Die Kohle bleibt: Merz, die Industrie und das leise Eingeständnis
Manche Wörter verraten sich selbst. Kohleausstieg. Vier Silben, klingen nach Fortschritt, klingen nach Plan. Nach Zahlen, die irgendjemand in einem Ministerium auf eine Tafel geschrieben hat, damit sie nach Versprechen aussehen. 2038 für Steinkohle. 2030 für Braunkohle, für den Lignit, der am meisten CO2 freisetzt. Schöne runde Jahreszahlen. Schön weit weg.
Jetzt, im Jahr 2025, sagt der Mann, der das Land mit Strom versorgen soll: Der Plan ist unrealistisch geworden. Friedrich Merz hat im März einen Satz gesagt, der in keiner Schlagzeile stand, weil er zu lang war für das Format, der aber alles zusammenfasst, was Sie wissen müssen. „Wir müssen dieses Land mit Strom versorgen. Ich bin nicht bereit, den Kern unserer Industrie aufs Spiel zu setzen, nur weil wir Ausstiegspläne verabschiedet haben, die unrealistisch geworden sind."
Worte eines Mannes, der weiß, wo der Schalter ist. Die Frage ist nur, wer dafür bezahlt.
Schauen wir uns die Zahlen an. Nicht die aus den Broschüren. Sondern die, die nirgends stehen. Zwanzig Prozent des deutschen Stroms kommen aus Kohle. Fünfzigneun Prozent aus Erneuerbaren. Dreizehn Prozent aus Gas. Kernkraft null, weil 2023 die letzten Meiler vom Netz gingen, endgültig, mit Ansage, mit Versprechen. Was übrig bleibt, ist ein Land, das sich selbst in die Knie geschossen hat, was die Versorgungssicherheit angeht. Und das jetzt, wo der Wind nachlässt im Winter, wo Solar nicht reicht, wo die Sonne um vier Uhr nachmittags den Horizont kippt und nichts mehr liefert, etwas braucht, das rund um die Uhr brennt.
Kohle brennt. Kohle brennt immer. Kohle brennt billig.
Aber Kohle hat einen Preis, der nicht auf der Rechnung steht. Den zahlen die Felder hinter Garzweiler. Den zahlen die Dörfer, die abgebaggert werden, eine Hand voll Häuser, eine Kirche, ein Friedhof, dann noch eine Hand voll Häuser. Den zahlt die Luft über dem Rheinland, die nach Schwefel riecht und nach Feinstaub. Den zahlen die Jungen, die in zwanzig Jahren fragen werden, warum. Die Alten wissen es schon.
Aber das ist nicht das Thema. Das Thema ist, wer das Ruder herumgerissen hat. Wer profitiert.
Schauen wir genauer hin. Deutschland importiert fünfundneunzig Prozent seines Erdgases. Fünfundneunzig. Das ist keine Zahl, das ist ein Geständnis. Ein Land, das sich abhängig gemacht hat von Pipelines, von Lieferanten, von einer geopolitischen Lage, die es nicht kontrolliert. Und dann kam der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran. Die Gaspreise schossen hoch. Plötzlich wurde Gas teuer, sehr teuer. Plötzlich rechnete sich Kohle wieder. Plötzlich sprach niemand mehr vom Ausstieg.
So geht das. Nicht mit einer Ansage. Nicht mit einer Pressekonferenz. Sondern leise. Mit Sätzen wie dem von Merz, der wie ein Eingeständnis klingt und wie eine Drohung.
Während die Bundesregierung noch so tut, als würde sie abwägen, als würde sie prüfen, freut sich einer. Laut, offiziell, schwarz auf weiß. Die LEAG, Lausitz Energie Bergbau AG, zweitgrößter Braunkohleförderer Deutschlands, hat eine Erklärung abgegeben. Sie begrüße sehr, dass die Bundesregierung nicht nur die mittelfristige, sondern auch die langfristige Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt ihrer Energiepolitik stelle. So steht es im Statement. So steht es schwarz auf weiß. Während die einen noch so tun, als wäre der Ausstieg ein Ziel, sagt die andere: Danke. Wir haben verstanden. Wir liefern. Die LEAG hat ihre Lieferungen gesteigert. Die Politik hat bestellt. Die LEAG hat geliefert. So einfach ist das Geschäft.
Deutschland sitzt auf den größten Braunkohlereserven Europas. Auf den drittgrößten der Welt, gleich nach China, Indien und den Vereinigten Staaten. Wir sind der viertgrößte Kohlenstromproduzent der Erde. Wir sitzen auf einem Berg. Wir sitzen auf einem brennenden Berg. Und dieser Berg brennt billiger als das Gas, das wir importieren müssen. Billiger als der Wind, der nicht weht, wenn er soll. Billiger als die Sonne, die nicht scheint, wenn man sie braucht.
Und es ist nicht nur Deutschland, das so rechnet. Japan hat die Regeln gelockert, lässt mehr Kohle zu. Italien verschiebt den Ausstieg auf 2038, vier Jahre nach dem Datum, das Deutschland sich selbst gegeben hat. Indien hat Wartungsabschaltungen verschoben. Überall auf der Welt passiert dasselbe. Überall schleichen sich die Regierungen zurück, leise, ohne Schlagzeilen, mit denselben Vokabeln: Versorgungssicherheit. Industrieller Kern. Realistisch.
Wissen Sie, was das ist? Das ist der Triumph der Bilanzen über die Versprechen. Das ist der Triumph der Industrie, die immer wusste, dass die Wende so nicht funktioniert, und die jetzt, wo die Gaspreise hoch sind und die Speicher leer und die Werke ächzen, endlich laut sagen darf: Wir haben es euch gesagt.
Gas, das ist die andere Seite der Rechnung. Erdgas, dreizehn Prozent des deutschen Stroms, emittiert ungefähr halb so viel CO2 wie Kohle. Halb so viel. Das war der Plan: Kohle raus, Gas rein, als Brücke, bis die Erneuerbaren groß genug sind. Eine Brücke, die jetzt teurer wird, mit jedem Tag, mit jedem Konflikt in einer der Regionen, aus denen wir unser Gas beziehen.
Merz hat nicht gesagt, der Ausstieg sei tot. Er hat gesagt, er sei unrealistisch. Das ist politische Sprache. Das heißt: Wir machen weiter, aber wir reden nicht mehr darüber. Wir machen weiter, aber wir nennen es was anderes. Wir machen weiter mit der Kohle, mit dem Lignit, mit dem billigen Brennstoff, der unsere Industrie am Laufen hält und unsere Luft verpestet und unsere Dörfer frisst.
Das ist kein Politikwechsel. Das ist ein Eingeständnis. Ein Eingeständnis, dass der Ausstieg nie mehr war als ein Versprechen, das in besseren Zeiten gemacht wurde. In Zeiten, in denen Gas billig war und die Sonne schien und der Wind wehte und niemand fragte, was passiert, wenn keines von alldem stimmt.
Versprechen sind in diesem Geschäft nichts wert. Versprechen sind das, was Politiker sagen, wenn sie gewählt werden wollen. Kohle ist das, was sie verbrennen, wenn sie regieren.