36,4 Grad und die Architekten des Schweigens
Manchmal beginnt die Wahrheit mit einer Zahl, die kein Mensch mehr übersehen kann. 36,4 Grad Celsius – gemessen am Donnerstag in der englischen Grafschaft Somerset, protokolliert vom Met Office, der seine rote Hitzewarnung um vierundzwanzig Stunden verlängerte, bis Freitagabend, elf Uhr. Eine Zahl, die in der britischen Wettergeschichte ihresgleichen sucht. Zahlen lügen nicht, das haben sie nie getan. Sie werden nur von jenen zum Schweigen gebracht, die ihre Konsequenzen nicht tragen wollen.
Das Konsortium World Weather Attribution hat in diesen Tagen getan, was die Politik seit Jahrzehnten versäumt: es hat die Beweislage zusammengetragen und die Handschrift benannt. Dr. Theodore Keeping vom Imperial College London sagt es ohne Umschweife: «Dies ist die schwerste und weitverbreitetste Hitzewelle, die je ein so großes Gebiet Europas betroffen hat.» Clair Barnes, seine Kollegin und Mitautorin, ergänzt: «Wir tun nicht genug, um die Geschwindigkeit der globalen Erwärmung zu verlangsamen. Wir sollten erwarten, dass Rekordtemperaturen immer häufiger überschritten werden.» Sätze, so nüchtern wie ein Protokoll, formuliert im Tonfall einer Niederschrift, die keinen Widerspruch mehr zulässt.
Hinter der Bühne, dort wo die Staatschefs posieren und die Kameras ihre vereinbarten Bilder einfangen, geschieht das, was immer geschieht: die Maschine wird weiter gefüttert. Kohle, Öl, Gas – die fossilen Brennstoffe, deren Verbrennung die Atmosphäre seit Jahrzehnten aufheizt. Die Weltorganisation für Meteorologie beziffert die mittlere globale Erwärmung auf etwa 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, 1,1 Grad davon allein in den vergangenen fünfzig Jahren. Europa, der am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde, kassiert die Rechnung als Erster.
Die Mechanik ist bestechend einfach: Kohlendioxid hält die Wärme fest, die die Erde abstrahlt. Mehr Kohlendioxid, mehr Hitze. Mehr Hitze, häufigere Extreme. Eine Hitzewelle wie die aktuelle wäre im Juni 1976 noch 3,5 Grad kühler gewesen, im Juni 2003 immerhin noch zwei Grad. Heute ist sie nach der Analyse virtually impossible ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel. Die schwülen Nachttemperaturen, die den Menschen den Schlaf rauben, sind hundertmal wahrscheinlicher als noch vor zwei Jahrzehnten. Das ist keine Mutmaßung. Das ist Attributionswissenschaft.
Man muss kein Diplomat gewesen sein, um zu erkennen, was hier verhandelt wird. Es ist der älteste Pakt der Welt: die Mächtigen gewinnen, die Schwachen zahlen. Im Sommer 2022 starben mehr als sechzigtausend Menschen in Europa an den Folgen der Hitze. Die exakten Opfer der aktuellen Welle werden gezählt, wenn die Bestatter ihre Bücher geschlossen haben. Mindestens hundert Millionen Menschen in Europa werden am Donnerstag Temperaturen über 35 Grad ausgesetzt sein. Fünfundvierzig Prozent der mehr als achthundert untersuchten Großstädte erleben ihr bisher schlimmstes Niveau an Hitzestress in einem späten Juni – jenen Zustand, in dem der Körper nicht mehr durch Schwitzen abkühlen kann, gemessen anhand der Feuchtkugeltemperatur.
Schulen geschlossen, Krankenhäuser überlastet, Züge annulliert, Flugzeuge am Boden. Dutzende Tote bereits, Stromversorgung gestört, kulturelle Wahrzeichen verriegelt. In Teilen Frankreichs sinkt das Thermometer seit mehr als einer Woche nicht mehr unter zwanzig Grad – jene Schwelle, die Meteorologen eine tropische Nacht nennen. Manche Nächte kommen Werten nahe, die an die dreißig Grad reichen. Der El-Niño-Wettereinfluss im tropischen Pazifik hat zu dieser Hitzewelle nachweislich nicht beigetragen.
Man stelle sich die Hauptstädte vor: die dichtesten Metropolen Europas erleben nicht nur ihren heißesten je gemessenen Drei-Tage-Abschnitt im Juni, sondern ihren heißesten Drei-Tage-Abschnitt zu jeder Jahreszeit. Die Infrastruktur eines Kontinents, der sich für zivilisiert hält, knickt unter einer Sonne, die keine Verhandlungen kennt.
Die Vereinbarungen, die in Konferenzsälen unterzeichnet wurden, sind Papiere geblieben, die in Archiven vergilben, während die Wirklichkeit brennt. Die Handschuhe, die ich trage, sind nicht nur gegen die Sonne. Sie sind gegen das, was diese Hitze offenbart: dass die Architekten des Schweigens weiterbauen, während das Dach über uns allen zu glühen beginnt.
Die Wissenschaft hat gesprochen, mit einer Klarheit, die man sonst nur bei der Verlesung von Urteilen hört. Bleibt die Frage, die nicht mehr die Wissenschaft beantworten kann: wer unterschreibt am Ende die Quittung – und wer wird sie bezahlen.