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Frankreich löst das Tau: Lecornu beendet das Palantir-Spiel

22. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die wie Handschläge klingen und in Wahrheit Kündigungen sind. Sébastien Lecornu, Premierminister der Republik, hat einen solchen Satz in die Kameras gesprochen, als handle es sich um eine Randnotiz in einem Protokoll: »Wir können im digitalen Bereich keine neuen strategischen Abhängigkeiten akzepten.« Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht — und wer, wenn nicht die geschulten Augen der Quai d'Orsay, hätte das nicht gelernt? —, der hört darin das Geräusch einer schweren Tür, die leise ins Schloss fällt. Frankreich, so lässt sich die Botschaft entschlüsseln, hat genug gesehen. Genug gewartet. Genug vertraut.

Denn vertraut wurde. Jahrelang. Der französische Inlandsgeheimdienst DGSI, jene Behörde also, die das Innere einer Nation zu hüten hat wie ein Tresor das Gold, hatte seine Datenanalyse einer Firma anvertraut, die 2003 in Palo Alto gegründet wurde und deren Mitgründer ein deutschstämmiger Milliardär namens Peter Thiel ist — ein Mann, von dem die Akten der Gegenwart berichten, er sei ein wichtiger Unterstützer jenes US-Präsidenten, der die Welt derzeit mit dem Charme eines Schuldirektors unterhält, der beim Sonnensturm die Fenster schließt und die Schüler nachsitzen lässt. Palantir, das ist keine gewöhnliche Softwarefirma. Palantir ist ein umstrittenes Instrument, eine Architektur der Macht. Die Software vereinheitlicht Datenströme, saugt sie zusammen, macht sie lesbar im Bruchteil einer Sekunde — und damit, so viel weiß man in den Etagen, in denen man die Fäden zieht, auch: verwertbar. Für Regierungen. Für Geheimdienste. Für jene, die Muster suchen, lange bevor andere noch begriffen haben, dass es überhaupt welche gibt.

Nun also der Bruch. Lecornu kündigt an, 655 Millionen Euro in eine eigene Infrastruktur zu investieren — in »Forschung, Unternehmen und Industriezweige«, wie er sagt, jener vorsichtig gepflegten Sprache bedienend, die in den Amtsstuben der Republik seit jeher dann bemüht wird, wenn man andeuten will, ohne zu viel preiszugeben. Das Geld solle fließen in Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. In eine eigene. In eine, die nicht in den Händen jener liegt, deren guter Wille morgen schon ein anderer sein kann — sofern er es nicht heute schon ist. Ziel müsse es, so fügt er hinzu, sein, »echte Autonomie aufzubauen«.

Dass Lecornu diesen Satz überhaupt aussprechen musste, hat einen Vorlauf, der wie ein Drama in drei Akten daherkommt, nur dass die Akte hier in Monaten gezählt werden, nicht in Jahrhunderten. Da ist zunächst die Anordnung der US-Regierung an das Unternehmen Anthropic, den Zugang zu dessen leistungsstarken Modellen — Fable 5 und Mythos 5 — für Nicht-US-Bürger zu sperren. Ein Federstrich in Washington, ein Diktat aus dem Westen, und tausend Wissenschaftler, Behörden, Geheimdienste in Europa stehen vor verschlossenen Türen. Anthropic, so entfaltet sich die Ironie der Stunde, entschied sich daraufhin, den Zugang kurzerhand für alle Nutzer zu blockieren. Eine Geste der Geschäftsmoral? Eine Übung in strategischer Klugheit? Man mag es nennen, wie man will. Die Botschaft war unmissverständlich: Wer sich auf das Wohlwollen eines Partners verlässt, der jenseits des Atlantiks residiert, baut sein Haus auf Sand, und morgen vielleicht auf gar nichts mehr. In Frankreich, so berichten die Protokolle, löste diese Sperrung umgehende Forderungen nach größerer Unabhängigkeit von den USA in der KI-Entwicklung aus.

