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Washington: Ein sozialistischer Sieg, ein Eigenheim und die offene Rechnung

21. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Abende, an denen die Geschichte ihre Handschuhe auszieht und mit bloßen Fingern auf den Tisch klopft. Der Dienstag in Washington, dieser Junidienstag des Jahres 2026, war ein solcher Abend. Janeese Lewis George, Stadtratsmitglied, gestützt von den Democratic Socialists of America, trat vor ihre Anhänger und sprach einen Satz, der so alt ist wie die Republik selbst: „Wenn es irgendwelche Zweifel gab, dann sollen sie begraben sein. Es sind die Menschen in Washington, die ihren Bürgermeister wählen." Worte, die nach Souveränität schmecken, gesprochen in einer Stadt, deren Souveränität seit Jahrzehnten an der kurzen Leine des Kongresses hängt.

Sie gewann. Mit zweiundfünfzig Komma neun Prozent der geschätzten Stimmen, sechzehn Komma fünf Punkte vor Kenyan McDuffie, der am Donnerstag anrief, um zu gratulieren — was in der Sprache der Politik so viel bedeutet wie: Ich habe die Reihenfolge verstanden. Neun Mitbewerber hatte sie aus dem Feld geräumt.

Was mich, die ich in Genf Verträge habe sterben sehen, an diesem Abend stutzig macht, ist nicht der Sieg. Es ist das, was im Schatten des Sieges liegt — was die Bühnenbeleuchtung nicht erreicht, was erst sichtbar wird, wenn man die Hände der Akteure betrachtet, während sie bereits winken.

Fangen wir mit dem Eigenheim an. Fünfzehn Tage, nachdem Lewis George in einem Beitrag die Einzelhaus-Zonierung als Instrument gebrandmarkt hatte, das „Segregation bewahrt und Vertreibung verschärft", unterzeichnete sie den Kaufvertrag für ein Haus in Manor Park — einer jener baumbeschatteten Straßen, deren Briefkästen die Preisklasse diskret verraten. Eine Million einhundertneunzigtausend Dollar. Für eine Frau, die das Wohnen als kollektives Gut versteht, ist das keine Sünde, es ist eine Aussage. Nur: eine Aussage, die man nicht ausspricht, sondern lebt — leise, mit geputzten Fenstern und der richtigen Postleitzahl.

Dann die Zahlen. Eine Milliarde einhundert Millionen Dollar Haushaltsdefizit, mitverursacht durch die Entlassungen, die die zweite Trump-Administration in den Bundesbehörden der Stadt verfügt hat. Die scheidende Bürgermeisterin Muriel Bowser schlug eine Ausgabenkürzung von drei Komma sechs Prozent vor. Lewis George will das Gegenteil: eine universelle Kinderbetreuung, gedeckelt bei sieben Prozent des Haushaltseinkommens; kostenlose Busse für Empfänger von Lebensmittelmarken; mehr Wohnungsbauförderung; und — als Krönung — bis zu zweiundsiebzigtausend neue Wohneinheiten binnen fünf Jahren, viele davon in höherer Dichte. Finanziert werden soll all das durch das Schließen von Steuerschlupflöchern und das Kürzen „verschwenderischer" Ausgaben. Die Mittelschicht? Wird nicht angefasst. So spricht jemand, der entweder das Handwerk des Haushaltens nicht erlernt hat oder es nicht erlernen will. Beides ist in dieser Stadt ein wiederkehrendes Motiv.

Dann der dritte Akt, und hier wird das Spiel lehrreich. Während die designierte Bürgermeisterin davon sprach, dass die Menschen in Washington ihren Bürgermeister wählen, kündigte der Mann im Weißen Haus an, er „würde es nicht mögen" und erwog, die Hauptstadt föderal zu übernehmen. „Wir werden Washington zurücknehmen", ließ er wissen. Die Nationalgarde, schon jetzt in den Straßen patrouillierend, wäre die kleinere Sorge; die Metropolitan Police, deren Kooperation mit ICE Lewis George unverzüglich einzustellen verspricht, wäre die größere. Hier liegen die Fäden, die niemals in den Wahlkampfprospekten abgebildet werden: eine Stadt, die sich ihre eigene Sicherheit nicht mehr vollständig leisten kann, die ihre Souveränität Stück für Stück an die Bundesregierung delegiert — und die sich gleichzeitig eine Bürgermeisterin leistet, die ebendiese Souveränität lautstark einfordert, während sie sie faktisch aushändigt.

Das, wenn Sie gestatten, ist die Architektur des Augenblicks. Eine Stadt, die sich zwischen zwei Spielern entscheidet, die beide aus derselben Werkstatt stammen und nur die Aufschrift auf dem Etikett gewechselt haben. Am Ende, so fürchte ich, bleibt ein Defizit, das weiter wächst, und ein Eigenheim, das bereits gekauft ist.

Ich habe in Genf Männern die Hand gereicht, die mir in die Augen sahen und Vereinbarungen unterzeichneten, die sie noch in derselben Nacht brechen würden. Man lernt dort, die Handschrift einer Unterschrift zu lesen, nicht den Text. Was ich in der Wahlnacht von Washington lese, ist eine Unterschrift. Sie ist noch nicht trocken. Beobachten wir sie, wie sie trocknet — und verwechseln wir den Unterzeichner nicht mit dem Inhalt.

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