Wenn der Zwerg jubelt, rechnet Berlin
Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die den Mechanismus der großen offenbaren. Curaçao, ein Eiland von der Größe einer Erinnerung, tritt gegen Ecuador an – die Favoriten, die Erwarteten, jene Mannschaft, die in jedem Spielbericht schon vor dem Anpfiff als Sieger gedruckt wird. Und was geschieht? Die Karibikinsel, Fußballzwerg nach allen verfügbaren Definitionen, kämpft. Sie kämpft nicht spektakulär, nicht mit dem Glanz, den die Kameras lieben. Sie kämpft mit der Hartnäckigkeit dessen, der nichts zu verlieren hat als die Demütigung. Am Ende steht ein Punkt. Ein einziger Punkt gegen die Favoriten. Grenzenloser Jubel auf der einen Seite, lange Gesichter auf der anderen.
Es gibt Sätze, die Männer in Anzügen sagen, wenn sie gerade dabei sind, eine Entscheidung zu treffen, die sie später nicht mehr erklären können. „Wir prüfen alle Optionen", heißt es dann. Oder: „Im Sinne der Truppe." Oder, noch feiner: „Eine Frage der industriellen Souveränität." Verteidigungsminister Boris Pistorius hat, einem Spiegel-Bericht zufolge, einen solchen Satz in eine Richtung gesprochen, die das maritime Herz dieses Landes erzittern lässt: Das Großprojekt F126, jene Fregatte, die einmal das Flaggschiff der deutschen Hochseeflotte werden sollte, soll nicht weiter fortgesetzt werden. Stattdessen, so ist zu lesen, sollen acht Schiffe vom Typ Meko-200 beim deutschen Hersteller TKMS – ThyssenKrupp Marine Systems – gekauft werden. Acht kleinere Schiffe also statt eines großen Versprechens.
Wer den Vorhang hebt, sieht Folgendes. Die F126 war kein gewöhnliches Rüstungsprojekt. Sie war ein Versprechen an die Marine, an die Werften, an die Vorstellung, dass dieses Land noch in der Lage sei, Großes zu bauen. Eine Fregatte dieser Klasse, mit den Fähigkeiten, die ihr zugeschrieben wurden, war das maritime Pendant jener Sätze, die bei jeder Haushaltsdebatte fallen: „Wir investieren in die Zukunft." Nun, da die Zukunft teurer geworden ist als geplant – wer wundert sich –, wird das Versprechen gegen das Pragmatische getauscht. Die Meko-200 ist bewährt, verfügbar, kalkulierbar. Sie ist die Vernunft in Stahl, der gesenkte Blick des Kaufmanns, der weiß, dass die Bilanz am Ende stimmen muss.
Hier zeigt sich der Mechanismus, den ich seit langem beobachte: Große Projekte werden angekündigt wie Gelübde. Sie werden geplant wie Kathedralen. Und sie werden begraben wie kleine Fehler, leise, in einem Nebensatz, in einem Zeitungsbericht, der zwischen anderen Meldungen verschwindet, weil der Leser schon weitergeblättert hat. „Pistorius plant", heißt es da im Konjunktiv des Möglichen. Kein Geständnis, keine Anhörung, keine Debatte im Plenum. Ein Vorhaben, ein Magazin, eine Übung in vorgezogener Vergesslichkeit.
Curaçao, das wissen wir, hat keine Fregatten. Curaçao hat nicht einmal eine Liga, die in Europa Beachtung fände. Aber Curaçao besitzt etwas, das dem Minister, den Werften, den Lobbyisten in Berlin fehlt: die Unverstelltheit des Spiels. Auf dem Rasen gibt es keine Konjunktive, keine Wechseloptionen, keine vertraulichen Spiegel-Berichte. Es gibt den Ball, das Tor, den Punkt. Und wenn der Punkt da ist, dann ist er da. Er lässt sich nicht wegplanen, nicht in eine Übergangslösung verwandeln, nicht in eine Meko-200 umdeuten. Er steht in der Tabelle, schwarz auf weiß, und die Gesichter der ecuadorianischen Fans sagen mehr als jede Pressekonferenz des Ministeriums.
Was ich sagen will, ist dies. Wenn eine Insel von 150.000 Einwohnern gegen eine favorisierte Mannschaft spielt und ihr einen Punkt abnimmt, dann geschieht etwas Seltenes – die Wirklichkeit hält sich an die Regeln. Sie passt sich nicht dem Drehbuch an, nicht der Quote, nicht dem Ranking, nicht der Erwartungshaltung der Kommentatoren. In Berlin, in den Werfthallen der TKMS, in den Fluren des Verteidigungsministeriums sieht die Sache anders aus. Dort wird die Wirklichkeit verhandelt. Dort gibt es den Hebel, den Vertrag, die Klausel im Kleingedruckten, die es erlaubt, ein Flaggschiffprojekt in eine Serie mittelgroßer Schiffe umzudeuten, ohne dass jemand das Wort Scheitern in den Mund nehmen müsste.
Die Meko-200 ist, technisch gesprochen, ein gutes Schiff. Wer in den Broschüren blättert, wird das bestätigen. Eine verlässliche Konstruktion, in der Vergangenheit bewährt. Aber sie ist nicht die F126. Sie ist die Schwester, nicht die Erbin. Der Unterschied ist nicht nur technischer Natur – er ist symbolisch. Mit der F126 sollte gezeigt werden, dass die deutsche Marine in der Lage ist, an der Spitze mitzuspielen. Mit der Meko-200 wird gezeigt, dass sie in der Lage ist, mitzuschwimmen. Das ist ein Unterschied, den nicht jeder lesen wird. Aber er ist da, schwarz auf weiß, in jedem Vergabevermerk, in jedem internen Memo, in jedem Gespräch, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.
Die TKMS, das sei angemerkt, ist kein neutraler Akteur in diesem Spiel. Sie ist ein Unternehmen mit Belegschaft, mit Werften, mit Verpflichtungen gegenüber Aktionären. Wenn der Staat bestellt, bestellt die Werft. Wenn der Staat zurückzieht, zieht die Werft nach. Das ist die alte Logik der Rüstungsindustrie, die ich aus langen Jahren in Verhandlungsräumen kenne, aus Gesprächen, die niemand Protokoll nennt, obwohl sie es sind. Die Industrie, die der Staat versorgt, versorgt den Staat mit Argumenten. Sie liefert die Expertise, die Kostenrechnung, die Risikoanalyse – und am Ende die Empfehlung, die zufällig genau zu dem passt, was das eigene Portfolio hergibt.
So schließt sich der Kreis. Auf der einen Seite des Atlantiks ein Fußballspiel, in dem ein Außenseiter seinen Punkt erobert. Auf der anderen Seite die Werft, in der ein Großprojekt gegen eine Serie mittelgroßer Schiffe eingetauscht wird. Beide Male geht es um den Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Beide Male um die Frage, wer am Ende mit dem Punkt nach Hause geht und wer mit der Broschüre dasteht. Curaçao hat seinen Punkt. Berlin wird seine Broschüre haben. Und dazwischen, in jenem Raum, den die Öffentlichkeit nicht betritt, wird weiter verhandelt, weiter geplant, weiter umgeschrieben, was einmal ein Versprechen war.
Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Man weiß nie, wessen Manuskript man berührt.