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Kartothek der Täter — Was die SS-Verfügungstruppe über das Vergessen verrät

21. Juni 2026 — — — Kastner

Manche Archive öffnen sich nicht, weil jemand mutig geworden ist. Sie öffnen sich, weil die Böden unter den Aktenordnern nachgeben. So auch hier: DER SPIEGEL hat, in diesen Junitagen des Jahres 2026, eine Datenbank veröffentlicht, die jene Männer katalogisiert, die sich im Frühjahr 1940 in Prag in Reih und Glied aufstellen ließen, den rechten Arm zum Schwur erhoben, die Augen geradeaus, das Gewissen beiseite — Rekruten der SS-Verfügungstruppe, vermutlich Sudetendeutsche, vereidigt auf etwas, das sie noch nicht beim Namen nannten, das aber bereits seine endgültige Silhouette trug. Vorläufer der Waffen-SS, heißt es in der Bildunterschrift. Und diese zwei Worte — Vorläufer, Waffen-SS — sagen mehr als jede Fußnote, die je ein Historiker darunter gesetzt hat.

Ich habe in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männer lächeln sehen, während sie logen. Ich habe gelernt, daß die höflichsten Sätze die gefährlichsten sind, und daß ein Foto, sauber gerahmt und mit drei Archivstempeln versehen, stets dann am meisten verbirgt, wenn es am meisten zu zeigen vorgibt. Das Bild, das hier gemeint ist, trägt genau diese Stempel: Scherl, SZ Photo, picture alliance. Drei Versicherungen, daß das, was wir sehen, wirklich gewesen ist. Knopf an Knopf, Mütze auf Mütze, ein ganzes Regiment aus einer Stadt, die keine drei Jahre zuvor besetzt worden war, von Menschen, die einander nicht kannten und sich dennoch verstanden — im Schweigen, im Schwur, im Gewehrlauf nach oben.

Die Kartei ist jetzt online. Das ist die Nachricht, und sie klingt, als wäre sie keine. Wer hat nicht schon alles online gefunden — Adressen, Urteile, Todeslisten? Doch dies ist anders. Dies ist ein Register der Täter, das nicht mehr handschriftlich in einem Keller verstaubt, sondern durchsuchbar ist, Name für Name, Geburtsort für Geburtsort. Ein jeder Rekrut eine Zeile, eine Datenzeile, ein kleiner Pinselstrich in einem großen Bild. Man kann jetzt, mit der Geduld eines Archivars und der Kälte eines Statistikers, nachschauen, wer damals in Prag stand. Man kann es tun im Pyjama, nach dem Frühstück, zwischen zwei Tassen Kaffee. Und das, so möchte man meinen, ist das Mindeste.

Aber das Mindeste ist nicht immer genug. Eine Kartei ist kein Urteil. Eine Kartei ist auch keine Sühne. Sie ist, im besten Falle, ein Werkzeug — und Werkzeuge können schneiden oder heilen, je nachdem, wer sie führt. Wer führt diese Kartei? Wer entscheidet, was sichtbar wird und was im Schatten bleibt? Wer sortiert die Sudetendeutschen von den Böhmen, die Freiwilligen von den Gezwungenen, die Täter von den Verblendeten? Diese Fragen stellt der SPIEGEL nicht. Er liefert das Werkzeug aus, sauber verpackt, mit einer Bildunterschrift, die das Wort Vorläufer so beiläufig verwendet, als spräche man von einer Vorabendserie im Dritten Programm.

Es gibt eine Genfer Konvention, die besagt, daß jede Person das Recht hat, Auskunft zu erhalten über das, was Archive über sie führen. Es gibt eine ältere, die besagt, daß gewisse Dinge nie wieder geschehen dürfen. Beide sind verletzt worden, in schöner Regelmäßigkeit, von Staaten, die sich auf beide berufen, wenn es ihnen nützt. Nun also: die Datenbank. Sie kommt aus Deutschland, sie kommt spät, sie kommt in einem SPIEGEL-Artikel, der hinter einer Bezahlschranke liegt — und das ist, so möchte ich behaupten, der zweite Skandal. Die Erinnerung ist keine Ware. Sie ist schon gar keine Wochenendbeilage. Wenn ein Archiv von dieser Tragweite den Weg ins Netz findet, dann gehört es nicht hinter eine digitale Tür, die sich nur öffnet, wer das Portemonnaie zückt. Wer nicht zahlt, blickt in die Leere. Wer zahlt, blickt in das Verzeichnis. So wird das Gedenken zur Mitgliedschaft. So wird die Geschichte, sauber portioniert, zur Konsumware.

Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Manche Dinge soll man nicht mit bloßen Fingern anfassen; sie verschmutzen die Haut, manche verbrennen sie. Die SS-Verfügungstruppe, vereidigt in Prag, fotografiert von Scherl, archiviert von picture alliance, katalogisiert vom SPIEGEL: das ist ein ganzer Kreislauf der Erinnerung, und er hat, wenn man genau hinsieht, etwas Mechanisches, etwas Beamtetes, etwas, das an die Höflichkeit erinnert, mit der man in Wien 1938 die Listen sortierte. Ordnung ist die Tugend der Täter. Auch die Tugend der Archive, die über sie berichten. Beide schreiben ordentlich. Beide schreiben klein. Beide schreiben, als sei nichts geschehen.

Was also bleibt? Eine Datenbank. Ein Bild. Eine Bildunterschrift. Das Wort Vorläufer. Die Zahl derer, die durchsuchbar geworden sind, ohne daß wir erfahren, wie viele es sind. Und die leise, fast unhörbare Frage, ob wir, im Jahre 2026, wirklich so weit sind, daß uns das genügt. Ich habe diese Frage in Genf gestellt, im Hintergrund, zwischen den Sektempfängen. Sie wurde immer mit einem Lächeln beantwortet. Die Antwort war: natürlich. Die Antwort war: selbstverständlich. Die Antwort war: wir haben unsere Lektion gelernt.

Ich trage weiter Handschuhe. Sie schützen nicht. Sie erinnern nur daran, daß man sich schützen müßte.

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