Die unsichtbaren Kathedralen: Wie KI das Wasser trinkt
Die neue Religion heißt künstliche Intelligenz, und ihre Tempel stehen nicht in der Wüste, sondern in Hays County, Texas, in Loudoun County, Virginia, und überall dort, wo der Strom billig und das Wasser noch nicht verkauft ist. Zehn Millionen Gallonen täglich. So viel Wasser trinkt ein einziger großer Campus im texanischen Hügelland, um seine Maschinen am Leben zu halten. Verdunstungskühlung heißt das Verfahren. Man schickt das Wasser durch die Anlage, es verdampft, die Hitze geht mit ihm. Sauberer Vorgang, sagen die Ingenieure. Sauberer Vorgang, sagen die Aktionäre.
Was bedeutet das? Ein Bezirk, in dem einmal Golf gespielt wurde, zapft einen der ältesten Grundwasserleiter Nordamerikas an. Der Edwards-Aquifer versorgt den Korridor zwischen Austin und San Antonio. Bauern trinken davon, Städte trinken davon, und nun trinken auch die Maschinen davon, die lernen, wie man noch schneller noch mehr Texte produziert. Der Klimajournalist Debarati Majumder, kürzlich auf dem Marshall & Stevens Forum, sagte es so: „Niemand redet über Kühlung. Niemand redet über Wasser." Das ist keine Übertreibung. Das ist eine Diagnose.
Was bedeutet es wirklich? Es bedeutet, dass die Wette auf die künstliche Intelligenz nicht in den Cloud-Headquarters gewonnen oder verloren wird, sondern in der Landschaft. In der Wasserversorgung von Schulen und Krankenhäusern. In den Rechten derjenigen, die seit Generationen auf dem Land arbeiten. In den Transformatoren, Schaltanlagen und Übertragungsleitungen, die Ambrose Evans-Pritchard zu Recht als das „unsexy stuff" bezeichnet — die unauffällige Infrastruktur, an deren Engpässen die schönsten Börsenphantasien zerschellen werden. Der wahre Engpass ist nicht Energie im abstrakten Sinn. Es sind die konkreten Bauteile, die qualifizierten Hände, die Kupferdrähte, die Kühlwasserrohre.
Hören wir genauer hin. Sarina Virmani, Schülerin in Loudoun County, Virginia, hat im American Journal of Student Research eine Arbeit über die Umweltauswirkungen von Rechenzentren veröffentlicht. Sie organisiert für mehr Transparenz und Regulierung. Sie sagt: „Viele Leute denken, künstliche Intelligenz sei unsichtbar, aber das ist sie nicht. Sie lebt in diesen riesigen Gebäuden." Das ist der entscheidende Satz. Denn solange die KI als unsichtbar gilt, gilt auch ihr Hunger als unsichtbar. Solange ihr Hunger als unsichtbar gilt, lässt er sich nicht besteuern, nicht zuteilen, nicht verhandeln.
Loudoun County trägt den Spitznamen Data Center Alley. Über zweihundert Rechenzentren stehen dort. Sie sind nicht neu. Aber seit ChatGPT, seit Claude, seit Gemini, wächst die Nachfrage exponentiell. Und mit ihr wächst, was die Berichte nur am Rande erwähnen: die Lebensdauer alternder Öl-, Gas- und Kohleinfrastruktur wird verlängert. Neue fossile Infrastruktur wird gebaut. Wer das bezahlt, ist bekannt. Wer davon profitiert, ist bekannt. Wer die Kosten trägt, ist die Frage, die Majumder stellt: die Bauern werden nicht glücklich sein, wenn man ihnen den Aquifer abpumpt, damit eine Maschine ein Gedicht schreibt, das niemand bestellt hat.
Ich bin Wissenschaftsreporter, kein Aktivist. Ich notiere. Aber ich notiere seit dreißig Jahren, und ich erinnere mich an Versprechen, die nicht gehalten wurden. Ich erinnere mich an die Kernenergie, die zu billig wäre, um sie zu messen. Ich erinnere mich an die Gentechnik, die alle Hungernden ernähren sollte. Ich erinnere mich an das Internet, das die Demokratie retten sollte. Jede dieser Technologien hat etwas geliefert. Jede hat auch das geliefert, was niemand messen wollte: die Nebenwirkungen, die externalisierten Kosten, die zerschlagenen Aquifere und die Transformatoren, die in den falschen Fabriken standen.
