Die Meerenge, die niemand besitzt
Sie haben es wieder getan. Am zwanzigsten Juni dieses Jahres hat die Islamische Revolutionsgarde eine Audio-Warnung an alle Schiffe der Welt gerichtet, mit der Stimme eines Mannes, der weiß, dass seine Worte Gewicht haben, weil hinter ihnen keine Diplomatie steht, sondern eine Raketenbrigade. „Bleibt fern von der Straße von Hormuz", sagt die Stimme, „oder ihr werdet die Konsequenzen tragen." Es ist die Sprache jener, die gelernt haben, dass ein Vertrag nur so lange hält, wie sein Unterzeichner es will. Und es ist die Sprache eines Landes, das gerade erlebt hat, wie ein Waffenstillstand im Libanon, dem es selbst zugestimmt hatte, von israelischen Streitkräften zerrissen wurde.
Hinter dem Vorhang, dort, wo man als Diplomatin in Genf gelegentlich Einblick erhielt, sieht man die Mechanik. Iran kündigt die Schließung der Meerenge an. Die Begründung — eine Verletzung des Libanon-Ceasefire — kommt im selben Atemzug wie die Audio-Botschaft. Das ist kein Zufall. Das ist Choreografie. Wer eine Wasserstraße sperrt, durch die ein Fünftel des Welterdöls fließt, schreibt keine Nachricht, sondern eine Mitteilung an jene, die über die Zukunft der Region verhandeln und so tun, als verstünden sie sie. Die Uhr tickt, der Markt zittert, und die Kapitäne, die auf Reede liegen, warten auf ein Signal, das nicht kommen wird, weil es niemand geben will, der es ausspricht.
Die Meerenge von Hormuz ist, das wussten wir in den Neunzigern schon, kein geographisches Faktum, sondern ein vertragliches Vakuum. Niemand besitzt sie, jeder darf sie passieren — solange er es darf. Das Seerechtsübereinkommen von 1982, die Konvention über die Hohe See, alle diese hübschen Papiere liegen in Schubladen, wenn die erste Korvette den Kurs kreuzt. Ich erinnere mich an einen iranischen Unterhändler, der mir zuraunte, „wir brauchen diese Karte", während er gleichzeitig über die Zukunft des Golfs sprach, als ginge es um Grundstückspreise. Er lächelte dabei. Er lächelt vermutlich immer noch. Damals habe ich verstanden, dass Völkerrecht für die einen Verhandlungsmasse ist und für die anderen Gewohnheitsrecht, das man bricht, wenn es einem nicht mehr nützt.
Denn sehen wir, was wirklich geschieht. Israel schlägt im Libanon zu. Der Waffenstillstand, der noch vor Wochen als diplomatischer Erfolg verkauft wurde, ist Makulatur. Iran reagiert — nicht mehr, wie einst, mit Stellvertretern, sondern direkt, mit dem einzigen Hebel, der tatsächlich schmerzt: der Energieader. Die Schließung ist keine Kriegserklärung; sie ist eine Rechnung. Sie lautet: Ihr könnt unsere Verbündeten bombardieren, aber die Tankerschiffe, die in eure Häfen fahren, sind nicht unsterblich. Wer das nicht versteht, hat die Sprache dieser Region nie gelernt.
Die Audio-Warnung ist bemerkenswert, weil sie nichts Schriftliches enthält. Kein Protokoll, keine diplomatische Note, keine Unterschrift. Wer immer sie verfasst hat, weiß, dass mündliche Drohungen keine Spuren hinterlassen, die vor einem Tribunal zählen, aber sehr wohl Spuren in den Köpfen der Kapitäne, die jetzt vor Hormuz wenden oder es bleiben lassen. Das ist der alte Trick. Man muss nicht schießen, um zu blockieren. Man muss nur so klingen, als würde man gleich schießen. Die Reedereien verstehen diese Grammatik. Sie laden ihre Passagiere aus, sie rufen Sicherheitsberater an, sie versichern ihre Fracht neu. Das ist der Preis der Stille.
Und dann, nur kurze Zeit nach der ersten Drohung, kommt die Nachricht: Iran schließt die Meerenge erneut. Wieder werden die israelischen Angriffe auf den Libanon als Begründung genannt. Das ist das Muster, das ich aus zu vielen Verhandlungsräumen kenne. Eine Konzession, ein Vertrauensbruch, eine Vergeltung, eine neue Konzession — und am Ende der Kette steht ein Vertrag, der mehr Löcher hat als das Papier, auf dem er steht. Man nennt es Diplomatie. Es ist der Versuch, das Unausweichliche so lange wie möglich als Verhandlung zu verkleiden.
So sitzen wir also an unseren Schreibtischen, die Handschuhe neben der Teekanne, und beobachten, wie sich ein Knoten zusammenzieht, den man vor Jahrzehnten hätte lösen können, hätte man damals den Mut gehabt, die Masken abzulegen. Stattdessen trägt man sie weiter. Die einen lächeln, die anderen drohen, und alle warten auf den Moment, in dem das Öl nicht mehr fließt, um dann zu sagen, was sie hätten sagen müssen, als es noch floss.
Die Handschuhe liegen bereit. Man weiß nie, wann man sie wieder braucht.