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Saboteure im Dienst der Erzählung

22. Juni 2026 — — — Kastner

Es gibt eine alte Regel in den Fluren, in denen Verträge gemacht werden — sie steht in keinem Protokoll, aber sie gilt in jedem Raum, in dem Männer mit ruhiger Stimme über das Nächste sprechen. Die Regel lautet: Wer eine Geschichte braucht, muss sie sich manchmal machen lassen. Die geleakten Dokumente, die das OCCRP Ende April aus der Ukraine zutage gefördert hat, erzählen genau diese Geschichte, nur ohne den Humor, den man sich in besseren Zeiten leistete, wenn die Übersetzerin gerade nicht hinhört.

Mehr als ein Dutzend ausländischer Staatsbürger sind in der Ukraine wegen Sabotage verurteilt worden. Die Behörden sprechen von einer Kampagne. Das ist das Wort für: jemand hat bestellt, jemand hat geliefert, und die Lieferung wurde so verpackt, dass sie als etwas anderes erscheinen konnte. Die ausländischen Saboteure, Männer, deren Pässe in Schubladen liegen, die niemand öffnen möchte, werden zu Statisten eines Drehbuchs, das sie selbst nicht kennen. Ihr Auftrag war die Tat. Die Interpretation, die Lesart, die historische Einordnung — das ist Sache derer, die bezahlen.

Man muss hier sehr genau hinsehen, weil die Inszenierung so gut gearbeitet ist, dass sie beinahe verschwindet. Die einzelnen Sabotageakte werden in das Narrativ einer vermeintlichen prorusischen Widerstandsbewegung eingewoben, eines innerukrainischen Phantoms, das sich gegen die eigene Regierung erheben soll. Die Akte sind real. Die Akteure sind real. Was erfunden ist, ist das Bild, das aus diesen Akten entstehen soll — die Bewegung, die es als Bewegung vielleicht nie gegeben hat, sondern nur als Auftragssumme, verteilt auf kleine Hände und kleine Nächte.

Das ist die Mechanik, die in den geleakten Papieren sichtbar wird, auch wenn ihre Verfasser sie selbstverständlich nie so genannt hätten. Die Propaganda braucht keine glatte Lüge, wenn sie eine Wahrheit verbiegt, die man eigens für sie hergestellt hat. Sie braucht reale Vorfälle, verifizierbar, dokumentierbar, gerichtsfest — und ausländische Täter, deren Nationalität das Narrativ auf eine bestimmte Weise stützt, ohne zu offen zu sagen, wer sie geschickt hat. Der ausländische Saboteur, der nachts eine Stromleitung kappte oder ein Relais beschädigte, ist nicht der Feind im klassischen Sinne. Er ist das Beweisstück. Er ist die Requisite, die das Drehbuch braucht, um glaubwürdig zu bleiben. Und er ist, nüchtern gesprochen, ein Mensch, dessen Verschwinden niemanden interessiert, solange die Schlagzeile steht.

Ich habe Männern in die Augen gesehen, die lächelten, während sie logen. Es ist ein langer Beruf, der einem beibringt, hinter das Lächeln zu schauen, auf die Hände, auf die Pässe, auf die Verträge, die in der Schublade liegen. Die Dokumente, die das OCCRP nun veröffentlicht hat, zeigen, wie ein solcher Vertrag aussieht, auch wenn er nicht so heißt. Sie zeigen, dass zwischen Auftraggebern und Ausführenden Abmachungen getroffen werden, in denen die Ware Ware bleibt — die Tat, der Preis, die Folgen, das Schweigen danach. Was nicht geregelt ist, ist die Geschichte, die hinterher erzählt wird. Aber das ist, wenn man genau hinsieht, gar kein Mangel. Es ist der eigentliche Vertragsgegenstand. Wer die Geschichte nicht kontrolliert, hat den Auftrag nicht verdient.

Es lohnt sich, den Mechanismus zu benennen, solange er noch frisch auf dem Papier steht. Er besteht aus drei Gliedern. Erstens: die Anwerbung ausländischer Personen, die nicht durch familiäre Bindungen, Sprache oder lokale Loyalitäten geschützt sind und deren Verschwinden kein diplomatischer Vorfall wird. Zweitens: die Begehung von Straftaten, die klein genug sind, um justiziabel zu bleiben, und groß genug, um als Symptom einer Bewegung lesbar zu sein. Drittens: die mediale Verwertung — die Übersetzung der Akte in das Vokabular einer Widerstandsbewegung, die ohne diese Akte nicht existieren würde. Was am Ende auf dem Bildschirm erscheint, ist nicht die Realität, sondern ihre Auftragskomposition.

In den Akten, die ich gesehen habe, steht ein Satz, den Männer mit ruhiger Stimme sagen, kurz bevor die Dinge unangenehm werden: Das ist nur eine Übung. Das ist nur ein Test. Das ist ein Einzelfall. Die Übung wird größer. Der Test wird zur Gewohnheit. Der Einzelfall wird zur Doktrin. Und am Ende steht eine Widerstandsbewegung in den Schlagzeilen, die es als Bewegung vielleicht nie gegeben hat — nur als Auftrag, vergeben an Männer, die für Geld taten, was andere für eine Überzeugung tun, und am Ende unterschieden sich beide nur in der Frage, wer den Totenschein ausstellt und wer die Pressemitteilung schreibt.

Man wird mir sagen, das sei Kälte. Es ist nicht Kälte. Es ist die Temperatur, in der solche Akten geschrieben werden, in Räumen, die niemand betritt, mit Unterschriften, die niemand liest. Ich trage Handschuhe, weil man in diesem Gewerbe nie weiß, welche Fingerabdrücke man hinterlässt — und weil die Handschuhe das einzige sind, was zwischen mir und der Erkenntnis liegt, dass jeder Satz, den ich schreibe, bereits irgendwo in einem Aktendeckel wartet, beschriftet mit einem Aktenzeichen, das ich nicht kenne und das mich vermutlich besser kennt, als ich es je zugeben würde.

Was bleibt, ist die Frage, die in keinem geleakten Dokument steht, weil sie zu offensichtlich ist, um gestellt zu werden: Wenn die Bewegung erfunden werden muss, um zu existieren — wer kauft sie dann, und warum gerade jetzt? Die Antwort steht nicht in den Papieren. Die Antwort steht in den Augen der Männer, die lächeln, während sie verhandeln. Man muss nur hinschauen — und man muss die Handschuhe nicht ablegen, um es zu sehen.

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