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ACHT TOTE AUF UNGARISCHEN STRASSEN — UND KEINER FRAGT NACH

21. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Die Straße zwischen Budapest und Balaton ist breit, geteert, neu. Auf dem Papier wenigstens. In der Wirklichkeit ist sie eine Bühne, und vergangene Woche sind acht Menschen auf ihr gestorben, einer nach dem anderen, auf einer Strecke, die jeder LKW-Fahrer kennt. Acht. Nicht einer. Nicht zwei. Acht, hintereinander, in aufeinanderfolgenden Crashes. So steht es in den Meldungen, die hier eintrudeln wie schmutziger Regen. So steht es in den Telegrammen der Polizei. So steht es in den Akten, die niemand öffnen will.

Evelyn singt unten im Café etwas über verlorene Liebe. Sie singt es gut. Sie singt es, als ob das Fenster zur Straße hin nicht aus Glas, sondern aus dünner Luft bestünde. Ich höre ihr zu und denke: Acht Tote. Und was bleibt? Eine Schlagzeile, die morgen schon halb vergessen ist. Ein Formular in einem Revier. Ein Telefonat zwischen Männern in Mänteln, die sich seit zwanzig Jahren kennen.

Die Polizei ermittelt. So heißt es. So heißt es immer, wenn die Maschine der Erklärung erst noch warmlaufen muss. „Aufeinanderfolgende Unfälle" — ein schöner Ausdruck. Technisch. Neutral. Als ob die Straße ein Klavier wäre und jemand aus Versehen acht Mal die falsche Taste gedrückt hätte. Wer drückt die Taste? Wer ölt das Klavier? Wer verdient daran, dass die Tasten klemmen?

Fragen, die der Leser nicht beantworten kann. Ich kann sie auch nicht beantworten. Aber ich kann sie stellen, laut, in einer Stadt, in der die Zeitungen nur das drucken, was die Kanzleien freigeben.

Schauen wir hin.

Die ungarische Regierung hat in den letzten Jahren Straßen gebaut — oder bauen lassen. Die Zahlen, die kursieren, sind beeindruckend, wenn man beeindruckt sein will. Kilometer um Kilometer neuer Asphalt, neue Brücken, neue Auf- und Abfahrten, neue Schilder, die im Regen glänzen wie frische Grabsteine. Es wird modernisiert, sagen die Broschüren. Es wird investiert, sagen die Reden. Es wird aufgeholt, sagen die Männer im Anzug.

Was nicht in den Broschüren steht: Wer legt den Asphalt? Wer kontrolliert ihn? Wer prüft, ob das Material hält, was die Ausschreibung versprochen hat? Welche Firma hat den Auftrag? Welche Firma hat den Auftrag bekommen, weil sie den richtigen Namen auf dem Briefkopf trägt? Welche Firma hat den Auftrag gar nicht bekommen, weil sie den falschen Namen trug — und dann, klagebedroht, leise, mit Handschlag verschwand?

Die Alten bauten Straßen, die Jahrhunderte hielten. Kein Witz. Nur das, was die Erde hergab, und der Starrsinn von Männern, die wussten, dass ihr Name auf dem Meilenstein stehen würde. Heute steht auf unseren Straßen der Name von niemandem, und sie halten sieben Jahre, bis der erste schwere Wagen eine Spurrinne zieht, die tief genug ist, einen anderen Wagen zu schlucken.

Acht Tote. Aufeinanderfolgend. Das ist das Wort, an dem ich mich festbeiße. Aufeinanderfolgend. Das klingt nach Schicksal. Nach einer Laune der Götter, nach einer Wetterlage, nach einem schlechten Tag im Himmel. Es klingt nicht nach einem System. Es klingt nicht nach einer Lieferkette, die irgendwo oben an einem Tisch in einer Seitenstraße in Budapest ihren Anfang nimmt. Es klang nie danach, in keinem Land, in keinem Krieg, den ich begleitet habe.

Die letzten Meldungen aus Ungarn sind dünn. Zu dünn für acht Tote. Eine Agentur, ein Absatz, ein Hinweis auf laufende Ermittlungen. Keine Namen der Opfer, jedenfalls nicht in den Drähten, die ich erreiche. Keine Namen der Fahrer, keine Kennzeichen, keine Spuren, die man auf einer Karte nachzeichnen könnte. So sieht es aus, wenn ein Staat den Vorhang zuzieht. Nicht mit einem Knall. Mit einem leisen Surren, wie ein Projektor, der ausgeht, während im Saal noch jemand sitzt.

Die Mechanik kenne ich. Ich habe sie gesehen, hier und anderswo, zu jeder Zeit, in jedem Staat, der sich modern nennt. Eine Behörde, die ermittelt. Ein Minister, der Anteilnahme zeigt. Eine Ausschreibung, die längst vergeben ist. Eine Firma, die niemand prüft, weil ihre Teilhaber die richtigen Visitenkarten in der Brieftasche tragen. Eine Presse, die nichts Genaues weiß und deshalb nichts Genaues schreibt. Ein Richter, der keinen Grund zur Klage sieht. Ein Toter, der keine Angehörigen hat, die laut genug sind.

So geht das. So ging das in der Depression. So ging das vor dem letzten Krieg. So geht das jetzt, auf einer Landstraße in Ungarn, zwischen Budapest und einem Punkt, den die Karten als Ferienregion verzeichnen.

Evelyn hat aufgehört zu singen. Das Café macht die Lichter aus. Es regnet, wie es in solchen Nächten regnet — gleichmäßig, ohne Eile, als wüsste der Himmel, dass unten niemand mehr aufpasst.

Acht Tote auf ungarischen Straßen. Polizei ermittelt. Acht Wörter, die wiegen nichts. Acht Wörter, die vertuschen alles. Denn zwischen „Polizei ermittelt" und „wir wissen, warum" liegt ein Abgrund, so breit wie die Theiß im März, so schwarz wie der Kaffee, den Evelyn mir bringt, wenn ich zu lange schreibe.

Und ich? Ich werde morgen weiterfragen. Nicht weil ich glaube, dass jemand antwortet. Sondern weil die Straße zwischen Budapest und dem, was man Fortschritt nennt, noch nicht zu Ende ist. Weil irgendwo ein Lastwagen fährt, beladen mit etwas, das wir eines Tages finden werden — auf dem Papier, in einer Rechnung, in einem Satz, der zu schnell gesprochen wurde, als dass die Kamera ihn hätte mitschneiden können.

Acht Tote. Die Straße hält. Der Regen hält. Die Maschine hält.

Nur die Antwort hält nicht.

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