Weißes Papier, schwarze Bilanz
Madurai, im Juni des Jahres 2026. Ein Mann im hellen Anzug steht vor Mikrofonen und verspricht ein weißes Papier. Er heißt C.T.R. Nirmal Kumar, Minister für Energieressourcen und Recht, und er trägt die Stimme eines Mannes, der soeben geerbt hat. Sein Vorgänger Senthilbalaji — so sagt man — habe TANGEDCO in den Staub getreten wie ein betrunkener Gast eine festliche Tafel: Korruption, Bevorzugung, Misswirtschaft. Die übliche Litanei, gewiss. Doch dann fällt eine Zahl, und mit dieser Zahl fällt der Vorhang. Fünfundzwanzig Lakhs Rupien. Pro Megawatt. Als Kommission. Durch treue Männer überbracht.
Ich sitze nicht in Madurai. Ich sitze an einem Tisch mit weißer Leinendecke, trage Handschuhe, und zwischen meinen Fingern liegt ein Telegramm aus Chennai. Dort hat Finanzminister N. Marie Wilson ein zweites weißes Papier vorgelegt, und seine Zahlen sind das Gegenteil von weiß. Dreizehn Komma achtzehn Lakhs Crore — das ist die tatsächliche Verschuldung Tamil Nadus, sobald man die Schulden jener Staatsunternehmen mitzählt, die der Staat bürgt oder stillschweigend stützt. Die Schlagzeile von zehn Lakhs Crore, so heißt es höflich im Bericht, erfasse lediglich die direkten Markt- und institutionellen Schulden. Der Rest — die PSUs, die Sondervehikel, die verborgenen Hebel — schweige im Hauptbuch wie ein Diener im Vorzimmer, der genau weiß, wann er zu gehen hat.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die genau so konstruiert waren. Oben steht die Zahl, die den Anstand wahrt. Unten, in den Fußnoten und Anhängseln, wohnt die eigentliche Wahrheit. Und die Wahrheit hier lautet: der Stromsektor ist die größte einzelne Quelle der PSU-Verschuldung. Zwei Komma siebenundvierzig Lakhs Crore. Die Tamil Nadu Power Distribution Corporation, ehemals TANGEDCO, schuldet einen Komma null sieben Lakhs Crore. Die Generation Corporation einen Komma null drei. Die Transmissionsgesellschaft dreißigtausendneunhundertfünfundsechzig Crore. Selbst die Grüne Energie schuldet fünftausendsechshundertzweiundsiebzig Crore — was eine gewisse Ironie enthält, die nur bemerkt, wer zugesehen hat, wie sich Idealismus in Bilanzen verwandelt.
Man muss die Mechanik verstehen. Ein Minister, der keine fünfundzwanzig Lakhs pro Megawatt nimmt, ist in diesem Gewerbe ein Idealist oder ein Dummkopf. Die Lizenzen für Erneuerbare, die schwimmenden Ausschreibungen, der Kauf von Transformatoren — alles hat seine Hydraulik. Wer den Hebel drückt, erhält das Öl. Wer das Öl nicht erhält, erhält den Auftrag nicht. So siedelt das echte Unternehmertum still in andere Bundesstaaten um, wie eine Familie, die nachts die Koffer packt, wenn der Gläubiger schläft. Tamil Nadu, einst an der Spitze der erneuerbaren Energie, steht nun am Boden. Dies ist kein Zufall. Dies ist ein System, betrieben unter der früheren DMK-Regierung von M.K. Stalin — übergeben, zerlegt, dokumentiert.
Und das System hinterlässt Spuren. Siebzigtausend unbesetzte Stellen in TANGEDCO. Jahrzehntealte Umspannwerke, die in einer Stadt wie Chennai den Strom nicht mehr tragen, den die Stadt verlangt. In Madurai braucht es sechs neue Stationen; in Chennai, sagt man, hätten die Anlagen proportional zur Bevölkerung und zur Last erweitert werden müssen — was natürlich nicht geschah. Schwarze Zahlen, schwarze Infrastruktur.
