37 Grad am Oberrhein, Zoll auf Blech — die Gleichung brennt
Die Quecksilbersäule klettert, der Himmel über dem Oberrhein glüht auf 37 Grad, und in Luxemburg sitzen dieselben Männer, die das Klima verfeilschten, und beschließen einen Zoll, der die Welt aufteilen soll in jene, die verschmutzen dürfen, und jene, die dafür zahlen.
Omega-Lage nennen die Meteorologen, was da über Mitteleuropa liegt. Ein stationäres Hoch, unbeweglich, heiß wie ein Bankrott, der nicht enden will. Drei Faktoren kommen zusammen, wie Schulden, die man zu lange nicht beglichen hat: Hochdruck über Deutschland, Saharaluft aus Südwest, Sonnenhöchststand — mehr Sonnenenergie als diese Woche geht nicht. Das Resultat: Ab Mittwoch 30 Grad, dann 33, dann 35. Am Freitag am Oberrhein örtlich 37. In Frankreich, nur ein Stück Luftlinie entfernt, kratzt das Thermometer an der 40. Die Nullgradgrenze steigt auf über 4000 Meter. Auf 2000 Metern Höhe herrschen 19 Grad. Der Berg wird zum Vorgarten.
Tropennächte ab Freitag. Temperaturen, die selbst um Mitternacht nicht unter 20 Grad sinken. In Berlin um 22 Uhr am Samstag: noch immer 30 Grad. In der Schweiz dieselbe Rechnung, andere Zahlen — Höchstwerte zwischen 31 und 35 Grad, über Tage hinweg, stabil, ohne Aussicht auf grundsätzliche Wetterumstellung. Die Nächte warm, die Luft auf der Alpensüdseite schwül, im Norden drückend. Eine Abkühlung? Fehlanzeige. Die Modelle zeigen Unsicherheiten, aber keine Entwarnung. Die Hitze bleibt, wie ein Gläubiger, der nicht geht.
Man kann das Wetter nennen. Man kann es Klima nennen. Man kann es so nennen, wie es die Versicherungsmathematiker in ihren Akten längst nennen: eine Schuld, die exponentiell wächst.
Nun, während die Luft über dem Kontinent steht und sich aufheizt wie ein Pleitier, der sein letztes Hemd verkauft, sitzen die EU-Finanzminister in Luxemburg und tun, was Bürokraten tun, wenn die Realität zu groß wird: Sie schreiben einen Zoll aus.
CBAM. Carbon Border Adjustment Mechanism. Klingt nach Klimaschutz. Ist, wie so vieles aus Brüssel, zu einem nicht geringen Teil Industriepolitik mit grünem Anstrich. Seit dem 1. Januar 2026 müssen Importeure einen CO2-Preis zahlen für die Emissionen, die bei der Herstellung bestimmter Waren entstehen — Stahl, Aluminium, Zement, Dünger, Wasserstoff, Strom. Sechs Grundmaterialien, das war der Anfang. Nun, im Juni, weiten die Minister das System aus. Auf Waschmaschinen. Auf Kühlschränke. Auf weiterverarbeitete Waren mit hohem Anteil an Eisen, Stahl oder Aluminium. Die Liste soll jährlich überprüft werden. Jährlich — damit sich keiner aufregt, bevor der Nächste sich dran gewöhnt hat.
Die Logik: Wenn China Stahl klimaschädlicher produziert als Europa, gleicht der Zoll den Preisunterschied aus. Klingt gerecht. Ist in der Praxis ein Schutzzoll mit moralischem Deckmantel. Die europäische Stahlindustrie, die mit ihren Hochöfen seit Jahrzehnten das Klima mit aufheizt, soll durch einen Grenzaufschlag auf asiatische Konkurrenz geschützt werden. Die EVP befürwortet das. Große Teile der europäischen Industrie auch. Man erkennt das Muster: Wer den Zoll fordert, profitiert vom Zoll. Wer ihn bezahlt, ist nicht im Saal.
Die Rechnung geht so. Der heiße Sommer kostet — Kühlschränke, die härter arbeiten müssen. Klimaanlagen, die in den Städten ploppen wie Pilze nach dem Regen. Waschmaschinen, die häufiger laufen, weil die Menschen häufiger schwitzen. Alles Strom, alles CO2. Und nun: Zoll auf ebenjene Geräte, wenn sie importiert werden. Die Logik lautet: Wenn das Klima schon brennt, soll wenigstens der Importeur dafür bluten. Dass am Ende der Verbraucher die Rechnung trägt, versteht sich in Brüssel von selbst.
Die Omegalage ist stationär. Der CBAM-Mechanismus ist es auch. Beide verändern sich quälend langsam, beide wirken lange nach, beide tun so, als sei ihre Position naturgegeben. Das Hoch blockiert jeden Wetterwechsel. Die Zollmauer blockiert jeden billigen Import. Beide erzeugen dasselbe Gefühl: Man sitzt fest.
37 Grad am Oberrhein. Zoll auf den Kühlschrank, der diese 37 Grad erträglich machen soll. Es ist, als würde der Kapitän das Rettungsboot verkaufen, bevor der Sturm kommt. Und es ist kein Sturm. Es ist das Klima. Und das Klima verhandelt nicht.
Was bleibt? Eine Hitze, die bleibt. Ein Zoll, der bleibt. Und eine Industrie, die sich einrichtet, als ginge sie das alles nichts an. Sie geht sie etwas an. Sie geht uns alle an. Nur zu welchem Preis, das entscheiden jene, die in Luxemburg sitzen. Nicht jene, die in der Dachgeschosswohnung in Frankfurt schwitzen.
Pfeife aus. Akten zu.