Hundert Crore Gott, kein Crore Beleg
Manche Tempel sind Bethäuser. Manche sind Bilanzen mit Kuppel. In Ayodhya steht ein Prachtbau, der dem Gott Ram geweiht ist — und seit dem dreizehnten Juni steht er unter dem Dach einer Sonderermittlungsgruppe, die etwas suchen soll, was die Buchhalter des Trusts angeblich nie verloren haben. Man nennt es höflich „verschwundene Spenden". In jeder anderen Bilanz hieße das schlicht: Diebstahl.
An jenem Samstag formiert die Regierung von Uttar Pradesh ein dreiköpfiges Aufgebot: Vijay Vishwas Pant, Divisional Commissioner von Lucknow. Kiran S., Inspector General. Neelratan Kumar, Special Secretary im Finanzministerium. Sieben Tage für einen Vorbericht, fünfzehn für das Endergebnis. Wer gab den Auftrag? Der Trust selbst. Ja, dieselbe Körperschaft, deren Bücher die Fragen auslösten, bittet nun darum, ihre eigenen Bücher prüfen zu lassen. Man darf das höflich nennen. Man darf es auch nennen, was es ist: ein Mann, der seinen eigenen Selbstmord untersucht.
Am fünfzehnten Juni betritt das Trio den Tempelkomplex durch Tor Nummer elf. Eine Nebensache, gewiss. Aber Tor elf ist nicht der Haupteingang für Pilger. Es ist der Eingang, durch den Lieferungen kommen. Container, Pässe, Akten. Wer dieses Tor nimmt, sucht keinen Gott. Der sucht Frachtbriefe.
Was suchen sie? Crore. Nicht ein, nicht zwei. „Hunderte Crore", sagt Ajay Rai, Chef des UP-Kongress, am sechzehnten Juni vor die Presse. Er nennt es „organisierten Plünder". Er nennt Namen: Gopal Rao, Trust-Mitglied, „bereits kontrovers". Champat Rai Bansal, „mit dem gesamten Vermögen geflüchtet". Anil Mishra, Mann mit RSS-Hintergrund, in Schlüsselposition gehievt. Das sind keine Devotionalien. Das ist eine Einkaufsliste der Ämter.
Nun muss man keine Sympathie für den Kongress hegen, um die Mathematik zu lesen. Ein Trust, dessen gesamter Vorstand über Bande mit der regierenden BJP verflochten ist, lässt sich von einer Regierung prüfen, die selbst BJP heißt. Drei Prüfer, ernannt von jener Regierung, die der Trust um Hilfe bat. Die Linie von der Kasse zur Kontrolle verläuft schnurgerade durch ein Parteibüro. In Detroit nannten wir das früher „Friendly Audit". In Lucknow nennt man es offenbar „SIT".
Der General Secretary des Trusts, Champat Rai, sagt, interne Audits liefen, „nichts Bemerkenswertes" sei aufgetaucht. Das ist die Stimme eines Mannes, der den Tresor jeden Morgen öffnet und abends feststellt, dass die Zahlen stimmen. Immer. Pünktlich. Unerklärlich.
Akhilesh Yadav, Chef der Samajwadi Party, hatte die Affäre ins Rollen gebracht. Er forderte richterliche Selbstinitiative. Piyush Goyal, BJP, erwiderte, Yadavs Vorwürfe entbehrten der Glaubwürdigkeit. So klingt es, wenn ein Feuerwehrmann den Brand ein Gerücht nennt, während das Dach brennt.
Dann der Clou, den die Schlagzeilen nicht drucken: Einer der drei Ermittler, die das SIT bilden, steht selbst unter Untersuchung — wegen der Massenpanik von Mahakumbh im Januar 2025. Ein Mann, dessen eigene Akte noch offen ist, soll die Akte eines anderen schließen. Die Logik ist ungefähr so wasserdicht wie ein Sieb aus Gold.
Die Spendenströme begannen mit dem „Shila Pujan", der Grundsteinlegung. Crore wanderten in die Hände von Funktionären, die BJP und RSS entstammen. „Kein Konto", sagt der Kongress. Heißt: kein Beleg, kein Empfänger, keine Rückkehr. Das Geld wurde fromm. Das ist die gefährlichste Währung der Welt — eine, bei der der Gläubige nicht mal eine Quittung verlangt, weil er glaubt, der Himmel führe Buch.
Premierminister Modi, sagt Rai, trage die Verantwortung. Alle Mitglieder des Trusts seien tief mit der BJP-Regierung verflochten. Pensionierte Beamte, die unter dieser Regierung dienten. Eine Stiftungsurkunde, geschrieben mit Tinte aus Parteiloyalität. Fromme Architektur, politische Statik. Sieht aus wie Marmor, rechnet wie ein Parteibudget.
Fünfzehn Tage. Dann wissen wir, was offiziell verschwand. Was tatsächlich verschwand, wissen wir längst. Vertrauen, in Crore gemessen, lässt sich nicht zurückbuchen. Es wird abgeschrieben. Und zwar zu Lasten jener, die am wenigsten davon haben: der Spender auf dem Fliesenboden, barfuß, mit einem Hundert-Rupie-Schein in der Hand, der glaubt, er habe Ram ein Opfer gebracht. Hat er. Nur nicht Ram.