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PROJECT SUNRISE: 22 STUNDEN NONSTOP — WEM GEHÖRT DER HIMMEL

25. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Toulouse, 17. Juni 2026. Auf dem Flugfeld steht ein Airbus A350, blank wie frisches Zinn, ohne Triebwerke. Die Rolls-Royce XWB-97 fehlen noch. Qantas zeigt der Welt trotzdem das Versprechen: der längste Nonstop-Flug der kommerziellen Luftfahrt. Sydney nach London, rund zwanzig Stunden, Start im Oktober 2027.

Vanessa Hudson, die Chefin der australischen Airline, sprach vor dem blanken Rumpf wie eine Prophetin. "Australiens Distanz zur übrigen Welt darf nie im Weg stehen." Ein Satz, den man sich merken sollte. Er klingt nach Volksmission, meint aber Quartalszahlen.

Die Maschine ist eine A350-1000ULR, Sonderbau. 238 Passagiere, bis zu 22 Stunden in der Luft. Wer mitfliegt, sitzt zwanzig Stunden in einer Blechröhre mit drei Mahlzeiten, zwei Filmen und dem Wissen, dass der Kapitän gerade über den Nordpol steuert — ein Viertel aller Flüge nimmt die Polarroute, besonders im Winter. Neue Frequenzen am Himmel, neue Verhandlungen am Boden. Ich übersetze: die Drähte werden länger, aber die Hoheit über sie ist nicht garantiert.

Der Trick ist alt. Qantas taufte das Projekt "Sunrise" nach den Doppel-Sonnenaufgang-Flügen des Zweiten Weltkriegs — Bomber, die lang genug in der Luft blieben, um zwei Mal die Sonne zu sehen. Heute ist es Marketing. Dieselbe Phrase, neue Kundschaft: der Geschäftsreisende, der sich ein Billett in der Business-Class leistet und keine Lust mehr auf Singapur hat.

Die Rechnung steht. Hudson rechnet mit 400 Millionen australischen Dollar zusätzlichem Gewinn pro Jahr. Dafür muss jeder Sitz im Premiumsegment etwa zwanzig Prozent mehr kosten als ein Ticket mit Zwischenstopp. "Sie verkaufen Zeit", sagt der Luftfahrtsanalyst John Strickland, "und sie brauchen einen Aufschlag in allen Klassen." Zwanzig Prozent Aufschlag für eine Stunde gesparter Wartezeit — der Mann in der Suppenküche darf selbst rechnen.

Doch wer zahlt den Preis, wenn es nicht klappt? Die Analysten von Jefferies haben im April angemerkt, dass die hohen Treibstoffpreise durch den Golfkonflikt die Gewinnschwelle nach oben treiben. Reisende könnten weiterhin Perth als Drehkreuz nutzen oder auf asiatische Hubs ausweichen. Der direkte Weg ist ein Privileg. Wer ihn sich nicht leisten kann, fliegt weiter mit Zwischenstopp über Singapur — vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Stunden — und bezahlt denselben Kerosin.

Die Flugzeuge stehen noch ohne Motoren auf dem Feld. Der Erstflug ist nicht angekündigt. Der Ticketverkauf beginnt erst im Februar nächsten Jahres. Im Oktober 2027 soll der erste Linienflug starten — eineinviertel Jahre Vorbereitung für eine Maschine, die noch nicht fertig ist. Wer hier Wetten abschließt, wettet auf das Wetter, den Treibstoff und die Laune der Geschäftsreisenden.

Hudson ist klug genug, das nicht zuzugeben. Sie spricht von Australien, von Distanz, von der Welt, die näher rücken muss. Ich höre die Frequenz dahinter: ein Jahrzehnt Vorbereitung seit 2017, Milliarden an Flugzeugen und Kabinenumbauten, eine Airline, die sich gegen Airbus und Boeing durchgesetzt hat. Wer verliert, verliert leise. Singapur verliert seinen Zwischenstopp. Perth verliert seine aufstrebende Rolle. Die Konkurrenz verliert Marktanteil. Die Gewinner heißen Airbus, Rolls-Royce, und am Ende des Drahtes: die Aktionäre.

Frauen in diesem Beruf — 1937 wie 2026 — haben nichts zu melden, solange die Quartalsberichte stimmen. Vanessa Hudson ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Sie verkauft das längste Blech der Welt und nennt es Sunrise.

Ich notiere: das Versprechen fliegt noch ohne Motoren. Wer in eineinviertel Jahren oben sitzt, hat entweder das Geld oder das Glück. Der Rest wartet in Singapur.

— Ada Voss, Terminal Tribune

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