1937 — die Bücher stimmen, und das ist die eigentliche Lüge
Es ist Frühling in dieser Stadt, und der Frühling lügt.
Die Männer in den Doppelfenstern der oberen Etagen lügen nicht. Sie lügen nur nicht selbst. Sie bezahlen andere dafür. Das ist der Unterschied, und der Unterschied ist das ganze Spiel.
1937. Acht Jahre nach dem Krach. Acht Jahre, in denen man uns erzählte, wir hätten etwas gelernt. Acht Jahre, in denen eine Generation junger Männer in grauen Anzügen das Wort Liquidität lernte, als lerne man das Vaterunser. Acht Jahre, in denen die Bücher neu geschrieben wurden. Nicht korrigiert. Neu geschrieben.
Ich sitze in einem Lokal an der Third Avenue, der Kaffee ist dünn, die Pfeife ist es nicht. Vor mir auf dem Tisch liegt der Jahresbericht einer Gesellschaft, die ich nicht nennen darf, weil mein Informant dann morgen nicht mehr informiert. Ein Mann mit weichen Händen hat mir diesen Bericht gegeben. Weiche Hände, harte Zahlen. So sieht die Hierarchie aus.
Die Bilanz summiert sich. Das ist das Erste, was einem auffällt. Sie summiert sich auf den Cent. Jede Spalte, jede Zeile, jeder Strich unter einer Zahl. Ein Mathematiklehrer würde weinen vor Freude. Ein Buchhalter würde applaudieren. Ein Matrose, der einmal in seinem Leben eine Rechnung aufgemacht hat, würde die Stirn runzeln.
Denn eine Bilanz, die sich auf den Cent summiert, ist wie ein Testament, das in Reimen geschrieben steht. Es geht, aber warum geht es so.
Die Passiva decken die Aktiva. Die Rücklagen sind vorhanden. Die Forderungen, so heißt es, sind werthaltig. Die Abschreibungen, so liest man, sind angemessen. Jeder Posten, der zu klein sein könnte, ist in Wahrheit ein Posten, der zu groß ist. Jeder Verlust, der droht, ist in Wahrheit ein Gewinn, der noch nicht gebucht wurde.
Ich kenne diese Sprache. Sie ist die Sprache der Banken, und die Sprache der Banken ist die Sprache der Leute, die nie an einem Schalter Schlange standen. Wenn ein Banker sagt, eine Position sei konservativ bewertet, meint er, sie sei Phantasie. Wenn er sagt, ein Engagement sei mit Augenmaß eingegangen, meint er, es sei Wahnsinn. Wenn er sagt, das Geschäftsjahr sei im Rahmen der Erwartungen verlaufen, dann hat jemand das Erwartungsraster verschoben, damit der Rahmen passt.
1937 ist das Jahr, in dem die Rahmen verschoben werden müssen. 1936 schloss mit Zahlen, die zu gut waren, um wahr zu sein. 1937 muss zeigen, dass 1936 kein Ausreißer war, sondern ein Zustand. Also werden die Bücher von 1936 im Nachhinein so justiert, dass 1937 nicht abstürzt. Nicht korrigiert. Justiert.
Es gibt ein Wort dafür. Es ist nicht Untreue. Es ist nicht Bilanzfälschung. Es ist Glättung. So nennen sie es, wenn ein Quartal zu fett war und das nächste zu mager ausfallen wird. Glättung. Als würde man eine Decke über ein zerbrochenes Glas legen, damit der Gast es nicht sieht.
Ich sage: der Gast hat es gesehen. Der Gast hat es 1929 gesehen. Der Gast hat nur nichts sagen dürfen, weil der Gast inzwischen auf der Straße wohnt.
Ein alter Kollege, der jetzt für eine kleine Notierungsbehörde arbeitet — eine, deren Name aus drei Buchstaben besteht und die in einem Gebäude sitzt, das aussieht wie ein griechischer Tempel, dem man die Säulen gelassen und den Inhalt genommen hat —, dieser Kollege sagt mir beim dritten Whiskey: Ezra, wir haben dieses Jahr mehr Akten auf dem Schreibtisch als Personal, das sie lesen kann. Ich frage: Und? Er sagt: Und die Akten, die wir lesen, sind nicht die, die wir lesen sollten.
