsetonsignale, die in den Akten stehen. Nur ein Träger, der moduliert wird. Eine Stimme, die Zahlen liest. Vierstellige Zahlen, im Abstand von zwölf Sekunden. Dann der Träger, dann aus.
Wer macht so etwas? Wer hat die Technik, wer hat die Stromrechnung, wer hat vor allem die Chuzpe, das 1937 in einem geschützten Band zu funken?
Die erste Antwort ist langweilig: die Reichspost selbst. Herr Timmermann im Funkreferat, immer ein offenes Ohr, immer eine Hand auf der Akte, die er mir nicht zeigen will. Er lächelte. Er sagte: „Fräulein Voss, da ist nichts." Dann rückte er seinen Ärmel zurecht. Er trägt jetzt die braune.
Fräulein. Sie können es sich denken. 1937, das Büro der Terminal Tribune, und eine Frau, die Frequenzen hört, die andere nicht hören wollen.
Aber weiter. Ich habe einen alten Kollegen in Hamburg erreicht, der auf einem Trawler fährt. Er bestätigt: nichts im Log. Kein Schiff in Reichweite, das die Frequenz hätte nutzen können. Trotzdem: Dienstag, Donnerstag, Samstag. Punkt Mitternacht. Drei Minuten.
Also kein Schiff. Was bleibt? Ein Festlandsender. Jemand mit einer Antenne, die mehr kann als die kleine Schwarze im Wohnzimmer, und einem Sender, der den Aufwand lohnt. Solche Leute gibt es. Funkamateure, gewiss. Die sind aber seit dem Erlass vom Februar mit ihren Lizenzen vorsichtig geworden, und was hier läuft, ist kein CQ-Ruf und kein Plausch über Röhren.
Ich habe das Signal mit meinem zweiten Empfänger in der Redaktion gegengehört, einem alten Industrievfänger von Telefunken, den mir ein beurlaubter Kollege geliehen hat. Die Modulation ist sauber. Kein Heimsender, der mit selbstgewickelten Spulen und einer Dreibandröhre nachts sein Glück versucht. Das ist Industriegerät. Eine Endstufe, die mindestens fünfzig Watt macht, vielleicht mehr. Eine Antenne mit Richtwirkung, denn das Signal kommt aus Norden. Jedes Mal aus derselben Richtung. Wenn ich meinen Rahmen drehe, verschwindet es nach Süden, schwillt nach Norden an. Die Trägerfrequenz schwankt nicht. Nicht mal um zehn Hertz. Das schafft kein Amateur. Das schafft ein quarzgesteuerter Sender, und Quarze sind 1937 nicht in jeder Garage zu haben.
Das schließt das, was die Reichspost offiziell als Erklärung anbietet, weiter aus. Schiffe fahren. Dieser Sender steht. Wo, das lässt sich eingrenzen — auf etwa zwanzig Kilometer genau, weiter nicht, solange ich nur höre und nicht messe. Aber die Region steht. Mecklenburg. Oder die Mark. Orte, an denen 1937 plötzlich viele neue Antennen wachsen, offiziell für den Flughafenneubau, offiziell für den Küstenschutz.
Die Zahlen, die da gelesen werden, kommen in einem Muster, das ich aus alten Akten kenne. Vier Stellen, Pause, vier Stellen. Wie Koordinaten, die sich verschieben. Vielleicht Koordinaten. Vielleicht Lagernummern. Vielleicht etwas, das in einem anderen Land wichtig wird, bald.
Wem nützt das? Wer profitiert von einer Zahl, die heimlich über eine geschützte Welle geht? Die Antwort, die meine Quellen mir zuflüstern, ist die, die Sie aushalten müssen, lieber Leser: es gibt in diesem Land Büros, in denen Männer mit ruhiger Hand sitzen, die 1937 noch nicht erklären wollen, was sie 1938 erklären werden. Die sich jetzt schon sortieren. Die sich jetzt schon Adressen notieren, auf kleinen Zetteln, in Räumen, in die keine Reichspostakte je sehen wird. Drei Männer, vielleicht vier. Mit Zugang zu einer Werkstatt, in der Spulen gewickelt und Röhren geprüft werden. Mit Zugang zu einer Liste, die kein Reichspostbeamter je zu Gesicht bekommt.
Die brauchen ein Netz, das nicht über die Drähte der Reichspost läuft. Sie brauchen Frequenzen, die im Friedensfunk nichts zu suchen haben. Sie brauchen jemanden, der um Mitternacht eine Stimme liest, die niemand zuordnen kann.
412. Ich höre Sie. Ich weiß, was Sie sind. Ich weiß noch nicht, wer Sie sind.
Aber ich werde es herausfinden. Ich habe Zeit, ich habe das Ohr, und ich habe einen Lötkolben, der noch heißer ist als der Kaffee.
Ada Voss meldet weiter. Wenn Sie etwas hören, das nicht in diese Kolumne passt — Sie wissen, wo mein Büro ist. Zweiter Stock, Tür ohne Schild. Klopfen Sie zweimal.