Joy Reid und der Handschuh im Konferenzraum
Manche Wahrheiten werden nicht ausgesprochen, sie werden ins Mikrofon gehaucht — und dann warten alle auf das Echo. Joy Reid, ehemals bei MSNBC, hat das Echo geliefert, und es hallt durch die Gänge einer Partei, die sich seit Monaten einbildet, sie könne die Quadratur des Kreises vollbringen: Israel umarmen, die Basis küssen, den Antisemitismus-Sturm überstehen und dabei so tun, als wäre da kein Riss im Fundament. Reid hat den Riss benannt. Sie hat ihn vermessen. Und sie hat ihre Konsequenz gezogen.
In einem Podcast-Gespräch mit dem Autor Ta-Nehisi Coates erklärte die frühere MSNBC-Gastgeberin, sie werde „going forward" keinen Demokraten mehr wählen, der nicht das Versprechen abgebe, die Beziehung der Vereinigten Staaten zu Israel zu beenden. Sie habe Kamala Harris im Wahlkampf 2024 unterstützt, sagte sie — doch das Problem sei nicht Harris gewesen. Das Problem sei die Partei. „The Democratic Party is as married to this Israel over everything, Israel no matter what, Israel no matter what they do, no matter how many people they kill." So spricht eine Frau, die nicht mehr gewillt ist, die zweite Geige zu spielen in einem Konzert, dessen Dirigent längst das Programm gewechselt hat.
Es lohnt sich, genau hinzuhören. Denn was hier zerbricht, ist mehr als eine einzelne Wählerinnen-Bindung. Es ist die öffentliche Aufkündigung einer Fassade, die die Partei seit Jahrzehnten mit großem Geschick aufrechterhalten hat: die Behauptung nämlich, man könne gleichzeitig die afroamerikanische und die linke Basis bedienen und zugleich die Spender aus den Küstenstädten sowie das israelische Beziehungsgeflecht bei Laune halten. Reid nennt diese Choreographie beim Namen. Sie sagt nicht „Interessen". Sie sagt nicht „Mechanismen". Sie sagt: „a nuclear-armed expansionist power. They don't need our money. And they definitely won't get my vote."
Man darf das pathetisch finden. Man darf es auch unklug finden. Aber man sollte nicht so tun, als wäre es neu. Reid ist seit Jahren eine scharfe Kritikerin Israels — schon im November 2023, damals noch im MSNBC-Studio, ging sie mit Äußerungen des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu hart ins Gericht. Wer die damaligen Ausschnitte noch im Ohr hat, weiß: Hier spricht niemand, der gestern aufgewacht ist. Hier spricht jemand, die einen langen Atem hat und nun den Punkt erreicht hat, an dem der Atem nicht mehr reicht.
Interessant ist der zweite Teil des Gesprächs, denn dort wird die Mechanik sichtbar, die das ganze Dilemma der Partei wie unter einer Lupe zeigt. Coates und Reid sprechen über Hillary Clinton. Über jene Hillary Clinton, die am fünfzehnten Juni in der 92NY vor David Remnick vom New Yorker eine Kehrtwende vollführte, die in der eigenen Partei noch immer als Hochverrat gilt: Sie lobte Trumps 20-Punkte-Plan für Gaza als „the only game in town", als „actually a pathway to security for Israel, reconstruction for Gaza, and the possibility of self-determination — however defined — for the Palestinians." Clinton fügte hinzu, viele lehnten den Plan ab — „because Trump did it". Ein Satz, so typisch für das Washingtoner Establishishment, dass man ihn rahmen möchte. Eine ehemalige Präsidentschaftskandidatin bescheinigt ihrem Nachfolger Verhandlungsgeschick, und die eigene Partei windet sich, weil die Zustimmung an die falsche Adresse geht.
Reid nimmt diese Volte zur Kenntnis. Sie nimmt sie nicht als Argument, sondern als Symptom. Wenn selbst Clinton, die Architektin so vieler außenpolitischer Positionen dieser Partei, sich genötigt sieht, Trump in dieser Frage Beifall zu spenden, dann zeigt das, wie tief der Graben bereits ist. Eine linke Wählerin wie Reid, ein etablierter Kommentator wie Coates — sie alle sehen, dass die Parteilinie zu Gaza nicht mehr durchzuhalten ist. Und sie tun das, was Machtlose immer tun, wenn die Mächtigen nicht hören wollen: Sie sprechen laut. Sie drohen. Sie kündigen.
Man kann diese Geste als Erpressung lesen. Man kann sie als Emanzipation lesen. Man kann sie als das lesen, was sie vermutlich ist: als öffentliches Eingeständnis, dass die innerparteiliche Aushandlung gescheitert ist. Reid sagt nicht, dass sie eine neue Partei gründen wird. Reid sagt, sie werde ihre Stimme verweigern. Das ist im amerikanischen Zweiparteiensystem keine kleine Drohung. Das ist die Anatomie einer Spaltung.
Die Ironie dieser Konstellation ist von der Sorte, die man nur mit Handschuhen anfassen sollte. Die Demokraten werfen Trump vor, die Demokratie zu zerstören — und Reid hält ihnen entgegen, sie seien „as married to this Israel" wie die Republikaner. Die Demokraten werfen den Konservativen vor, sie betrieben eine Kriegstreiberei — und Reid erinnert daran, dass Lieferungen, Vetos und Worte über Jahrzehnte unter beiden Parteinamen fortgeführt wurden. Die Demokraten sprechen von einer Außenpolitik der Menschenrechte — und Reid sagt: Sprecht zuerst mit eurer eigenen Basis, bevor ihr wieder die Welt retten wollt.
Was folgt, ist nicht schwer vorherzusehen, wenn man einmal begriffen hat, wie Apparate funktionieren. Es folgen drei Bewegungen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Erstens: eine Welle interner Pressemitteilungen, in denen Parteisprecher beteuern, man höre „die Stimmen der Basis", ohne irgendetwas an der Substanz zu ändern. Zweitens: ein paar profilierungslose Kongressabgeordnete, die in Talkshows auftreten und „schwere Bedenken" anmelden, ohne ihren Stuhl zu rücken. Drittens: das große Schweigen der Großspender, deren Geld weiterhin in dieselben Taschen fließt wie zuvor. Das ist die Mechanik. Das ist der Vorhang, hinter dem das Stück weitergespielt wird, während alle auf die Bühne starren.
Joy Reid weiß das alles. Sie hat es nicht erfunden. Sie hat es nur laut genug gesagt, dass man es nicht mehr überhören kann. Und in einer Stadt, in der das Überhören zum Handwerk gehört, ist das bereits ein Skandal.