So sieht 1937 aus. Eine Stadt, in der die Aufsicht überfordert ist und die Aufsichtigen das wissen. Eine Stadt, in der ein Angestellter in der Buchhaltung mehr verdient als ein leitender Ingenieur, weil der Angestellte weiß, wie man eine Zahl so hinsetzt, dass sie dasteht, als wüsste sie, wohin sie gehört.
Ich habe 1929 gewusst, was kommt. Ich habe es gewusst, weil ich die Bilanzen vor der Frisur gesehen habe. Ich habe es im Frühjahr 1929 in einen Artikel geschrieben, und der Redakteur hat den Artikel gekürzt, weil die Stimmung nicht passe. Die Stimmung. Als sei eine Bilanz eine Meinung. Als sei der Gang eines Patienten eine Laune.
Heute, 1937, ist es schlimmer. Damals war es Dummheit. Heute ist es Methode. Damals haben sie nicht gewusst, was sie taten. Heute wissen sie es, und sie tun es trotzdem, weil die Alternative ein Geständnis wäre, und ein Geständnis ist in dieser Stadt teurer als jeder Betrug.
Derweil, drei Blocks weiter, steht eine Schlange vor einem Suppenwagen. Männer, Frauen, Kinder. Die Männer tragen Mäntel, die vor zehn Jahren noch nach etwas aussahen. Die Frauen tragen Geduld, die nichts wiegt und alles kostet. Die Kinder tragen Mützen, die für größere Köpfe gemacht sind, weil die Köpfe der Kinder in den letzten Jahren nicht so gewachsen sind wie die Zahlen in den Geschäftsberichten.
Ein Mann am Ende der Schlange, vielleicht fünfzig, vielleicht sechzig, die Haut grau, die Augen grau, der Mantel grau, spricht mich an. Er fragt, ob ich wisse, wann die Börse wieder öffne. Ich sage, die Börse sei offen. Er sagt: Ich meine für uns.
Ich gehe nach Hause. Die Pfeife ist kalt geworden. Der Bericht auf dem Tisch summiert sich. Er summiert sich auf den Cent, und der Cent gehört einem Mann, der diesen Mann vor dem Suppenwagen nicht kennt und nicht kennen will.
1937. Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Sie waren es nie. Sie sollen es auch nicht sein. Denn ein ausgeglichenes Buch wäre ehrlich, und ein ehrliches Buch in dieser Stadt wäre das Ende mehrerer Karrieren, mehrerer Häuser an der Park Avenue und mehrerer Plätze in den Vorständen jener Gesellschaften, die in den Berichten, die ich nicht nennen darf, als solide und zukunftssicher beschrieben werden.
Zukunftssicher. Ein Wort, das man 1929 auch benutzte. Ein Wort, das man 1932 auch benutzte. Ein Wort, das man 1937 wieder benutzt, weil die Wörter billig sind und die Aussichten teuer.
Ich lehne mich zurück. Die Pfeife geht wieder an. Irgendwo in dieser Stadt sitzt ein Mann mit weichen Händen und einem Telefon und sagt jemandem, dass der Bericht von 1937 im Rahmen liege. Irgendwo sitzt ein Aufseher, der nicht aufsieht. Irgendwo sitzt ein Aktionär, der nicht hinsieht. Und irgendwo, drei Blocks weiter, sitzt ein Mann vor einem Suppenwagen und sieht alles.
Die Bücher stimmen nicht. Sie haben nie gestimmt. Sie werden morgen stimmen, und das ist die eigentliche Nachricht des Jahres 1937. Nicht dass die Wirtschaft wankt. Sondern dass die Wirtschaft wanken darf, weil die Zahlen, die sie halten, in Wahrheit keine Zahlen sind. Sie sind Möbel. Sie sind so aufgestellt, dass das Zimmer ordentlich aussieht, wenn der Besuch kommt.
Wenn der Besuch wieder geht, wird umgeräumt.