Dreieck Nord: Das stille Netz der Funkpeilung
Die Firma Telefunken hat in diesen Tagen eine neue Antennenfarm an der Ostseeküste errichtet. Offiziell dient sie der zivilen Seefahrt. Das ist eine Lüge. Und ich kann erklären, warum.
Seit zwei Jahren höre ich die Frequenzen ab, die das Reichsluftfahrtministerium als "nicht mehr relevant" klassifiziert hat. Ein alter Kollege vom Marinefunk, der jetzt bei der Reichspost arbeitet, hat mir vergangene Woche ein internes Memorandum zugesteckt. Es trägt den Vermerk "Streng vertraulich" und ist mit drei roten Stempeln markiert. Der Inhalt: eine Liste von zwölf Funkpeilstationen entlang der Nordseeküste, die angeblich "Wetterdaten für die Hochseefischerei" übermitteln.
Die Wahrheit ist einfacher und hässlicher. Diese Stationen bilden ein Dreiecksnetz, das jedes Flugzeug im deutschen Luftraum bis auf hundert Meter genau orten kann. Die Technik heißt Kreuzpeilung. Man braucht drei Empfänger, die dasselbe Signal aus verschiedenen Winkeln hören. Aus den Zeitunterschieden beim Empfang lässt sich der Standort berechnen. Das ist uralte Mathematik. Heinrich Hertz hat das Prinzip schon 1888 beschrieben.
Aber hier wird es zur Waffe. Jedes zivile Flugzeug, das die Küstenlinie überquert, wird erfasst. Jede ausländische Maschine erst recht. Das System trägt intern den Namen "Dreieck Nord" und wird direkt aus dem Reichsluftfahrtministerium gesteuert. Die Reichspost ist nur das Waschweib, das die Rechnungen unterschreibt.
Die Firma Telefunken profitiert doppelt. Erstens verkauft sie die Empfangsanlagen zu einem Preis, der jeden zivilen Maßstab sprengt. Eine Peilstation kostet so viel wie drei neue Fischdampfer. Zweitens liefert sie die geschulten Funker, die rund um die Uhr an den Geräten sitzen. Diese Funker sind keine normalen Postbeamten. Sie tragen die Uniform der Luftwaffe und beziehen Sold statt Gehalt.
Was zahlt die Öffentlichkeit für dieses stille Netz? Sie zahlt es zweimal. Einmal über die Postgebühren, die in diesem Quartal erhöht wurden. Und einmal über die Mittel, die das RLM direkt aus dem Reichshaushalt zieht, ohne dass der Reichstag je darüber abgestimmt hat. Die zweite Rechnung bekommt kein Mensch zu Gesicht.
Sie zahlt mit dem Verlust ihrer Privatsphäre. Jede Funkmeldung, die ein Kapitän, ein Pilot oder ein Funker auf See absetzt, wird irgendwo mitgeschnitten und landet in einem Aktenordner in Berlin. Es gibt keine Verordnung, die diese Praxis erlaubt. Es gibt nur die stillschweigende Duldung.
Und sie zahlt mit einem Risiko, über das niemand spricht. Wenn dieses Netz eines Tages für etwas anderes benutzt wird als für Wetterberichte — und glauben Sie mir, das wird es — dann ist die gesamte Infrastruktur bereits vorhanden. Dann braucht man nur noch den Befehl umzulegen.
Das Perfide an dieser Geschichte ist die Tarnung. Die Antennen sehen aus wie ganz normale Funkmasten. Die Stationsgebäude tragen das Schild "Reichspost" und einen freundlichen Hinweis auf den Küstentourismus. Die Bedienungsmannschaften sind instruiert, jede Frage nach ihren Aufgaben mit dem Satz zu beantworten: "Wir dienen der Hochseefischerei und der Allgemeinheit."
Ich habe vergangene Woche versucht, die Station bei Cuxhaven zu besuchen. Die Empfangsdame war höflich, aber bestimmt. "Keine Besucher ohne dienstliche Anmeldung." Ich habe gefragt, ob ich meine alte Telegraphistenlizenz vorzeigen dürfe. Sie hat gelächelt und gesagt: "Dafür haben wir leider keine Kapazitäten."
Heute Morgen lag ein Brief in meinem Fach. Darin steht, dass meine journalistische Akkreditierung für den Bereich Küstenfunk "bis auf weiteres ausgesetzt" sei. Der Absender ist nicht die Reichspost. Es ist ein gewisser Ministerialrat Dr. Hellmann aus dem Reichsluftfahrtministerium.
Mein Telefonanschluss wurde noch nicht gekappt. Das Telefon klingelt trotzdem nicht mehr so oft wie früher. Dafür höre ich nachts ein leises Klicken in der Leitung, das vorher nicht da war. Jemand horcht mit. Das ist das Geschäft.
Ich übersetze weiter. Die Drähte summen. Und irgendwo zwischen Cuxhaven und Westerland hört jemand mehr, als ihm zusteht.