Schild der Amerikas: Wie eine Wahl in Bogotá ferngesteuert wird
BOGOTÁ / WASHINGTON. Man muss den Männern in den grauen Anzügen gar nicht ins Gesicht sehen, wenn man ihre Handschrift lesen kann. Abelardo de la Espriella lächelt seit Wochen in die Kameras Kolumbiens, doch das Lächeln ist nicht seines. Es ist das Lächeln eines Auftrags, der in einer Sprache geschrieben wurde, die er selbst nicht entworfen hat.
Drei Tage vor der Stichwahl am 21. Juni 2026 veröffentlichte Donald Trump seine zweite Social-Media-Empfehlung für den Rechtspopulisten aus Barranquilla. De la Espriella, 47, Anwalt und Geschäftsmann, eingebürgerter US-Bürger, verspricht die Wiederherstellung des Status quo ante — des Zustands, der vor Gustavo Petro herrschte, dem ersten linken Präsidenten Kolumbiens überhaupt.
Was er verspricht, ist die Auslöschung. Auslöschung des Falls der Armut. Auslöschung des Anstiegs der Lohnquote. Auslöschung der grünen Energiewende. Auslöschung der zaghaften Agrarreform. Sein Chefberater Daniel Raisbeck, Gründer der kolumbianischen libertären Bewegung, hat das Programm bereits vorgelegt: Abschaffung oder Privatisierung von 13 der 19 Ministerien, Beseitigung des gesetzlichen Mindestlohns. Ein Drehbuch, das nicht aus Bogotá kommt, das riecht man.
Dass eine Gruppe prominenter Ökonomen — darunter Yannis Varoufakis, Jayati Ghosh, Ha-Joon Chang, James K. Galbraith, Isabella Weber, Jason Hickel, Ann Pettifor — einen offenen Brief unterzeichnet hat, der die kolumbianische Wende warnend in die Geschichte Lateinamerikas einordnet, sagt mehr als jede Wahlumfrage. Sie schreiben von einem neoliberalen Konsens, der zerbrochen ist, von Reformen, die unter dem Vorwand der "wirtschaftlichen Verantwortung" gestoppt wurden, von der "Wiederherstellung der Privilegien", die sich hinter diesem Begriff verbirgt. Sie sprechen von einer Wegmarke: weitergehen in Würde, oder zurück in Abhängigkeit, Ausgrenzung und Rentenextraktion.
Washington hat andere Pläne. De la Espriella ist wichtig für die Beziehung zwischen den USA und Kolumbien, sagt Trump. De la Espriella hat sich verpflichtet, der "Shield of the Americas"-Koalition beizutreten, die am 7. März gestartet wurde. Ihr erklärtes Ziel: die Bekämpfung transnationaler Drogenkartelle, die Zerschlagung des Drogenhandels. Ihr tatsächlicher Preis: ein Land, das seine Souveränität gegen das Versprechen von Sicherheit eintauscht, das Washington seit Jahrzehnten nicht einlöst.
Die Zahlen der Stichwahl sprechen eine eigene Sprache. Mit fast 95 Prozent ausgezählter Wahlurnen liegt De la Espriella knapp unter 50 Prozent, sein Rivale Iván Cepeda, 63 Jahre alt, Petro-Mitstreiter und Bürge der bisherigen Politik, folgt mit 48,4 Prozent. Der Abstand: 368.000 Stimmen. 400.000 Wähler gaben leere Stimmzettel ab — in einem Land, das seit Jahrzehnten im Feuer steht, ist das keine Verweigerung. Das ist ein Urteil.
Wer Cepeda wählt, wählt die Fortsetzung dessen, was Petro begonnen hat: staatliche Rentenzahlungen für die Armen, gewerkschaftliche Arbeitsreformen, Friedensverhandlungen mit bewaffneten Gruppen, ein Moratorium für neue Ölprojekte. Ein Land, das versucht, sich aus der Geographie der Ausbeutung zu befreien, mit Mühe, mit Fehlern, mit Aussicht.
Wer De la Espriella wählt, wählt das Versprechen von Steuersenkungen, einer Verkleinerung des Staates um bis zu 40 Prozent, einem harten Durchgreifen gegen Kriminalität, dem Ende der Friedensgespräche, einer Stärkung des Öl- und Gassektors. Petro populärste soziale Maßnahme will er erhalten — die 23-prozentige Erhöhung des Mindestlohns. Eine Geste, kalkuliert wie ein Wahlgeschenk, nicht wie ein Programm.
Hinter dem Vorhang aber steht ein Schuldenberg. Wer auch immer gewinnt, wird sich einer hohen Staatsverschuldung und eines gespaltenen Kongresses stellen müssen, der Reformvorschläge blockieren kann. Das ist das Terrain, auf dem die externe Erpressung wächst. Ein Land, das finanziell unter Druck steht, ist ein Land, das Anrufe aus dem Norden entgegennimmt. Das hat Methode.
Trump hat die Maske fallen lassen. Er hat es nicht einmal mehr nötig, den Umweg über diplomatische Kanäle zu nehmen. Er postet, er gibt Empfehlungen ab, er nennt die Kandidaten, die er will. Es ist die Sprache des Souveränen, der glaubt, dass Souveränität ein verhandelbares Gut ist.
Die kolumbianische Stimmabgabe am 21. Juni ist keine Wahl zwischen zwei Männern. Sie ist eine Wahl zwischen zwei Geographien. Die eine liegt in den Anden, die andere in Washington. Die eine gehört dem Land, die andere dem Imperium.
Was danach kommt, hängt nicht allein von der Stimmabgabe ab. Es hängt davon ab, ob die kolumbianische Gesellschaft bereit ist, den Preis zu zahlen, den ein Ja zu De la Espriella bedeutet — den Verlust der Verhandlungsmasse, den Verlust des Spielraums, den Verlust der Illusion, dass Sicherheit und Würde zwei Dinge sind, die man gleichzeitig kaufen kann.
Am 7. März wurde der "Shield of the Americas" aus der Taufe gehoben. Am 21. Juni wird er seine erste Bewährungsprobe bestehen. Wir werden zuschauen, mit Handschuhen und ohne Illusionen. Die Gesichter ändern sich, die Anzüge bleiben grau.