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Tausend Schleusen am Markt: Anatomie eines Krebspreises

22. Juni 2026 — — — Prof. Kessler

Krebs ist ein Geschäft. Wer das vergessen hat, dem sei die jüngste Enthüllung des Internationalen Konsortiums für Investigative Journalisten empfohlen: Unter dem Titel "Cancer Calculus" haben 47 Medienpartner rund um den Globus ein Geflecht freigelegt, das in seiner Eleganz bestialisch ist.

Im Zentrum steht Keytruda. Ein Wirkstoff, der Tumore nicht heilt, aber das Leben verlängert. Ein Mittel also, das Patienten brauchen wie die Luft zum Atmen. Der Hersteller Merck – und mit ihm andere Krebsforschungsunternehmen – hat nach Erkenntnissen der Reporter mehr als 1.200 patentbezogene Anmeldungen in 53 Ländern eingereicht. Selbst, oder gerade weil, das Präparat seit Jahren zugelassen ist.

1.200 Anmeldungen. Nicht eines, nicht zwei. Tausendzweihundert. Jede einzelne ist ein kleiner Damm im Fluss des Wettbewerbs. Jede verhindert, dass ein Generikum zu früh auf den Markt kommt. Jede verlängert die Monopolstellung um Monate, manchmal um Jahre. Die Mathematik dahinter ist simpel, das Ergebnis ist kriminell: Während Patienten in Guatemala, in Südostasien, in den Elendsvierteln Kalkuttas auf den Zugang zu dem Medikament warten, kassiert Merck in den Industrieländern Preise, die selbst gut versicherte Bürger an den Rand der Verzweiflung bringen.

Sydney P. Freedberg, der Chefredakteur des ICIJ, hat die Ergebnisse dieser Tage in einer virtuellen Diskussion vorgestellt. An seiner Seite: Bill Pajerowski, Gesundheitsökonom bei Serif Health, ein Mann, der die Zahlen liest wie andere Leute Gedichte. Carmen Molina Acosta, die Digitalproduzentin, führte durch den Abend. Was sie zeigten, war weniger eine Enthüllung als eine Sezierung. Die Branche, so der Tenor, nutzt Patente, Preisgestaltung und Abrechnung als ein einziges großes Verteidigungssystem – und die Patienten stehen außerhalb der Festungsmauer.

Man darf sich das vorstellen wie ein Wasserreservoir. Oben sitzt der Konzern. Er kontrolliert die Quelle, die Rohre, die Hähne. Nach unten fließt nur, was nach Genehmigung fließen darf. Wer ohne Genehmigung zapft, wird verklagt. Wer nachfragt, wird hingehalten. Wer arm ist, geht leer aus.

Die Reaktion folgte prompt. Parlamentarier sprachen von "inakzeptablen Zuständen". Ein schönes Wort. Es bedeutet nichts, solange die Verträge nicht offenliegen. Solange die 1.200 Patente nicht einzeln auf ihren Sinn und Zweck geprüft werden. Solange die Kliniken schweigen, die Verträge unterschreiben müssen, um ihre Patienten überhaupt behandeln zu können.

Ich habe in dreißig Jahren viele Moleküle kommen und gehen sehen. Penicillin. AZT. Die antiviralen Therapien gegen HIV. Jedes Mal erzählte man uns die Geschichte vom Fortschritt, der allen zugutekommt. Jedes Mal stellte sich heraus, dass "allen" ein sehr kleines Wort ist, gemessen an der Weltbevölkerung. Keytruda ist nur das nächste Kapitel. Aber es ist ein besonders gut dokumentiertes. Dafür sei den 47 Redaktionen gedankt.

Die Reporter mussten nach Guatemala reisen, um Akten zu finden, die anderswo verschwanden. Sie mussten Abrechnungssysteme analysieren, in denen Summen auftauchen, die kein menschliches Auge ohne Vorbildung entziffern kann. Sie mussten mit Patienten sprechen, die zwischen Hoffnung und Rechnung lebten. Investigativarbeit ist selten glamourös. Meist ist sie Aktenarbeit, Ausdauer, und die Kunst, die richtige Frage zweimal zu stellen.

Die wahren Fragen liegen ohnehin tiefer. Was bedeutet "Lebensrettung", wenn ihr Preis jenseits der Reichweite der meisten liegt? Was bedeutet "Zugang", wenn die Schleusen geschlossen sind? Und was bleibt von einer Medizin, die sich selbst zur Ware macht?

Fragt die Abgeordneten, die jetzt "inakzeptabel" rufen. Fragt die Kassen, die die Preise zahlen. Fragt Merck. Und fragt euch: Wem gehört das Leben, wenn der Markt es sich nimmt?

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