Doppeltes Spiel um einen Sitz in Makerfield
Manche Männer schreiben die Regeln des Schachspiels zweimal — einmal für sich selbst, einmal für die anderen. Rupert Lowe, ein Mann, der einst um ein Mandat kämpfte und dabei das Argument der Stimmenaufspaltung inbrünstig in die Debatte trug, hat in Makerfield genau jene Mechanik verlacht, die ihm einst selbst das Leben rettete. Die Ironie ist so präzise gearbeitet wie ein Schweizer Uhrwerk aus jenem Jahr, in dem man noch glaubte, Zeit sei etwas, das sich vertraglich binden ließe.
Die kleine Constituency im Nordwesten Englands ist an diesem Donnerstag Schauplatz einer Nachwahl, die weit über ihre geographischen Grenzen hinaus Bedeutung beansprucht. Der bisherige Mandatsinhaber Josh Simons trat zurück, damit der Bürgermeister Manchesters, Andy Burnham, dort antreten konnte. Sollte Burnham gewinnen, kündigt er an, den Premierminister Keir Starmer um die Führung der Labour-Partei herauszufordern. Was hier gespielt wird, ist kein Duell, es ist eine Hinrichtung mit ordnungsgemäßer Bekanntmachung.
Reform UK, die rechtsgerichtete Partei, die das politische Parkett Großbritanniens in zwei Jahren umgepflügt hat, schickt Robert Kenyon ins Rennen — einen Kandidaten, dessen Kampagne von Vorwürfen sexistischer und frauenfeindlicher Beiträge in sozialen Medien begleitet wird und der in den Umfragen dennoch in Schlagdistanz bleibt. Reform wurde bei der letzten Wahl in Makerfield Zweiter. Die Partei, die diesen Wahlkreis seit seiner Schaffung im Jahr 1983 hält, sieht sich einer realen Bedrohung gegenüber.
Dass Labour diesen Sitz verlieren könnte, ist nicht das einzige Signal, das von den Rändern dieses Spielfelds nach London getragen wird. Die Kommunalwahlen im vergangenen Monat haben Labour rund 1.500 Sitze in den Grafschaftsräten gekostet, während Reform von etwa 100 auf etwa 1.450 Sitze emporschnellte. In derselben Woche traten der Verteidigungsminister John Healey und der Heeresminister Al Carns zurück, beide aus Protest gegen die Handhabung des Verteidigungshaushalts. Keir Starmer, so zeigen die Umfragen der Gruppe Ipsos, ist der unpopulärste Premierminister seit langem. Wer in diesem Hause die Machtfrage stellt, stellt sie an einem Ort, an dem die Antwort bereits auf den Tisch gemalt ist.
Und mittendrin, mit der Gravitas eines Mannes, der die Spielregeln erfunden haben will: Rupert Lowe. Sein Vorwurf lautet, die Diskussion um die Stimmenaufspaltung in Makerfield sei nichtig. Doch dieselbe Mechanik, die er nun verlacht, war einst sein eigenes Argument, als er selbst um einen Sitz kämpfte. Das ist keine Heuchelei im herkömmlichen Sinne — es ist die schlichte Architektur der Macht, die sich ihrer selbst nicht schämt. Wer die Regeln für sich in Anspruch nimmt, nennt sie Prinzipien. Wer sie anderen vorenthält, nennt sie Taktik. Lowe nennt sie beides, niemals zur selben Zeit.
Was in Makerfield auf dem Spiel steht, ist also mehr als ein Mandat. Es ist die Frage, ob die Labour-Partei sich selbst neu erfinden kann, bevor sie von der Welle der Rechtsaußen-Partei fortgespült wird. Die Wähler, die Labour an Reform verliert — ehemalige Konservative und Teile der traditionellen Arbeiterklasse im Norden —, folgen einer Logik, die sich nicht mehr an die alten Verträge binden lässt. Die Wähler, die Labour an die Grünen verliert, empört über die Haltung der Regierung zum Nahost-Konflikt und zu den Kürzungen im Sozialsystem, folgen einer anderen, nicht weniger entschiedenen Logik. Zwischen diesen beiden Abflüssen treibt das Schiff der Mitte, und Burnham ist der Mann, der verspricht, es wieder in ruhigeres Gewässer zu bringen.
Die Mechanik der Nachwahl folgt einem Muster, das man aus Genf kennt, aus den Sälen, in denen Verträge unterzeichnet werden, die niemand zu halten gedenkt. Ein Mandat wird frei, ein Kandidat steigt auf, ein anderer steigt aus, und am Ende des Stimmzettels steht ein Name, der niemals zur Debatte stand. Burnhams Aufstieg ist inszeniert wie ein politisches Paternoster — jede Etage ruft die Frage hervor, was oben geschieht, wenn man oben angekommen ist. Starmer sitzt in seinem Büro und liest Berichte, die ihm sagen, was er bereits weiß. Lowe sitzt in einem anderen Büro und vergisst, was er selbst einmal gesagt hat.
Was bleibt, ist ein Schachbrett, auf dem jeder Spieler dem anderen vorwirft, die Regeln zu biegen, während er selbst die Figuren nach eigenem Gutdünken verschiebt. Makerfield ist nur das Feld, auf dem diese Geste sichtbar wird. Das wahre Spiel wird in den kommenden Wochen entschieden — in den Sälen des Parlaments, in den Redaktionen der Zeitungen, in den Köpfen jener, die noch glauben, man könne Wahlen gewinnen, indem man die Sprache der anderen entleert und mit ihr sein eigenes Haus tapeziert.