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Die Traumfabrik warnt vor dem Bildschirm — und kassiert

23. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

1937. Die Drähte summen. Ich übersetze.

Da ist er also, der neue Bösewicht aus der Pixar-Werkstatt. Ein iPad. Ein flaches, leuchtendes Rechteck mit angebissenem Apfel auf der Rückseite. Dreißig Jahre lang durften Woody und Buzz Lightyear gegen Außerirdische, Spielzeug-Tyrannen und weggeworfene Gabelstapler kämpfen. Jetzt kämpfen sie gegen das Ding, das ihren Enkeln die Aufmerksamkeit stiehlt.

Kritiker nennen den Film erhaben. Eine durchdachte Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen von Bildschirmzeit, heißt es aus den Redaktionsstuben. Pixar habe es mal wieder richtig gemacht. David Pierce von The Verge schreibt, das Böse sei ein iPad, und er liebe das. Er fügt an, dass die Diskussion über Bildschirmzeit meist in die falsche Richtung laufe, und überlässt es dann der Traumfabrik, sie richtig zu führen. Eine schöne Kapitulation des kritischen Journalismus. Wenn die Industrie die Moral predigt, klatscht das Publikum.

Ich habe da eine andere Frequenz im Ohr.

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen. Pixar gehört Disney. Disney ist ein Konzern, dessen Bilanz zu einem erheblichen Teil davon lebt, dass Kinder und Eltern vor Bildschirmen sitzen. Streaming-Dienste, Apps, Merchandise, das ganze Imperium. Nun bringt dieser Konzern einen Film in die Kinos, der genau diese Bildschirmzeit verurteilt. Man nehme die eigene Ware, mache sie zum Feind, und verkaufe sie anschließend für zehn Dollar pro Kinokarte. Die Warnung ist das Produkt. Die Erlösung kostet Eintritt.

Der wahre Bösewicht trägt keinen Apfel auf dem Rücken. Er sitzt in Vorstandsetagen zwischen Burbank und Cupertino. Apple, dessen iPad hier stellvertretend brennen darf, ist nur ein weiterer Mitspieler in einem Kartell der Aufmerksamkeit. Disney, Apple, Google, Netflix — sie alle verkaufen dieselbe Ware: gebündelte Sekunden menschlicher Konzentration. Sie nennen es Content. Früher nannte man es Sendezeit. Der Mechanismus ist identisch. Die Lizenz zum Ablenken wird von denselben Händen verteilt, die nun die Ablenkung beklagen.

Manche Beobachter sagen, Toy Story 5 sei ein guter Ort, um das dreißigjährige Franchise zu verneigen. Das ist das Eingeständnis, dass die Maschine sich selbst gehört hat, nicht den Figuren. Woody, Buzz und das iPad sind nur Staffage. Was zählt, ist die quartalsweise Auswertung. Eine Reihe, die einmal damit begann, dass ein Kind sein Spielzeug vermisst, endet damit, dass ein Konzern dem Kind erklärt, es solle weniger aufs Tablet schauen. Die Ironie ist so dick, man könnte sie in Streifen schneiden und als Merchandise verkaufen.

Ich bin Technologiereporterin. Ich übersetze Signale. Hier ist meins: Wenn die Industrie ihre eigenen Werkzeuge als Gefahr inszeniert, dann nicht aus Reue, sondern aus Kalkül. Die pädagogische Geste ist Werbung in der Verkleidung von Erbauung. Man kauft das gute Gewissen gleich mit der Familienpackung Popcorn. Das iPad verliert am Ende natürlich, und alle klatschen. Aber zu Hause, nach dem Abspann, leuchtet das echte Rechteck weiter. Und das nächste Pixar-Produkt wartet schon im Katalog.

1937 hatten wir das Radio. Es wurde uns als Wunder verkauft. Dann lernten wir, wer den Sender kontrolliert, kontrolliert die Botschaft. Dreißig Jahre später sitzen wir vor Bildschirmen, die uns erzählen, wie schlimm Bildschirme sind. Neunzig Jahre später wird eine Kino-Kette einen Film über die Gefahren von Kino-Ketten drehen, und die Kritiker werden sagen, er sei erhaben. Die Frequenz ändert sich. Der Trick bleibt. Die Frage ist immer dieselbe: In wessen Händen liegt der Draht? Diesmal heißt der Draht Streaming. Die Hände heißen Konzern.

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