Frankreich, so fährt Lecornu fort, werde künftig mit dem französischen Unternehmen Chapsvision zusammenarbeiten. Ein Startup, 2019 aus der Taufe gehoben, im Jahr 2025 mit einem Umsatz von 200 Millionen Euro — eine Zahl, die neben den kalifornischen Maßstäben bescheiden wirkt, in europäischen Kategorien jedoch durchaus Gewicht hat. Chapsvision, so die Eigenwerbung, biete KI-Anwendungen für europäische Unternehmen und Behörden an. Es ist, mit Verlaub und ohne Beschönigung, ein Anfang. Kein Triumph. Ein Anfang. Und in der Grammatik der Macht, die ich in all den Jahren an so vielen Tischen gesprochen habe, ist ein Anfang bisweilen das Einzige, was bleibt, wenn das Bisherige sich als unhaltbar erwiesen hat.

Dass dieser Anfang allerdings von jenen, die in Frankreich die Fäden der Wirtschaft in der Hand halten, weniger als Befreiung denn als Eingeständnis gelesen wird, war vorauszusehen, denn die Kritik ließ nicht auf sich warten. Der Vorsitzende des französischen Arbeitgeberverbands trat vor die Mikrofone und erklärte, die angekündigten 655 Millionen Euro seien zu gering. Sie spiegelten, so wörtlich, »die sehr begrenzten Mittel wider, die Frankreich aufgrund des Zustands seiner öffentlichen Finanzen zur Verfügung stehen.« Mit anderen Worten: Man kann den Schwiegersohn vor die Tür setzen und gleichzeitig einräumen, dass die eigene Speisekammer kärglich bestückt ist. Es ist, so muss man sagen, die ehrliche Variante der französischen Position. Sie ehrt sie, in gewisser Weise. Sie zeigt aber auch, wie dünn das Eis ist, auf das man sich begibt, wenn man Souveränität fordert, ohne über das Kapital zu verfügen, das Souveränität in der heutigen Welt kostet.

Wer in Genf jemals an einem Verhandlungstisch gesessen hat — und sei es nur als Beobachterin mit dem Auftrag, jeden Händedruck und jedes halbgeöffnete Auge zu notieren —, der kennt die Architektur solcher Abhängigkeiten, wie man die Bauanlagen mittelalterlicher Klöster kennt: von außen schön, von innen beengend. Man nennt sie Partnerschaft. Man nennt sie strategische Allianz. Man unterzeichnet Protokolle, in denen festgehalten wird, dass man sich an Regeln hält, an Spielregeln, an gentlemen's agreements, die auf Treu und Glauben gestützt sind. Und dann kommt der Tag, an dem einer der Gentlemen aufsteht, lächelt, und das Regelwerk eigenhändig neu schreibt. Palantir ist in diesem Sinn keine Geschichte über Software. Es ist eine Geschichte über Souveränität. Über die Frage, wer die Schlüssel zu den Archiven besitzt. Über die Frage, ob ein Geheimdienst, der seine Werkzeuge von einem Unternehmen bezieht, dessen Gründer dem politischen Lager eines anderen Staates nahesteht, überhaupt noch ein Geheimdienst im klassischen Sinne ist — oder nicht vielmehr ein Mieter in einem Haus, dessen Hausherr jeden Morgen neu entscheidet, wer zur Tür hereindarf.

Lecornu hat, so viel lässt sich mit der Nüchternheit einer Frau sagen, die das Spiel kennt, das Haus verlassen. Ob das eigene groß genug ist, um darin zu wohnen, ob es warm und hell und gegen die Stürme der Zukunft gerüstet sein wird, wird sich zeigen müssen. Aber er hat es verlassen. In den Korridoren der Macht, in jenen Räumen, in denen die Karten ausgeteilt und die Einsätze benannt werden, ist das, so wissen wir aus langer und zuweilen schmerzhafter Erfahrung, bereits der halbe Gewinn.

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