DAS FEST UND DER LETZTE AUFZUG
Chicago, irgendwann im Juni. Die einen feiern. Die anderen warten auf den nächsten Stock.
Fünfzehn Meilen trennen die beiden Geschichten. Die erste ist laut, bunt, filmreif. Die zweite ist still und riecht nach Desinfektionsmittel und Angst. In Jackson Park, am Südzipfel der Stadt, hat man dem ersten schwarzen Präsidenten dieser Republik ein Denkmal gebaut. Eine Festung, sagen die Architekten. Ein Kreuzritter-Castell, sagen die Anwohner. Ich sage: ein Bunker mit Goldrand. Erbaut auf einem öffentlichen Park, gestiftet von Oligarchen, eröffnet am Tag, an dem die Sklaverei ihr Ende fand. Juneteenth. Der Tag der befreiten Ketten. Und was macht man daraus? Eine Celebrity-Soap. Ein Familientreffen mit Kameras, Selfies und Michelle, die wieder einmal lächelt, als wäre die Kamera ein lange vermisstes Familienmitglied.
Während drüben, in Oak Park, fünfzehn Meilen nordwestlich, der Aufzug des West Suburban Medical Center stehenbleibt. Das ist kein Gleichnis. Das ist eine Feuerwehr, die ausrücken muss, um Patienten aus den oberen Stockwerken zu holen. Dialyse-Patienten. Leute, die dreimal die Woche vier Stunden an einer Maschine hängen, weil ihre Nieren den Dienst quittiert haben. Hundertvierzig von ihnen. Die müssen plötzlich woanders hin. „We have basically been scrambling to move 140 patients", sagt der Arzt. Wir rätseln. Wir betteln. Wir fahren.
Das Krankenhaus war im März zugemacht worden, von heute auf morgen. Was blieb, war ein leeres Gebäude, in dem noch ein paar Arztpraxen ihr Tagwerk taten. Eine Dialyse im fünften Stock. Drei Kliniken vom PCC Community Wellness Center. Dann fiel der Aufzug aus. Die Feuerwehr kam. Oak Park hat das Gebäude am elften Juni endgültig für die Öffentlichkeit gesperrt. Sicherheitsleute und Hausmeister dürfen noch rein. Patienten nicht.
Vierzehn Stockwerke Hoffnung, abgeschnitten durch eine kaputte Hydraulik. So sieht das Ende aus, wenn Private Equity sich sattgefressen hat.
Pipeline Health, das war der Name. Eine Krankenhauskette, gestützt von Heuschrecken-Geld. Pipeline hat das West Suburban ausgepresst wie eine Zitrone, dann liegengelassen. Weiss Memorial hat dieselben Leute im letzten Jahr zugemacht. Westlake schon 2019. Drei Krankenhäuser in einer einzigen Stadt. Drei Leichen. Pipeline hält immerhin noch eine nachrangige Anleihe über siebenundsechzig Millionen Dollar, gebunden an den Nachfolger Resilience Healthcare. Gekauft wurde das Ganze 2022, gemeinsam mit dem Vermieter Ramco Healthcare Holdings.
Jetzt streiten sie sich vor Gericht. Ramco, Resilience, Pipeline, und aus Miami ist noch Rialto Capital Advisors dazugestoßen. Ein schönes Quartett. Vier Heuschrecken, die sich um die Knochen zanken, während die Patienten in den Nachbarvierteln nach einem Dialyse-Platz suchen. Manche fahren jetzt weiter. Manche bekommen keinen Termin zur gewohnten Zeit. Manche werden in der Notaufnahme landen, weil ihr Kalium zu hoch ist, ihr Blut zu sauer, ihr Herz zu müde. Das ist kein Szenario. Das ist die Regel.
Fünfzehn Meilen. Die Obama-Festung und das West Suburban Medical Center. Der Empfang mit Champagner und die Feuerwehr auf der Intensiv. Wer will, kann das als zwei Amerikas lesen. Ich lese es als ein Amerika. Dasselbe nämlich. Dasselbe Geld, dieselbe Logik, dieselbe Geste: die Show nach außen, der Schnitt nach innen. Die einen bekommen eine Bühne, gestiftet von Leuten, die ihr Vermögen nicht erklären müssen. Die anderen bekommen einen Krankentransport.
Obama hat acht Jahre lang zugesehen, wie die schwarze Mittelschicht dünner wurde. Er hat die Wall Street nicht angerührt. Er hat die Spielregeln nicht geändert. Er hat den Banken das Geld hinterhergeworfen, das auf den Straßen fehlte. Er hat das, was man Heimat nennt, in Aktienrente verwandelt, die in keinem Crash mehr etwas wert ist. Er hat die Heuschrecken nicht angerührt, und die Heuschrecken haben ihm zum Deckel das Denkmal gebaut.
Es gibt eine Sorte von Amerikanern, die glaubt, damals sei alles besser gewesen. Damals, als Obama regierte. Damals, als alles glänzte. Ich frage mich, was diese Leute eigentlich gesehen haben. Welche Zeitung sie gelesen haben. Welches Land sie meinten. Die schwarzen Familien in Chicago, die in den letzten fünfzehn Jahren ihr letztes Sparkonto verloren haben, ihr Haus, ihre Krankenversicherung — die kennen die Wahrheit. Die brauchen keinen Bau in Jackson Park. Die brauchen einen Aufzug, der funktioniert.
Morgen wird wieder gefeiert. Irgendwo wird ein Band durchgeschnitten. Es gibt Champagner, Reden, lächelnde Gesichter. Am West Suburban wird das Sicherheitspersonal die Tür abschließen. Die Dialyse-Patienten werden in Bussen sitzen, länger unterwegs sein, und irgendwo wird ein Arzt sagen: Wir tun, was wir können.
In diesem Land, Freunde, ist das immer noch der Satz, der am häufigsten fällt.