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Wenn der Saal sich leert, spielt die Musik weiter

21. Juni 2026 — — — Kastner

Manchmal genügt eine einzige Woche, um das Drehbuch einer Institution zu lesen. Die BBC hat es diese Woche aufgeschlagen, laut, mit Pathos, in der gewohnt britischen Manier des geordneten Niedergangs. Zwei­tausend Stellen sollen fallen, ein Zehntel der Kosten quer durch alle Abteilungen, zuerst trifft es den Nachrichten­betrieb. Das berichtet die Financial Times, gestützt auf Leute, die es wissen müssen, also auf jene, die noch übrig sind, bis auch sie erfahren, dass sie übrig waren. Reuters, immer höflich, vermerkt, man habe das nicht unmittelbar verifizieren können. Eine schöne Formulierung. Unmittelbar verifizieren — das heißt: noch nicht.

Die BBC tut, was alte Institutionen tun, wenn das Geld knapp wird und die Lizenzgebühr zur politischen Waffe: Sie opfert das, was man nicht sieht, damit das, was man sieht, weitergehen kann. Studios bleiben hell, Moderatoren bleiben glatt, das Logo bleibt makellos — aber dahinter, in den Redaktionen, in den Auslands­büros, in den Nachtschichten, wo die Arbeit getan wird, schneidet man. Singapur hat man bereits angerichtet, Washington zieht nach, und nun London, das Herz, das sich selbst den Aderlass verordnet.

In dieselbe Woche fällt eine andere Geschichte, eine, die wie ein kleiner Operetten­zwischenfall aussieht, aber zur Mechanik des Ganzen gehört wie der Kontrapunkt zur Melodie. Jermaine Jenas, einst gefeierter Moderator bei der BBC, gefeuert wegen einer Sexting-Affäre, geschieden, angeschlagen, kehrt zurück vor die Kamera. Es ist ein Comeback, natürlich ist es ein Comeback — das Wort wird in dieser Branche verwendet wie ein Rettungsring für jemanden, der schon im Wasser liegt. Die Interviewerin, Kate Garraway, stellt Fragen, die Jenas als unfair empfindet. Das Gespräch kippt. Man spricht, in den Medien, die das Gespräch zu besprechen haben, von einem „car-crash interview", von einem Blutbad, von einem Durst nach Blut. Jenas selbst spricht später von einem Durst nach Blut bei seinen Fragestellern. Ein schöner Schachzug: Wer angeklagt wird, klagt zurück, und beide Seiten behaupten, sie hätten nur ihre Pflicht getan.

Man muss das nicht mögen. Man muss es lesen.

Denn was hier nebeneinander liegt — die Stellen­streichung und das öffentliche Verschlungen­werden eines gestürzten Moderators — ist kein Zufall. Es ist die Ökonomie des Spektakels in ihrer reinsten Form. Eine Send­anstalt, die sich selbst aus­höhlt, braucht Füllung. Talkshows, die ohne eigenes Reporter­netz kaum noch Substanz haben, brauchen Sensation. Ein Mann, der fällt, ist Sensation. Ein Sender, der fällt, ist es nicht — Fälle nach unten sind langweilig, sie werden in Aufsichts­rats­sitzungen abgehandelt, mit gedämpfter Stimme und Anwalts­post.

Die BBC, das muss man ihr zugute halten, war immer gut im Verwalten eigener Wunden. Sie hat den Skandal erfunden, das Vertrauen zerstört und das Vertrauen wiederhergestellt, mit denselben Gesichtern, in denselben Studios. Sie hat, wie jeder Hof, gelernt, dass die Hinrichtung eines Höflings die anderen bei Laune hält. Jenas ist nützlich. Nicht trotz seines Sturzes, sondern wegen. Sein Sturz füllt Slots, sein Versuch der Wieder­auferstehung füllt weitere Slots, sein Vorwurf des Blutdurstes füllt Kommentare, die wiederum Slots füllen. Es ist ein Kreislauf, effizient, fast schon ökologisch, wenn das Wort in diesem Zusammenhang erlaubt wäre.

Zweitausend Menschen dagegen sind nicht effizient zu recyclen. Sie haben kein Kameragesicht, keine Affäre, die sich zu einer Geschichte fügt. Sie sind Redakteurinnen, die Korrektur lesen, Producer, die Gäste einladen, die nicht prominent genug sind, um prominent zu sein, und Korrespondenten, deren Berichte niemand mehr sieht, weil das Budget für Auslands­bericht­erstattung längst ein Posten auf einer Liste ist, die irgendwann jemand abhakt. Sie verschwinden in der Stille, die keine Sendezeit kostet.

Was bleibt, ist eine Anstalt, die ihre Innereien opfert, damit ihre Hülle weiter­scheint. Ein Sender, der Moderatoren verschlingt und Mitarbeiter entlässt, und beides nennt er Erneuerung. Die einen erneuern das Programm, die anderen erneuern die Spar­bilanz. Beide Vorgänge tragen denselben Namen, was das einzig Moderne an der Sache ist.

In Genf habe ich einmal zugesehen, wie ein Vertrag unterzeichnet wurde, den alle Anwesenden nicht halten würden. Die Hände schüttelten sich, die Kameras liefen, die Gesichter lächelten, und die Männer, die logen, wussten, dass ich wusste, dass sie logen. Es war kein böser Trick. Es war ein Verfahren. Man einigt sich auf das Sichtbare, damit das Unsichtbare weiterhin unsichtbar bleiben kann.

Die BBC handelt nicht anders. Sie zeigt uns Jenas, der blutet, und die Stellen­streichung, die blutet, und versichert uns, beides sei ein Akt der Erneuerung. Man muss nur zuhören, mit der Geduld einer Frau, die schon viele Erneuerungen gesehen hat. Dann hört man, was wirklich gesagt wird: dass die Bühne bleibt, die Statisten wechseln, und das Publikum klatscht, solange das Orchester spielt.

Es spielt noch. Es spielt immer. Aber die Musik wird leiser, und wer genau hinhört, hört, dass weniger Hände sie spielen.

Das ist, wenn man so will, der Zug, den die Anstalt gerade macht. Man sieht die Dame, die geopfert wird. Man sieht den Bauern, der gezogen wird. Was man nicht sieht, ist die Figur, die am Ende des Bretts steht und darüber lächelt, dass niemand mehr hinschaut.

1937. Die Welt spielt Schach. Und wer die Züge kennt, weiß: Das Spiel ist längst entschieden. Es wird nur noch aufgeführt.

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