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Commodore Callback 8020 — Freiheit für die, die keine brauchen

23. Juni 2026 — — — E. Wolff

Da sitzt er also, der neue Commodore, aufgeklappt wie ein Klappdeckel über dem Abgrund. Christian „Peri Fractic" Simpson, der Mann mit dem Comicnamen, hat ein Telefon gebaut, das keines sein will. Achtundvierzig Megapixel Kamera, berührungsempfindlicher Bildschirm — abgeschaltet, standardmäßig, als sei die Geste selbst das Vergehen. Kein Browser. Kein Mailprogramm. Kein Slack. Dafür Uber. Dafür WhatsApp. Dafür Spotify. Eine Leuchtdiode an der Front, die blinkt, wenn etwas kommt. Aber nichts kommt. So soll es sein.

Simpson nennt es „digitalen Minimalismus". Ich nenne es: eine kuratierte Abwesenheit. Und zwar eine, die verrät, wer hier kuriert.

Die Maschine ist eine Archäologie ausgelagerter Arbeit. Das Betriebssystem kommt von Jolla, einer finnischen Firma; es heißt Sailfish. Der Prozessor ist ein MediaTek Helio G81, gefertigt in Taiwan. Der Kamerasensor eine Sony-Einheit, made in Japan. Die In-Ear-Hörer stammen von FiiO, einem chinesischen Audiospezialisten mit audiophilem Datenwandler. Gebaut wird das Ganze in Shenzhen, bei einem Partner, dessen Namen Commodore nicht preisgibt. Ein Hersteller, der keinen Namen tragen darf. Das ist bemerkenswert. Wer nicht genannt wird, hat den Preis gemacht. Wer nicht genannt wird, hat die Marge.

Commodore selbst ist die Hülle. Eine Marke, geplündert aus den Achtzigern, neu verpackt für eine Generation, die damals nicht geboren war. Der Commodore 64 Ultimate, 2025 auf den Markt geworfen, enthält eine Textverarbeitung — „ablenkungsfrei", schwärmt Simpson, „wie auf einer Schreibmaschine". Als wäre die Schreibmaschine je ein Fortschritt gewesen und nicht ein Werkzeug für Sekretärinnen, die keinen Krach machen durften. Das erste Commodore-Telefon war 2015 der Pet. Niemand erinnert sich. Niemand sollte.

Aber zurück zum Callback 8020. Was darf er, was nicht? Er darf Uber. Er darf WhatsApp. Er darf Spotify. Er darf also: Dienste, die Sie konsumieren lassen. Dienste, die Sie als Passagier, als Empfänger, als Zuhörer adressieren. Er darf nicht: E-Mail, Browser, Slack. Dienste, die Sie als Arbeitnehmer, als Suchenden, als Antwortenden adressieren. Die Abwesenheit, die hier verkauft wird, ist eine Abwesenheit gegenüber der eigenen Arbeitskraft. Man bleibt erreichbar als Konsument. Unerreichbar als Produzent.

Wer kann sich das leisten? Wer kann am Samstag das Telefon zuklappen und am Montag ein anderes öffnen, ohne dass die Welt untergegangen ist? Wer hat einen Job, in dem „nicht antworten" keine Sanktion nach sich zieht? Wer hat ein Einkommen, das nicht an die Reaktionszeit auf eine Slack-Nachricht gekoppelt ist?

Die Antwort steht nicht im Datenblatt. Sie steht in der Gehaltsabrechnung.

Simpson sagt, viele Menschen wollten „am Wochenende das Smartphone weglegen". Das ist das Marktsegment: Menschen, für die das Smartphone ein Lifestyle-Accessoire ist und kein Werkzeug. Menschen, die wählen können, wann sie antworten. Für sie ist der Callback ein modisches Statement. Eine Weigerung, sichtbar zu sein, um sichtbar zu werden. Dreiundzwanzig Gigabyte freier Speicher auf einer microSD, wechselbarer Akku — ein Relikt aus der Zeit, bevor die Hersteller aufhörten, Ihnen das Eigentum an Ihrer Hardware zuzugestehen. Eine Klinkenbuchse. UKW-Radio. Klingeltöne als Chiptunes aus dem Original-C64, süß und verloren. Spiele ebenfalls. Ein Modus, der Ihre Videoaufnahmen aussehen lässt, als stammten sie aus einer Camcorder-Werbung der frühen Neunziger. Das Telefon ist ein Museum mit Mobilfunkantenne. Ich rauche meine Pfeife. Langsam. Wie immer.

Aber die Archäologie ist falsch herum aufgebaut. Die Originale des C64 waren Werkzeuge derer, die etwas schaffen wollten. Der neue Callback ist ein Werkzeug derer, die nichts schaffen müssen. Die Achtziger waren eine Zeit, in der ein Computer ein Versprechen war. Man versprach, mit der Maschine mehr zu werden, nicht weniger. Commodore verkaufte Hoffnung an Bastler. Heute verkauft die Firma, die sich diesen Namen geliehen hat, das Gegenteil: ein Gerät, das Ihnen verspricht, weniger zu sein. Weniger erreichbar. Weniger abhängig. Weniger verfügbar.

Es ist ein Luxus. Es war schon immer ein Luxus. Nur dass 1985 ein C64 fünfhundert Dollar kostete und damit das Versprechen barg, dem Handwerk zu entkommen. Der Callback kostet mehr und verspricht das Gegenteil: dem Handwerk zu entkommen, indem man so tut, als sei man nie eines gewesen.

Simpson sagt, die alten C64-Spiele hätten nicht die „suchterzeugende" Natur moderner Anwendungen. Richtig. Kein Spiel auf diesem Telefon wird Ihren Chef benachrichtigen. Keines wird Ihren Algorithmus füttern. Keines wird Sie in eine Versicherungsmathematik einspeisen, die Ihr Verhalten in einen umsatzoptimierten Punkt auf einer Kurve verwandelt. Die alten Spiele sind harmlos. Sie sind auch sinnlos. Aber sie fressen Ihre Seele nicht.

Dafür brauchen Sie die anderen Apps. Dafür brauchen Sie kein Commodore.

Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.

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