Die KI ist die jüngste in dieser Reihe. Ihr Evangelium wird in Konferenzsälen verbreitet. Ihre Liturgie ist die Skalierung. Ihr Weihrauch ist der Stromverbrauch. Ihr Opfer ist das Wasser. Die Pipeline dahinter führt direkt von den Kraftwerken, die man stilllegen wollte, zu den Rechenzentren, die man verdoppeln wird. Niemand redet darüber. Nicht weil es geheim wäre, sondern weil die Rede darüber die Margen gefährden würde. Der Spiegel fasst es so zusammen, dass die Aufzählung der KI-Schäden deren Konsequenzen eher noch verharmlost. Wasser bleibt das Stiefkind.
Zugleich fehlt das Personal. Fachkräftemangel in den Vereinigten Staaten. Die Leitungen, die Schaltanlagen, die Kühlaggregate — sie wollen gebaut, gewartet, repariert sein. Eine Technologie, die in der Wolke wohnt, braucht sehr irdische Hände. Diese Hände werden teuer. Die Gehälter werden steigen. Die Baukosten werden steigen. Die Geschäftsmodelle, die auf billigem Strom und billigem Wasser beruhten, werden sich als das erweisen, was sie waren: Annahmen.
Samantha Harrington, ehemalige Direktorin für Publikumserfahrung bei Yale Climate Connections, hat die Rechnung aufgemacht. Die Konkurrenz um Wasser ist im amerikanischen Südwesten seit langem ein Thema — Wassernutzungsrechte werden oft getrennt vom Grundeigentum verkauft. Aber selbst in Gegenden, die nicht regelmäßig unter Dürre leiden, werden die Bauern nicht zuschauen, wie Rechenzentren ihre örtlichen Wasservorräte ausbeuten. Die Anlagen schaden den Flüssen nicht nur durch Entnahme, sondern auch durch Erwärmung und durch die Einleitung von Verunreinigungen, insbesondere Salz. Ob sie auch die kommunale Wasseraufbereitung teurer und schwieriger machen werden, ist eine offene Frage, die gestellt werden muss, bevor die nächste Anlage genehmigt wird.
Ich rauche Pfeife. Das ist in Rechenzentren verboten. Das ist in Zeitungsredaktionen auch verboten. Deshalb sitze ich hier und schreibe das. Die unsichtbaren Kathedralen sind sehr sichtbar, wenn man hinschaut. Sie stehen in Hays County, sie stehen in Loudoun County, sie stehen in den Bilanzen der Versorger, die gerade lernen, dass Wasserverbrauch kein abstrakter Posten ist. Sie stehen in den Lehrplänen der Berufsschulen, die Transformatorenwickler ausbilden müssen, weil die alten Meister in Rente gehen. Sie stehen in den Klimamodellen, die bisher keine Hunderte von Serverfarmen in ihren Szenarien hatten.
Was also bedeutet die künstliche Intelligenz? Sie bedeutet, dass eine neue Schicht physischer Infrastruktur über die alte gelegt wird, und dass die alte — die Kraftwerke, die Leitungen, die Aquifere — nun länger leben muss als geplant. Sie bedeutet, dass die Externalisierungen, die wir bei der Digitalisierung für überwunden hielten, in neuer Form zurückkehren: als Wasserverbrauch, als Wärmeeintrag, als Salzeinleitung, als Flächenverbrauch. Sie bedeutet, dass die Rendite auf das Versprechen dort bezahlt wird, wo die Bewohner kein Mitspracherecht haben.
Die Kühlaggregate summen. Die Transformatoren brummen. Die Aquifere sinken. Die Börsenkurse steigen. Die Bauern schweigen noch. Wer also wird zuerst gezwungen sein, die Rechnung zu begleichen — die Investoren, die Kommunen, oder die Aquifere selbst?