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Das Thermometer als Bühne — Londons Hitzedom und die Maschine der Bekanntmachung

22. Juni 2026 — — — Kastner

Man darf sich den britischen Sommer 2026 nicht als Naturereignis vorstellen. Man muß ihn als Inszenierung lesen, als jene Sorte von Choreographie, bei der das Quecksilber die Souffleuse ist und die Ministerialbeamten die Statisterie. Eine Hitzewelle kommt, das war seit Jahren absehbar — und seit Jahren wurden die Gleise nicht erneuert, wurden die Schulen nicht klimatisiert, wurden die Straßen nicht mit dem Material belegt, das einem Klima gewachsen wäre, das niemand mehr bestreiten kann. Aber die Bekanntmachung, die kommt pünktlich. Die Regierung erläßt eine Hitzegesundheitswarnung, das Met Office spricht von 30 Grad ab Donnerstag, sechs Tage lang, London wärmer als Ibiza am Wochenende, und das Land atmet erleichtert auf, weil jemand endlich etwas gesagt hat. Es sagt nur nichts.

Sehen wir genauer hin, hinter die Pressekonferenz, auf der die Meteorologen ihre Karten zeigen wie einst die Generale ihre Frontlinien. Wir sehen Schulen, die früher schließen — nicht weil ein pädagogischer Notstand ausgerufen wurde, sondern weil die Räume seit Jahrzehnten nicht denkmalschutzgerecht heruntergekühlt werden konnten, weil kein Budget da war, das mehr war als ein Posten in einer Tabelle. Wir sehen Züge, die sich auf verbogenen Schienen verspäten, Gleise, die weich werden wie billige Schokolade in der Sonne, und niemand erwähnt, daß die Netzgesellschaft Network Rail seit einem Jahrzehnt weiß, wo die Schwellen marode sind. Wir sehen Straßen, die schmelzen, und Asphalt, der 1973 gemischt wurde für ein Klima, das es nicht mehr gibt. All das ist nicht das Wetter. All das ist eine Rechnung, die nicht bezahlt wurde.

Und dann die DIY-Klimaanlagen, jener Trotz der kleinen Leute, der in den Schlagzeilen als tödliches Hackerlager erscheint — ein elektrischer Schlag hier, ein Kurzschluß dort, und die Experten, stets die Experten, warnen mit dem traurigen Ernst von Männern, die das Falsche lösen. Als sei das Problem der populäre Ventilator, und nicht die Infrastruktur, die den Ventilator nötig macht. Die Menschen kaufen sich ihre Kühlung selbst, weil der Staat sich aus der Kühlung zurückgezogen hat, und dann werden sie bestraft für die Eigeninitiative, die er nicht erbringen wollte. Das ist ein Mechanismus, den man kennen muß, wenn man Inselpolitik verstehen will: erst privatisieren, dann warnen, dann die Privatinitiative als Gefahr markieren.

Man beachte die Sprache. Nicht „Hitzewelle“, sondern „Hitzedom“ — eine Metapher, die klimatologisch korrekt sein mag, politisch aber eine Offenbarung. Der Dom schließt ein, der Dom schützt nicht, der Dom ist ein Gebilde, in dem die Luft steht. Auch ein Königreich kann ein Dom sein, in dem die Luft steht. Auch ein Parlament, das Hitzewarnungen ausgibt statt Baumaßnahmen, lebt unter einer Kuppel, die es selbst errichtet hat.

Die britische Presse wird in den kommenden Tagen Bilder zeigen: Kinder, die in Schuluniformen auf dampfenden Sportplätzen sitzen. Pendler, die in Zügen ohne Klimaanlage ohnmächtig werden. Alte, die in Wohnungen sterben, die nicht einmal ein Thermometer enthalten. Die Bilder werden berühren, und die Berührung wird kurz sein, denn am Donnerstag wird das Wetter umschlagen, und am Freitag wird die Maschine der nächsten Bekanntmachung bereits warmlaufen. Eine Wahl steht an, ein Premierminister ist gestolpert, ein Nachfolger wird gekrönt, und das Königreich wird wieder einmal regiert von der Vorsehung des Moments.

Ich trage Handschuhe, wenn ich dies schreibe, nicht weil es kalt ist, sondern weil ich die Dinge nicht mehr ohne Abstand berühre. Man hat mir in Genf Verträge gezeigt, die niemand halten wollte, und ich habe gelernt: Was ein Staat ankündigt, ist immer das Gegenteil dessen, was er vorbereitet hat. Wenn die Regierung also eine Hitzegesundheitswarnung ausgibt, dann lese ich: Wir haben nichts unternommen. Wenn das Met Office 40 Grad vorhersagt, dann lese ich: Wir wußten es. Wenn Schulen früher schließen, dann lese ich: Wir konnten sie nicht öffnen.

So brennt Britannia, wie es immer gebrannt hat — an der eigenen Gleichgültigkeit, verkleidet als Schicksal. Und die Welt spielt Schach, und die Züge sind längst gemacht, und die Königin steht auf dem Feld, auf dem sie sich immer stellt, wenn das Brett zu heiß wird: Sie hält eine Pressekonferenz.

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