Nun tritt die neue Regierung an, und sie tut, was neue Regierungen tun: Sie verspricht. Kein Mittelsmann. Kein Broker. Keine einzige Rupie als Schnitt oder Parteifonds. Die Verfahren würden nach Recht geführt, die Vergaben offen, die Rekrutierung frei und fair. Man werde der Öffentlichkeit sagen, wie viel sie sparen werde. Dies ist die Musik, die jeder Machtwechsel spielt, und ich habe sie in Genf gehört, in Wien, in Räumen, deren Wände mit Samt tapeziert waren und deren Luft nach Zigarren und Hintergedanken roch. Die Musik ist immer dieselbe. Nur der Text ändert sich.
Was sich nicht ändert, ist die Architektur der Verführung. Der Hochgerichtshof und die CBI beobachten die Vorwürfe, so heißt es aus dem Mund des Ministers. Das ist beruhigend. Das ist auch genau das, was man sagt, wenn man möchte, dass die Kameras ein freundliches Gesicht einfangen, während die Akten wandern. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Ich erkenne das Lächeln. Es hat die Form von Versprechen.
Doch lassen wir die Ironie beiseite — einen Augenblick nur. Dreizehn Komma achtzehn Lakhs Crore. Das ist keine Zahl, die man wegironisieren kann. Das ist das Gewicht eines Staates, der über seine Verhältnisse lebte und nun die Quittung vorlegt. Die acht Verkehrsunternehmen schulden dreiundvierzigtausendachthundertfünfundsechzig Crore. Die Zivilversorgungskorporation siebenundzwanzigtausendeinhunderteinundachtzig. Zusammen sind es drei Komma achtzehn Lakhs Crore an PSU-Schulden — beinahe ein Drittel der Gesamtsumme. Wer dies liest und nicht begreift, dass hier ein ganzes Geflecht verdeckter Verpflichtungen vorliegt, hat nie einen Haushalt gelesen, der wirklich zählt.
Chief Minister C. Joseph Vijay hatte bei Amtsantritt angekündigt, ein solches Papier vorzulegen. Er hat es getan. Die Vergleichszahlen mit Karnataka, Maharashtra und Gujarat liegen vor. Die eigene Steuerleistung Tamil Nadus, so heißt es im Bericht, sei zusammengebrochen. Ex-Finanzminister Thangam Thennarasu bot an, sein MLA-Mandat niederzulegen, wenn die jährliche Kreditaufnahme gesenkt würde. Das sind die kleinen Dramen, die die Akten begleiten — Männer, die Positionen anbieten wie Spielmarken, weil sie wissen, dass das Spiel noch nicht zu Ende ist.
Was ich also sehe, wenn ich dieses Papier lese, ist kein weißes Papier. Ich sehe ein durchsichtiges Papier. Ich sehe die Geister der Kommissionen dahinter, die Pfade der Treuen, die Routen der wandernden Vergaben. Ich sehe ein Stromnetz, das alt ist, und eine Schuldenstruktur, die jung ist und wächst. Ich sehe eine Regierung, die gerade erst begonnen hat, und eine Opposition, die gerade verloren hat. Und dazwischen — wie immer, in jedem Staat, den ich je beobachtet habe — die Menschen, die das Licht bezahlen und es nicht bekommen.
Madurai. Chennai. Madras, wie wir Alten noch sagten. Die Welt spielt Schach, und ich kenne alle Züge. Aber ich weiß auch: Wer ein weißes Papier vorlegt, hat damit noch keine einzige schwarze Zahl gelöscht. Das Papier ist nur das Eingeständnis, dass es Zahlen gibt, die man bisher nicht aufschrieb.
Die Handschuhe liegen neben mir. Die Tinte trocknet. Und irgendwo, in einem dieser klimatisierten Büros in Chennai, faltet gerade ein Mann mit einem freundlichen Lächeln ein Dokument zusammen und legt es in eine Schublade. Die Schublade heißt Akten. Die Akten heißt später. Und später heißt: wenn wir nicht mehr hinschauen.