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SUNDERLANDS STILLE SUBVENTION: WER VOM BREXIT PROFITIERT

21. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ein Jahrzehnt nach dem großen Votum sendet London eine Jubiläumsdepesche — und die schönste Frequenz kommt nicht aus Westminster. Sie kommt aus Sunderland. Dort, wo 2016 noch 507.000 Wagen vom Band rollten, stehen heute 273.000. Die Differenz: 234.000 Automobile, die nie gebaut wurden. Oder, in der Sprache meiner alten Funkbude, ein deutliches Rauschen auf der Leitung.

Ich übersetze.

Am 23. Juni 2016 stimmten 17,4 Millionen Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. 52 zu 48 Prozent. Es war das größte Votum in der Geschichte britischer Demokratie. Sunderland votierte noch deutlicher: 61 zu 39 für Leave. Die Menschen dort glaubten — so steht es in den Archiven — an die alte Währung der Industrie: daß der eigene Arbeitsplatz den eigenen Wahlentscheid überlebt. Daß die Maschine, die ihren Lohn ausspuckt, laufen wird, egal welche Flagge über dem Werk hängt.

Doch die Archive schweigen über einen anderen Klang. Carlos Ghosn, damals Chef von Nissan, erklärte öffentlich, der Verbleib in der EU ergebe „am meisten Sinn für Jobs, Handel und Kosten". Die gesamte britische Autoindustrie war gegen den Brexit. Sunderland stimmte trotzdem. Und Theresa May, frist ins Amt gehoben im Chaos nach dem Votum, konnte es sich nicht leisten, öffentlich zuzugeben, daß der Brexit Jobs bei Nissan bedrohte. Damit hatte Ghosn eine Hebelwirkung, von der die Wähler in Sunderland nichts ahnten.

Hören wir genauer hin.

Im Oktober 2016 — die formellen Austrittsverhandlungen hatten noch nicht begonnen — wurde ein Deal unterzeichnet, dessen Details mehr als zwei Jahre geheim blieben. 61 Millionen Pfund Staatshilfe flossen an Nissan, damit der Konzern in neue Modelle investierte. Das Geld ist seither nicht versiegt. Ende 2022 kamen weitere 101 Millionen Pfund hinzu. Aktuell laufen Gespräche über die nächste Tranche. 162 Millionen Pfund und Zubehör — bisher offiziell bekannt. Die Sunderland-Leute, die 2016 mit klarer Mehrheit für den Brexit stimmten, finanzieren mit ihren Steuern die Subvention, die ihren eigenen Arbeitsplatz retten soll. Ein geschlossener Kreislauf. Ein Schaltkreis, dessen Lötpunkte niemand sehen will.

Was bekamen sie dafür? Eine Produktion, die von 507.000 Wagen im Jahr 2016 auf 273.000 im vergangenen Jahr fiel. Ein Rückgang um 46 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Nissan selbst warnte intern, der Ausschluß aus der neuesten Welle von EU-Regeln könne eine „existenzielle Bedrohung" darstellen — ein Begriff, den ich aus alten Störgeräuschen kenne.

Die Schuldzuweisung ist bequem und gut choreographiert: Pandemie, Ukrainekrieg, Trumps Deglobalisierungs-Drive, Nissans eigene Führungskrise mit 20.000 weltweiten Stellenstreichungen. All das habe den Einbruch überlagert, heißt es. Möglich. Aber die Schaltung war schon vorher defekt, als May im Oktober 2016 die Unterschrift leise unter das Papier setzte. Und als die Menschen in Sunderland 61 Prozent Mehrheit produzierten, ahnten sie nicht, daß ihr Votum innerhalb weniger Monate zur Waffe in der Hand eines ausländischen Konzernchefs werden würde.

Boris Johnson, der einstige Architekt des Votums, feiert das Jubiläum in der üblichen Frequenz: 17,4 Millionen Menschen, die sich gegen das „Establishment" stellten — gegen die Tories, die Labour-Partei, die Liberaldemokraten, die SNP. Gegen die Sender, die Zeitungen, die Universitäten, die Kirchen, den CBI. Barack Obama wurde eigens eingeflogen, um vor dem Schritt zu warnen. Sie schlugen es in den Wind. Johnson nennt sie „heroisch". Er sagt: Sie stimmten für Demokratie, für Freiheit, für das Recht, jene zu wählen und abzuwählen, die ihre Gesetze machen. Für den Schutz vor der „langsamen, aber unerbittlichen Strangulierung" durch Brüssel.

Schöne Wellen. Aber jede Sendung hat einen Träger. Wer trägt diese?

In Sunderland tragen die Arbeiterinnen und Arbeiter. Diejenigen, die heute um die Existenz ihres Werks bangen, während ihr Lohn in eine Subventionsspirale fließt, die niemand offen diskutiert. Die Subvention ist kein Geschenk. Sie ist Lötzinn, der zwei Drähte verbindet, die man besser getrennt gelassen hätte: das Versprechen der Souveränität und die Abhängigkeit von einem einzigen Investor, dessen Chef damals — noch — Verbleib in der EU forderte. Johnson selbst beklagt heute eine „massiv hochbesteuernde, hochausgebende Labour-Regierung", die Wohlstandsschöpfer verfolge. Man kann gegen Brüssel und gegen Westminster sein. Man kann für nationale Souveränität und gegen die heimische Steuerpolitik sein. Man kann 17,4 Millionen Mal recht haben und trotzdem in Sunderland auf 234.000 nicht gebauten Wagen sitzen.

Zehn Jahre Brexit. Das Schiff hat den Hafen verlassen, wie es der Jubilar beschreibt. Die Trennung vom Binnenmarkt und der Zollunion wurde am 1. Januar 2021 vollzogen — nach vier Jahren quälender Verhandlungen, in denen jede Frequenz zwischen London und Brüssel gestört war. Die Brüche, die das Votum in die britische Gesellschaft schnitt, sind nicht verheilt. Sie sind neu verdrahtet, unter Spannung, in einem Schaltschrank, zu dem die Öffentlichkeit keinen Schlüssel hat.

Es gibt, so schreibt Johnson, Menschen, die seit jenem Junimorgen 2016 an der Bar arbeiten, an der Wiedereintritt in die EU gemixt wird. Er hält sie für „out of their tiny mind". Möglich. Aber die Depesche aus Sunderland enthält eine andere Warnung: Wer in zehn Jahren nur die Frequenz der Sieger hört, überhört das Rauschen in den Werkhallen.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Der Empfänger rauscht. Ich schalte ab.

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