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D-Stack: Einigung auf dem Papier, Schnittstellen-Chaos in Sicht

26. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Da haben sie sich die Hände geschüttelt. Bund und Länder, Mitte Juni, im IT-Planungsrat. Drei Basiskomponenten, fein säuberlich verpackt unter dem Namen Deutschland-Stack — kurz D-Stack. Klingt nach Baukasten. Ist eher ein Versprechen auf Raten. Und wie bei Raten: Der erste Eindruck ist schick, die letzte Rate kommt nie.

Der D-Stack, das ist die Verwaltungsdigitalisierung im Kleinformat. Oben drauf steht der Name von Karsten Wildberger, CDU, seines Zeichens Bundesdigitalminister. Prestigeprojekt, sagen sie. Ich sage: Prestige ist das, was übrig bleibt, wenn die Technik schon eingeknickt ist.

Drei Komponenten sind es, auf die sich die Länder nun verpflichten sollen — „verpflichten" wohlgemerkt, das Wort hat Gewicht, das Gewicht ist optional. Die erste heißt NOOTS, das National-Once-Only-Technical-System. Ein Zungenbrecher, der bedeutet: Bürger geben ihre Daten einmal an, und jede Behörde darf sie abrufen. Praktisch, wenn es funktioniert. Funktioniert hat es bisher nicht — aber wer braucht schon Funktion, wenn er Einigung feiern kann?

Die zweite Komponente: Identität. Der elektronische Personalausweis mit seiner eID-Funktion und die geplante EUDI-Wallet, eine digitale Brieftasche europäischer Bauart. Wer sich heute schon beim Online-Ausweis die Zähne ausbeißt, darf sich auf mehr davon freuen. Die dritte Komponente ist FIT-Connect, ein Kind der FITKO — Föderale IT-Kooperation. FIT-Connect ist die Datenautobahn, auf der Bürger- und Unternehmensdaten vom Antrag zur Verwaltung rollen sollen. Ohne diese Autobahn kein D-Stack. Und ohne verbindliche Autobahn — das erklärt Ihnen gleich das Chaos.

Dazu kommen ZaPuK — die Zielarchitektur für Postfach und Kommunikation — und ZBDS für die Zahlungsabwicklung. Sechs Bausteine, allesamt aus Berlin finanziert. Der Bund übernimmt Konzeption, Pflege, Entwicklung. Großzügig. Ich frage mich nur: großzügig für wen?

Anke Pörksen, Staatssekretärin aus Niedersachsen, sprach beim Pressegespräch von entschlossenem Hinter-dem-Stack-Stehen. Das ist Ministerjargon für: Der Bund zahlt, wir nicken mit. Und wirklich: Solange Berlin die Rechnung trägt, ist Begeisterung billig. Begeisterung wird teuer, wenn die Länder eigene Schnittstellen pflegen, eigene Sonderwege gehen, eigene Formate basteln. Genau das ist die Gefahr.

Denn hören Sie genau hin: Die Verpflichtung, die da gefeiert wird, ist dünn. NOOTS — ja, das bindet. Ein Staatsvertrag aus dem letzten Jahr steht im Weg, beziehungsweise steht dafür, dass die Länder NOOTS nutzen müssen. Aber FIT-Connect? „Begrenzt verbindlich", heißt es. Und „begrenzt verbindlich" ist Beamten-Deutsch für: Wir machen mit, wenn es uns passt.

Hier wird der Lackriss sichtbar. FIT-Connect ist die zentrale Datenpiste zwischen Antragsteller und Verwaltung. Funktioniert sie nicht einheitlich, hat jeder Antrag das Potenzial, im falschen Bundesland zu landen — oder im Nirgendwo. Schnittstellen-Chaos, schon die Überschrift der Meldung klingt danach, als hätte man es kommen sehen.

Die Mechanik dahinter ist uralt: Föderalismus. Sechzehn Länder, sechzehn Verwaltungen, sechzehnmal Stolz auf Eigenes. Wer in München einen Antrag stellt, soll in Kiel ankommen — das ist die Idee. Wer in Kiel einen Antrag stellt, soll in München ankommen — das ist die Schwierigkeit. Die Schnittstellen sind die Stecker, an denen diese Welten zusammengesteckt werden sollen. Passen sie nicht, fließt nichts.

Wer kontrolliert das? Formal: der IT-Planungsrat, ein Bund-Länder-Gremium. Faktisch: wer den Code schreibt, wer die Spezifikationen pflegt, wer das Geld hat, zu sagen, wo es langgeht. Der Bund hat das Geld. Also hat der Bund das Sagen — theoretisch. Praktisch haben die Länder weiterhin ihre eigenen Rechenzentren, ihre eigenen Landes-IT-Dienstleister, ihre eigenen Lieblingsberater. Berlin kann Rahmenbedingungen setzen. Durchsetzen muss jede Landesregierung selbst.

Wer profitiert? Zunächst die Anbieter. Wo ein Stack gebaut wird, werden Berater gebraucht, Integratoren, Cloud-Anbieter, Sicherheitsprüfer. NOOTS, FIT-Connect, EUDI-Wallet — jeder dieser Bausteine ist ein Markt. Wer früh dabei ist, schreibt die Standards. Wer die Standards schreibt, schreibt am Ende die Kosten.

Wer zahlt den Preis? Der Bürger. Erstens mit Wartezeit, denn solange Länder eigene Wege gehen, bleibt der digitale Antrag ein Glücksspiel. Zweitens mit Steuergeld, das in parallele Strukturen fließt, statt in eine. Drittens — und das ist die unsichtbare Rechnung — mit Daten. Jeder Antrag, jede Identität, jede Zahlung läuft über zentrale Komponenten. Wer Zugriff auf diese Komponenten hat, hat Zugriff auf das, was eine Verwaltung über ihre Bürger weiß.

Wildbergers D-Stack ist also mehr als ein IT-Projekt. Er ist ein Hebel. Ein Hebel, mit dem Berlin die föderale Verwaltung an einer gemeinsamen Infrastruktur festzurrt — und damit an einer gemeinsamen Logik. Das ist nicht zwingend schlecht. Es ist zwingend politisch. Und politisch heißt: Es braucht mehr als eine Einigung im Planungsrat und mehr als „begrenzt verbindliche" Beschlüsse.

Ich bleibe dran. Wie immer. Wenn der erste Stack steht, wird sich zeigen, wer mitgebaut hat und wer nur die Schaufel hielt. Die Drähte summen weiter. Ich höre zu.

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