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Lukaschenko knickt ein: Ein Diktator lernt das Fürchten

26. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Minsk hat seine Stimme gewechselt wie ein Säufer sein Hemd. Und ausgerechnet bei Al Arabija, dem Sender aus der Wüste, flüstert der letzte Zar Europas jetzt sein Mea Culpa ins Mikrofon.

Alexander Lukaschenko entschuldigt sich bei Wolodymyr Selenskyj. Ja, wirklich. Der Mann, der Putins Panzer über sein eigenes Land rollen ließ, als wäre die Heimat eine Autobahnraststätte für Imperien. Der Mann, der Selenskyj einen Schuft nannte, als Kiew noch rauchte. Dieser Mann sagt jetzt: Falls sich Wolodymyr Alexandrowitsch gekränkt fühle, bitte er um Entschuldigung.

Man höre und staune.

Was ist passiert? Wer hat dem Bären ins Ohr gepustet? Die Antwort liegt in einem Facebook-Post. Geschrieben von Robert Brovdi, genannt Magyar, Kommandeur der ukrainischen Drohneneinheiten. Brovdi drohte Lukaschenko offen: 500 Ziele in Belarus seien bereits identifiziert. Fünfhundert. Kein Versteckspiel, kein Plüschtiergerede, sondern eine Liste mit Adressen.

Und Lukaschenko, der seine Macht dreißig Jahre lang mit Zuckerbrot und Peitsche zusammenhielt, schluckte. Plötzlich redet er wie ein Buchhalter, der die Bilanz gefälscht hat: Belarus sei militärisch äußerst verwundbar, man sei sich dieser Tatsache bewusst, keinerlei Absicht, in einen Krieg verwickelt zu werden, läge da wie auf der Hand für das ukrainische Militär.

Lukaschenko liegt wie auf der Hand. Das hat er selbst gesagt. Über sein eigenes Land.

Die Rechnung ist so einfach, dass sogar ich sie verstehe, und ich bin Reporter, kein Mathematiker. Putin riecht nicht mehr nach Sieg. Die Operation, die drei Tage dauern sollte, dauert jetzt vier Jahre, und das Ende ist so nah wie der Bahnhof von Minsk, den es nicht gibt, weil dort seit Jahren niemand mehr ankommt. Also sucht Lukaschenko die Tür. Er hat das immer gekonnt, das muss man ihm lassen. Sein ganzes politisches Leben ist ein einziger Notausgang gewesen, durch den er rausging, wenn das Feuer von der anderen Seite kam.

Aber diesmal wird es interessant. Diesmal reden wir nicht mehr von einem Despoten, der mit Moskau kungelt. Diesmal reden wir von einem Despoten, der sich öffentlich entschuldigt, in einem arabischen Sender, vor einem Publikum, das mit dem ukrainischen Schmerz nichts am Hut hat, aber die Geste der Demut sehr wohl versteht. Die Diplomatie des Ostens lebt von solchen Bildern. Ein Mann, der sich beugt, bevor er geschlagen wird, wird nicht geschlagen. So will es das alte Gesetz.

Die zweite Szene gehört Oberbefehlshaber Syrskyj. Nach einem Treffen mit der Militärführung kündigt er neue Drohneneinheiten an der Nordgrenze an. Welche Abschnitte genau, bleibt offen, wie immer, wenn Generäle Karten lesen und Journalisten zugucken dürfen. Fest steht: Die Ukraine baut ihre Abwehr aus, weil Russland das belarussische Territorium weiter für Langstreckenangriffe nutzt, Shahed-Drohnen, Kamikaze aus iranischer Produktion, made in Minsk.

Seit 2022 ist Belarus eine Startrampe für alles, was Kiew zerstören soll. Die Ukrainer warnten monatelang davor, dass Moskau erneut zuschlagen könnte, von dort, von oben, mit dem Segen eines Mannes, der sich jetzt verwundbar nennt wie ein Kind im Wald.

Und dann kommt der zweite Teil der Lukaschenko-Rede, jenseits der Entschuldigung. Plötzlich wird der Bär zum Lehrer. Selenskyj sei jung. Unerfahren. Kein Militär. Unter Druck. Er müsse verstehen, dass von Belarus keine Gefahr ausgehe. Wie ein Onkel, der dem Neffen erklärt, wie die Welt funktioniert, während er gleichzeitig das Familienvermögen verprasst hat.

Man darf das nicht übersehen. Die Entschuldigung ist die eine Hälfte. Die Belehrung ist die andere. Lukaschenko gibt nach, aber er gibt nicht klein bei. Er ordnet sich nicht unter, er definiert nur die Bedingungen seines Rückzugs neu. Frieden gegen Respekt. Ruhe gegen Anerkennung. So funktioniert das in diesen Breitengraden seit Generationen.

Was bleibt? Eine belarussische Armee, die laut ihrem eigenen Präsidenten verwundbar ist und sich dessen bewusst. Ein Drohnen-Kommandeur, der Adressen liest wie ein Postbote den Winter. Ein ukrainisches Oberkommando, das genau weiß, warum neue Einheiten her müssen. Und ein Lukaschenko, der zwischen den Fronten balanciert wie ein Akrobat ohne Netz, während unter ihm das Seil jeden Tag dünner wird.

Die letzte Frage gehört dem Leser. Wenn ein Diktator, der seinen Nachbarn als Schuft beschimpfte, sich heute bei ihm entschuldigt, vor laufender Kamera, in der Sprache der Höflichkeit, die er nicht beherrscht: Wer hat ihm beigebracht, dass Höflichkeit jetzt überlebensnotwendig ist?

Ich kenne die Antwort. Sie steht auf keiner Liste. Sie hat keine Adresse. Aber sie summt. Hört ihr es?

Es sind die Drohnen.

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