← Zurück zur Titelseite Technologie

ENTLASSEN — UND WIEDER VOR DER KLASSE

23. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Jennifer Honka ist Französischlehrerin. Sie wurde gefeuert, einstimmig, mit Begründung. Jetzt unterrichtet sie wieder. Kleinere Kinder diesmal.

Der Fall liest sich wie ein Telegramm, das niemand zu Ende lesen wollte. Eine Lehrerin an einer Mittelschule in Denver gibt benotete Aufgaben: Sketche mit Titeln wie „Die Nachbarn sahen alles" und „Der langweilige Kuss". Die Anweisung: küsst euch. Dreimal. Wer nicht mitmacht, bekommt eine Null. Wer mitmacht, wird ausgewählt. Honka wählte überwiegend Mädchen, obwohl die Klasse zur Hälfte aus Jungen bestand. Eine Schülerin erinnert sich an die Regel, die Honka wiederholte wie ein liturgisches Mantra: „Die Antwort ist immer ja."

Die Schülerinnen sprachen. Eine Untersuchung folgte. Ein Verwaltungsrichter, Keith J. Kirchubel, empfahl die Entlassung. Wörtlich: Unfähigkeit und Pflichtverletzung. Am 20. Mai 2026 stimmte der Vorstand der Denver Public Schools einstimmig für die Trennung. Honkas Vertretung, Euell Thomas von der Colorado Education Association, schwieg zu den Vorwürfen, soweit bekannt. Keine strafrechtlichen Anklagen. Nur eine Dienstentlassung.

Dann das Kabel, das heute Morgen auf dem Schreibtisch landete: Honka steht im Personalverzeichnis der Malley Drive Elementary School in Northglenn, Colorado. Englischabteilung. Adams 12 Schulbezirk. Superintendent Chris Gdowski, erreichbar unter 720-972-4000.

Man muss kein Detektiv sein, um die Maschine zu erkennen, die hier läuft. Sie heißt Bezirksgrenzen. Ein Schulbezirk ist eine Festung nach innen und ein Sieb nach außen. Wer in Denver fällt, fällt aus Denver, aber nicht aus dem Berufsstand. Zwischen Bezirk A und Bezirk B klafft ein Loch, durch das Akten rutschen, aber keine roten Flaggen. Die Hintergrundprüfung, die Schulbehörden ihren Lehrkräften auferlegen, prüft zumeist den eigenen Bezirk. Ein einstimmiger Entlassungsbeschluss, die Empfehlung eines Verwaltungsrichters, die Aussagen betroffener Schülerinnen, all das bleibt im Zuständigkeitsbereich der Denver Public Schools. Verlässt Honka diesen Bezirk, beginnt für den neuen Arbeitgeber die Akte im Leeren.

Das ist keine Verschwörung. Das ist Architektur.

Denn betrachten wir, was tatsächlich passiert ist. Eine Lehrkraft gibt eine bewertete Aufgabe, die körperliche Handlungen unter Minderjährigen vorschreibt. Sie selektiert die Teilnehmer nach Geschlecht. Sie wendet eine Druckregel an, „die Antwort ist immer ja", die pädagogisch wie institutionell unerhört ist. Das ist keine Methodendiskussion über Auflockerung des Französischunterrichts. Das ist eine Machtausübung über Schutzbefohlene in einem Raum, der per Definition geschützt sein muss. Die Schulbehörde selbst sprach von „Sicherheit, emotionalem Wohlbefinden und Würde" als höchste Prioritäten.

Wo greift das Sieb nicht? Genau dort, wo es nicht gebaut wurde, um zu greifen. Es gibt keine zentrale Lehrerdatenbank in Colorado, die eine einstimmige Entlassung aus Bezirk A automatisch an Bezirk B meldet. Es gibt Empfehlungsschreiben, die der Entlassene selbst auswählt. Es gibt Bezirke, die unter Personalmangel leiden, und Northglenn gehört zu jenen Vororten, die in den letzten Jahren mit sinkenden Bewerberzahlen kämpfen. Eine Lücke muss gefüllt werden. Die Frage, was die Vorgängerin füllte, wird nicht gestellt, weil die Akte in einem anderen Archiv liegt, an das niemand greift.

Honka wurde nicht strafrechtlich verfolgt. Das ist wichtig. Es bedeutet, dass die Schwelle, die ein Gericht überschreitet, nicht überschritten wurde. Aber es bedeutet nicht, dass nichts geschah. Es bedeutet nur, dass die Beweislage für eine strafrechtliche Verurteilung nicht ausreichte, oder nie zusammengetragen wurde. Die Schwelle zwischen Disziplinarmaßnahme und Straftat ist hoch. Unter ihr aber liegt ein weiter Raum, in dem Lehraufträge vergeben werden.

Man stelle sich die Eltern der Kinder an der Malley Drive Elementary vor. Sie schicken ihre Kleinen in die erste, zweite, dritte Klasse. Sie vertrauen auf das System, das die Schulbehörde als „kollaborative Gemeinschaft" beschreibt, wo alle die Verantwortung teilen, wie es auf der Website heißt. Werden sie informiert, dass eine Lehrkraft im Hause unterrichtet, die an einer anderen Schule entlassen wurde, weil Schülerinnen sie der Nötigung in benoteten Übungen beschuldigten? Werden sie befragt? Erfahren sie es aus der Lokalpresse, aus einem Social-Media-Account, der das Versagen des Systems dokumentiert, weil das System sich selbst nicht dokumentiert?

Hier liegt der Skandal nicht im Einzelfall, sondern im Mechanismus. Ein Kind, das in einer bewerteten Schulaufgabe zum Kuss gezwungen wird, dessen Verweigerung mit einer Null bestraft wird, dessen Körper in einem als pädagogisch verbrämten Akt zum Werkzeug einer Notengebung wird, dieses Kind hat Anspruch auf mehr als eine einstimmige Abstimmung im Vorstand. Es hat Anspruch auf einen Schutz, der nicht an Bezirksgrenzen endet. Die Lehrergewerkschaft, die Honka vertrat, schweigt. Die Schulbehörde in Northglenn hat, soweit bekannt, bislang keine Erklärung abgegeben. Superintendent Gdowski ist erreichbar. Die Nummer steht in der Akte. Die Drähte summen. Ich übersetze.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite