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REEDER-GOLD UND SCHROT — ZWEI TOTE AUF SAFARI

21. Juni 2026 — — — E. Wolff

Man schreibt mir aus Kapstadt. Eine sechsundzwanzigjährige Millionenerbin — deutsch, Tochter eines Reederhauses, dessen Namen in den Schiffsregistern von Hamburg bis Lüderitz steht — erschossen auf dem eigenen Wildgehege der Familie. Am Tag darauf der zweite Tote. Ein „enger Freund", wie die Familienanwälte formulieren, ein Mann, der am Vortag an Schussverletzungen verstorben war.

Zwei Schüsse. Eine Lodge. Vierundzwanzig Stunden.

So sieht es aus, wenn Geld sich selbst die Beerdigung bestellt.

Ich habe in den Bilanzen der Handelskammer gesessen und zugesehen, wie die Zahlen kleiner wurden, während die Männer in den Nadelstreifen größer redeten. Ich weiß, wie ein Haus aussieht, das von außen glänzt und von innen fault. Ich weiß auch, wie ein Schuss klingt, der nicht von einem Wilderer kommt.

Die Erbin war sechsundzwanzig. Sie war Millionärin, weil ihr Großvater zur rechten Zeit die rechte Flagge auf den rechten Frachtdampfer malte. Kohle nach Lüderitz, Wolle nach Hamburg, die fromme Arbeit des Kapitals. Sie erbte nicht nur Geld. Sie erbte eine Erklärung, falls jemand zu genau hinschaut: das Wildgehege.

Eine Luxusfarm in Südafrika, Familienbesitz, Löwen, Antilopen, das volle Programm. Solche Anwesen kosten in der Anschaffung so viel wie ein mittlerer Frachtdampfer — der Unterhalt kostet mehr. Wer so etwas unterhält, hat nicht nur Vermögen. Der hat eine Kulisse. Eine Kulisse, auf der man Geschäfte zeigen kann, die im Hafen nicht gezeigt werden dürfen. Eine Kulisse, auf der zwei Tote nicht weiter auffallen, weil überall Gewehre liegen.

Dann der „enge Freund".

In der Sprache der Banken, der Testamente und der Leichenhalle bedeutet „enger Freund": erstens Liebhaber, zweitens Kompagnon, drittens Mitwisser, viertens alles zugleich. Es ist dasselbe Wort, das in Erbschaftsprozessen auftaucht, in Scheidungen, in den Akten, die nachts verbrannt werden. Es ist das Wort, das die Anwälte benutzen, wenn die Wahrheit zu teuer wird.

Der Mann — nennen wir ihn vorläufig den Freund, weil die Reederei ihn sonst zu etwas anderem machen wird — wird auf demselben Anwesen mit Schussverletzungen aufgefunden. Er überlebt den Tag nicht. Am nächsten Morgen die Erbin. Ebenfalls Schuss. Ebenfalls dieselbe Adresse.

Nun ist Südafrika ein Land, in dem Schüsse zum Geschäftsleben gehören. Farmer schießen. Wilderer schießen. Die Polizei schießt, wenn das Gehalt stimmt. Aber zwei Schüsse, zwei Tote, eine Lodge, ein und dieselbe Familie — das ist kein Zufall. Das ist Bilanz. Das ist ein Eintrag in einer Spalte, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war.

Sechsundzwanzig Jahre. Das ist kein Alter, in dem Frauen sterben. Das ist ein Alter, in dem Frauen in solchen Häusern nicht mehr gefragt werden. Sie werden übergeben. An Söhne befreundeter Häuser, an Generäle mit gutem Händedruck, an Bankiers mit Manieren. Wer sich weigert, wird unbequem. Wer unbequem wird, geht auf Reisen. Wer auf Reisen geht und nicht zurückkommt, hat Pech gehabt.

Das Pech hat einen Namen. Es heißt Erbe.

Die Polizei spricht von Ermittlungen. Die Reederei spricht von Trauer. Die Anwälte sprechen von Pietät. Ich spreche von einer Farm, die mehr wert ist als die Rente, die eine Hamburger Dockarbeiterin bekommt, wenn ihr Mann aus der Takelage fällt. Ich spreche von zwei Namen, die in den nächsten Tagen aus den Zeitungen verschwinden werden, weil zwischen Kapstadt und Hamburg andere Dinge wichtiger sind als zwei Schüsse im Busch.

Die Reederei wird in diesem Jahr Dividende zahlen. Die Schiffe werden fahren. Die Flagge wird wehen. Die Familienkapelle wird den Todesfall protokollieren, mit kleinem Vermerk, mit gedruckter Trauer. Und wer nachfragt, wer wirklich nachfragt, der wird lernen, was ich damals gelernt habe: dass die Bücher am Ende nie ausgeglichen sind. Dass Bilanzen gefälscht werden, dass Tote vergessen werden, dass Geschütze umgeladen werden.

Zwei Tote. Eine Farm. Eine Reederei. Ein Schweigen, das nach Petroleum und alten Frachtbriefen riecht.

Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Dann fange ich an zu rechnen.

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