Schaut weg, Bürger. Moskau brennt nicht
Evelyn singt unten im Café, ein altes Lied, das von Städten handelt, die nicht mehr ihre eigenen sind. Hier oben riecht es nach Bourbon und nach einer Meldung, die im russischen Fernsehen nicht stattgefunden hat.
Zweihundert Drohnen über Moskau. Eine Raffinerie in Kapotnya steht in Flammen. Ein Mädchen, acht Jahre alt, ist tot. Siebzehn Verletzte in der Region. Und das russische Fernsehen — Channel One, Rossija 1, NTV — schweigt. Nicht dementiert. Nicht kleingeredet. Geschwiegen. In den Morgennachrichten kein Wort. Am Nachmittag haben zwei der drei Sender die Geschichte vollständig fallen lassen. Nur Rossija 1 zitiert noch Sobjanin, den Bürgermeister. Und Worobjow, den Gouverneur. Mehr nicht.
Das ist die Maschine, liebe Leser. Wenn die Hauptstadt brennt, darf die Hauptstadt nicht brennen. Punkt. Aus. Sendepause.
Peskow, der Mann mit der Stimme wie angerostetes Blech, spricht am Tag danach vor der Presse. Er sagt, die Luftabwehr habe "hohe Leistungsindikatoren — trotz allem" gezeigt. Die Worte klingen wie aus dem Lexikon eines Mannes, der seit Jahren denselben Zettel liest. Erinnern Sie sich an Chamberlain? 1938, München. "Frieden für unsere Zeit." Der Mann war überzeugt, dass Wegschauen eine Strategie sei. Die Maschine ist uralt. Sie funktioniert noch immer.
Dann sagt Peskow: Schauen Sie sich die Aufnahmen unserer Schläge auf ukrainische Städte an. Das Material sei "beeindruckend". Es werde weitergehen. Übersetzung für alle, die noch hören: Schaut nicht auf unsere Wunden. Schaut auf die Wunden der anderen. Schon Caesar hat das gemacht. Ist auch nichts Neues.
Doch die wirklich kalte Stelle — die finden Sie anderswo. Nicht im Kreml, nicht in den Nachrichten. In den Köpfen der Maschine selbst. Wladimir Solowjow, der blonde Priester des staatlichen Fernsehens, spricht am Morgen. Sein Thema ist nicht die Tote. Nicht die Brände. Sein Thema sind die Bürger, die ihre Handys gezogen haben. "Jeder, der das postet, gehört ins Gefängnis. Und öffentlich." Er spricht vom "spanischen Blogger" — das ist Scharij, ein Ukrainer, der früher für Moskau sprach. Weil Scharij über Moskau voller Bilder ist, über Kiew aber nicht. Die Logik ist simpel: Wer filmt, ist ein freiwilliger Helfer des Feindes. Wer schweigt, ist Patriot.
Gasparyan, Moderator von Solowjows Kanal, geht weiter. Gesichtserkennung, sagt er. Verhaftet sie. Brecht sie im Verhör. "Wertlose Bastarde" nennt er Menschen, die in einer brennenden Stadt ihr Telefon zücken. "Freiwillige Helfer der ukrainischen Streitkräfte." Ich frage mich, Bürger, was Gasparyan täte, wenn er selbst unter den Trümmern läge. Vermutlich das Gleiche wie wir alle. Alle filmen. Alle.
Andrey Medwedew, stellvertretender Generaldirektor der WGTRK — der staatlichen Medienholding, die das Schweigen produziert —, fragt der Öffentlichkeit ins Gesicht: Wo sind die Strafverfahren nach Artikel 275? Hochverrat. Für die, die gefilmt haben. Er sagt auch: Wir kämpfen nicht gegen die Ukraine. Wir kämpfen gegen den Westen. Und der Angriff — wohlgemerkt "absolut nicht zufällig" — kam einen Tag nach dem G7-Gipfel. Diese Leute glauben wirklich an die Symmetrie. Dass die Geschichte Theater ist und sie das Drehbuch schreiben.
Die Z-Blogger, die angeblichen Kriegshelden aus den Kanälen, sind einen Tick klüger. Sie wissen, dass sie verloren haben, was im Internet zu verlieren ist. "Wir müssen uns mit dem Filmmaterial der Schläge arrangieren und lernen, richtig damit zu arbeiten", schreibt der Kanal "Aufzeichnungen eines Veteranen" mit seinen 295.000 Lesern. Die NATO habe Satelliten mit extrem hoher Auflösung, die Daten lieferten unabhängig von jedem Handy-Video. Rybar, anderthalb Millionen Leser, pflichtet bei. Die Maschine lernt. Sie lernt nicht, den Krieg zu gewinnen. Sie lernt, mit der Sichtbarkeit umzugehen.
Denn darum geht es, nicht wahr? Nicht um Luftabwehr. Nicht um Raffinerien. Sondern darum, wer sehen darf und wer nicht. Wer seine eigene Stadt filmen darf und wer nicht. Ob ein Mädchen von acht Jahren zählt, das in der Region Moskau stirbt. Ob zweihundert Drohnen über einer Hauptstadt stattfinden oder nicht. Ob das Erdöl in Kapotnya weiter brennt oder ob es jemals gebrannt hat.
Selenskyj hat es in einen einzigen Satz gepackt. "Wenn die Ukraine brennt, wird euer Moskau auch brennen." Das ist keine Drohung, Bürger. Das ist Physik. Es ist die Physik eines Krieges, den Russland begonnen hat, und den Russland jetzt in seinen eigenen Vorgärten wiederfindet. An einer Raffinerie, die nach Diesel riecht. An einem Kinderzimmer, das nach nichts mehr riecht.
Channel One hat die Geschichte fallen lassen. NTV hat sie fallen lassen. Rossija 1 zitiert Sobjanin. Peskow spricht von "hohen Leistungsindikatoren". Solowjow will Bürger einsperren. Gasparyan will sie brechen. Medwedew will Artikel 275 anwenden. Und über Moskau ist in dieser Sekunde alles ruhig. Alles ruhig. Keine Drohnen. Kein Feuer. Kein Mädchen von acht Jahren. Nur Stille. Die feine, sorgfältig kuratierte Stille einer Maschine, die ihre eigenen Trümmer schluckt und so tut, als habe sie nie etwas geschluckt.
Evelyn singt noch immer unten. Regen hat eingesetzt. Das Licht vom Café wirft Schatten an die Decke.
Schauen Sie weg, Bürger. Es funktioniert nicht mehr. Aber wir versuchen es trotzdem.