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Sie nennen es Fortschritt, wir nennen es Atempause mit Bluff

25. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Evelyn singt unten im Café irgendwas von Liebe. Es passt nicht. Hier oben riecht es nach kaltem Tabak und heißem Draht. Die Meldung kam um drei Uhr früh aus Genf, und sie klingt wie alle Meldungen der letzten zehn Jahre: Beide Seiten reden, beide Seiten drohen, beide Seiten behaupten, es sei gelaufen. Die Kameras sind längst aus.

Iran sagt, es habe „guten Fortschritt" gegeben bei den Gesprächen in der Schweiz. Die Delegation sei aufgestanden und gegangen, nachdem der amerikanische Präsident gedroht hatte, sie „wegzublasen" — ich zitiere die gehobene Übersetzung, das Original war derber. Man hat sich also unterhalten, dann hat man sich beschimpft, dann ist man gegangen, dann hat man gesagt, man habe sich unterhalten. Wenn das Fortschritt ist, dann sind die Römer an ihrer eigenen Sprache gestorben.

Schau nicht auf die Pressemitteilung, Genosse. Schau auf die Landkarte.

Trump schreibt auf Truth Social — einem Namen, der nach Wahrheit klingt und nach Theater schmeckt —, Iran müsse sofort seine „hochbezahlten PROXIES" im Libanon stoppen. Sonst werde man den Iran „sehr hart treffen, härter als letzte Woche, nur härter". Die letzte Woche war der Vorgeschmack. Das Hauptgericht steht noch auf dem Spielplan. Was heißt das? Es heißt: Die Vereinigten Staaten haben Israel grünes Licht gegeben, im Libanon zuzuschlagen, und jetzt geben sie Iran die Schuld dafür, dass die Hisbollah zurückschlägt. Das ist, als würde man den Nachbarn verprügeln und sich dann beschweren, dass er schreit.

Israel? Kämpft weiter. Trotz Waffenruhe, die am Freitag in Kraft trat. Trotz des Memorandums of Understanding, das letzte Woche unterschrieben wurde und in dem wörtlich steht, die Kämpfe müssten „an allen Fronten, einschließlich im Libanon" aufhören. Unterschrieben. Besiegelt. Und dann? Bomben auf Nabatieh, Rauch über Deir Qanoun al-Nahr in der Region Tyrus, zerstörte Häuser, Hisbollah-Fahnen zwischen Schutt. Der Verhandlungstisch in Genf wackelt.

Wer sabotiert hier wen? Manche in Washington flüstern, Iran ermutige die Hisbollah, um das eigene Abkommen zu untergraben. Andere flüstern, Israel sabotiere das MOU selbst, weil Netanjahu mit den Bedingungen nicht einverstanden ist. Trump nannte ihn kürzlich „verdammt verrückt" — und das war noch die zahme Übersetzung. Beide Flüsterer könnten recht haben. Beide könnten lügen. Das ist das Schöne an Flüstern: Es hinterlässt keine Fingerabdrücke.

Die Meerenge von Hormus. Hier wird es ölig, im wahrsten Sinne. Iran behauptete am Samstag, die Wasserstraße geschlossen zu haben, als Vergeltung für die israelischen Schläge gegen die Hisbollah. Die Amerikaner sagen: Schiffe kamen trotzdem durch. Zwanzig Prozent des globalen Öls fließen hier durch einen Flaschenhals, und beide Seiten spielen damit Poker. Trump sagt, wenn Iran die Straße wirklich schließe, „werdet ihr kein Land mehr haben. Ihr werdet nicht mal mehr in euer verdammtes Land zurückkommen." Das ist keine Diplomatie. Das ist ein Raubtier, das seine Zähne zeigt, während das Blut noch an den Pfoten klebt.

Und der nächste Schritt steht schon im Drehbuch: Trump droht, die Meerenge selbst zu übernehmen. Amerika als „Schutzengel" für die Öltanker der Welt, mit Mautstation für alle, die durchwollen. Das ist kein Friedensplan, das ist ein Übernahmeangebot, getarnt als Weltpolizei.

Irans Präsident Peseschkian hat öffentlich gesagt, sein Land werde „das Recht auf Anreicherung nicht aufgeben", Amerika werde „gezwungen sein, es zu akzeptieren". Darauf Trump, in einem Tonfall, den man sonst nur aus Kneipen kurz vor Mitternacht hört: „Er soll lieber auf seinen Mund aufpassen. Er soll sich benehmen, oder wir nehmen den Rest des Landes." Die Sprache von 1937, mit den Waffen von morgen. Die Geschichte erinnert sich an solche Sätze. Sie stehen in Schulbüchern, immer im Kapitel „Wie es dazu kam".

Was bleibt am Ende des Tages? Ein Abkommen, das nicht hält. Eine Waffenruhe, die keine ist. Eine Meerenge, die offen oder geschlossen ist, je nachdem, wer gerade die bessere Lüge verkauft. Friedensgespräche, die verschoben wurden, weil die Kämpfe nicht aufhörten, obwohl alle unterschrieben hatten, dass sie aufhören müssen. Und ein Präsident, der seinen Amtskollegen als wahnsinnig bezeichnet und gleichzeitig von ihm verlangt, er solle „ein bisschen normal bleiben" — als wäre Wahnsinn eine Frage der Dosierung.

Ich sag dir, wer hier wirklich verhandelt. Nicht die Männer in den Anzügen in Genf, die sich gegenüber sitzen und so tun, als zählten ihre Worte. Es verhandelt das Öl in den Tanks der Tanker, die nachts durch die Meerenge schleichen. Es verhandelt der Wahlkalender in Washington, wo jeder Tag ohne Deal ein Tag ist, an dem jemand anderes den nächsten Deal machen könnte. Es verhandelt das alte Gespenst der Großmacht, verkleidet als Friedensmission.

Vertraue niemandem, der „Fortschritt" sagt, während er die Faust auf dem Tisch hat.

Evelyn hat aufgehört zu singen. Das Café macht zu. Irgendwo in Genf sitzt ein Diplomat und formuliert eine Pressemitteilung, die niemand glaubt. Irgendwo über dem Libanon fliegt eine Rakete, die kein Memorandum kennt.

Wir sehen uns morgen. Oder übermorgen. Die Geographie der Kriege ändert sich. Die Geographie der Lügen bleibt.

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