ZWISCHEN DEN DRÄHTEN: TRUMPS ZOLLKRIEG GEGEN BRASÍLIA
Die Drähte summen. Diesmal nicht zwischen London und Berlin, sondern zwischen Washington und Brasília. Und was ich höre, ist kein Rauschen. Es ist ein Zangenangriff.
Am 13. Juni dieses Jahres tanzten brasilianische Fans durch New Jersey — Brasilien gegen Marokko, Gruppenphase der Weltmeisterschaft, elektrische Stimmung, Samba und Gesang. Fünf Tage später steht derselbe Präsident, dessen Seleção die Tribünen füllte, am Rednerpult der 52. G7-Konferenz im französischen Evian. Luiz Inácio Lula da Silva, zum zehnten Mal als Gast geladen, nennt diesen Club eine „Party für die Reichen". Eine Beleidigung mit klarer Adresse.
Aber das ist die Kulisse. Die Musik spielt woanders.
Die US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer hat angekündigt, 25 Prozent Zoll auf brasilianische Waren zu erheben. Begründung der US-Seite: „unfaire Handelspraktiken". Übersetzt aus der Diplomatensprache bedeutet das: Wir nehmen euch wirtschaftlich an die Kandare, bis ihr tut, was wir wollen.
Am 16. Juni spricht Lula vor den G7-Staaten über Entwicklungshilfe, den Niedergang der Entwicklungsgelder und den Aufruf an die reichen Nationen, ärmere Länder finanziell zu stützen. Am 17. Juni spricht er über „nachhaltige Arbeit" — und über die US-Zölle. Er will Unilateralismus und Protektionismus anprangern, eine Reform der Welthandelsorganisation fordern. Aber seine Berater haben ihm eingebläut: feste Haltung, aber diplomatischer Ton. Kein Risiko für die laufenden Verhandlungen mit den Amerikanern.
Verhandlungen worüber? Das ist die Frequenz, die ich höre, die andere nicht hören wollen.
Denn am 17. Juni sagt Lula, Trump solle sich aus den brasilianischen Wahlen heraushalten. Trump habe das Recht auf eine politische Präferenz, aber nicht das Recht auf Einmischung. Hintergrund: Trump hat Reportern gegenüber Brasilien als „etwas rau" und „politisch gefährlich" bezeichnet. „Die spielen hart, aber niemand spielt härter als die Vereinigten Staaten." Ein Satz wie ein Peitschenschlag.
Zugleich traf Trump im Mai mit Flavio Bolsonaro zusammen, dem Senator, der in Umfragen als Lulas härtester Konkurrent für die Präsidentenwahl im Oktober dieses Jahres gilt. Flavio ist der Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Der Vater sitzt unter Hausarrest, verurteilt wegen Putschplanung nach der Wahl 2022.
Beim Treffen mit Trump im vergangenen Monat saß auch Flávios Bruder Eduardo am Tisch, ein ehemaliger Abgeordneter, der in den USA lebt. Am Dienstag wurde Eduardo vom brasilianischen Obersten Gerichtshof verurteilt. Vorwurf: Er habe Einmischung der Trump-Administration in den Prozess gegen seinen Vater betrieben — aktiv betrieben, mit internationaler Unterstützung als Handwerk. Das US-Außenministerium nannte das umgehend „Verfolgung und Lawfare". Politische Debatten, so ein Sprecher, gehörten in Wahlen geklärt, nicht in Verurteilungen.
Eine bemerkenswerte Logik: In Brasilien ja. In Washington nein.
Hier liegt das Muster offen, mit der Pinzette greifbar.
Drei Hebel, eine Richtung. Die Zölle drücken wirtschaftlich auf ganz Brasilien. Das Treffen mit Flavio gibt der Opposition internationales Gewicht und Weihe. Die Verurteilung Eduardos wird als politische Verfolgung umgedeutet, um Washington-tauglichen Druck aufzubauen. Wer profitiert? Flavio Bolsonaro. Trump. Jene Strömungen, die Lateinamerika nach wie vor als Hinterhof behandeln. Wer zahlt den Preis? Brasilien — die arbeitende Bevölkerung, die unter Zöllen und politischer Erpressung gleichermaßen leidet.
Lula weiß das. Sein zweiter Auftritt in Evian ist kühl kalkuliert: Er muss die anderen G7-Staaten davon überzeugen, dass Protektionismus keine Antwort auf die Probleme der Welt ist. Aber die G7 — und da schließt sich der Kreis — ist genau jene Struktur, die Lula selbst als Club der Reichen kritisiert. Die G20, sagt er, solle sie ersetzen. Eine Institution, in der Schwellenländer mehr Gewicht haben.
Das ist der Witz der Geografie: Wer an einem Tisch sitzt, an dem die Regeln gemacht werden, hat mehr Macht als der, der im Türrahmen steht. Brasilien steht im Türrahmen. China, Indien, Südafrika — ebenfalls. Und die USA verteilen in dieser Woche gleichzeitig die Stühle.
Eduardos Verurteilung zeigt, was passiert, wenn jemand diese Verbindung institutionalisieren will — ausländische Einmischung als Methode. Die USA sagen, das sei Verfolgung. Brasilien sagt, das sei Verteidigung der Demokratie. Die Wahrheit liegt dazwischen, und genau dort wird verhandelt.
Lulas Berater formulieren das Prinzip selbst: „feste Haltung, ohne die laufenden Verhandlungen mit den Amerikanern zu gefährden." Aber die Verhandlungen sind der Köder. Wer verhandelt, hat schon halb verloren — weil er Zeit gewinnt, die der andere nutzt.
Am 13. Juni feierten die Brasilianer ihre Seleção. Am 17. Juni wird ihr Präsident vom mächtigsten Mann der Welt öffentlich in die Schranken gewiesen. Dazwischen liegen fünf Tage, ein Zollsatz, ein Familienname und ein Wahlkampf, der längst kein brasilianischer mehr ist.
Das ist die Frequenz, die ich höre. Wer kontrolliert das? Washington, mit Hebeln, die sich Wirtschaftspolitik nennen. Wer profitiert? Trump und sein politisches Lager. Wer zahlt den Preis? Brasilien, die arbeitende Bevölkerung, und am Ende jeder, der noch glaubt, Zölle seien Handel.
Sie sind Geopolitik mit anderen Mitteln. Wie immer.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen weiter.