Die Sprache der Vernichtung — Notizen aus einem Sommer, der nicht zählt
Manche Vokabeln sind wie Handschuhe aus feinem Leder — sie bedecken genau das, was man nicht berühren soll. Sie sind geschmeidig, sie riechen nach Politik, und sie verbergen die Mechanik, die sie beschreiben. Wenn eine UN-Kommission in diesen Tagen das Wort „deliberate" benutzt, um den Tod von Kindern in Gaza zu charakterisieren, dann hat sie ein Türchen geöffnet, durch das man nun hindurchsehen soll — aber bitte ohne zu stolpern, ohne die Stimme zu heben, ohne die Manschetten zu zerknittern.
Dreißig Prozent. So viele der Getöteten in Gaza sind nach Feststellung der Kommission Kinder. Manche von ihnen — viele, so muss man verstehen, wenn das Adjektiv überhaupt Bedeutung tragen soll — wurden „gezielt" getötet. Deliberate. Das Wort steht da wie ein gepflegter Herr in der ersten Klasse eines Zuges, der nirgendwo mehr hält. Es bedeutet: Es war Absicht. Es bedeutet: Jemand hat entschieden. Es bedeutet: Die Architektur der Zerstörung kennt ihre Baupläne, und diese Baupläne werden nicht im Geheimen gezeichnet, sondern auf Konferenzen, an Tischen, auf denen das Wasser noch kalt ist und die Hände noch zittern, bevor sie unterschreiben.
Ich habe solche Räume gesehen. In Genf, in Wien, an Orten, die nach Vernunft riechen und nach ihr riechen sollen. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie sagten: „Vorbehalt." Oder: „Wir werden prüfen." Oder, in der heutigen Sprache der Kabinette: „Schnell zur vollen Wucht zurückkehren." Das letztere Zitat stammt von israelischen Offiziellen, die, gehalten vom Druck der Stunde, davon sprechen, dass sie — kaum dass die Angriffe auf Beirut und Teheran pausieren — Gaza wieder mit voller Kraft angreifen wollen. Man nennt das, in der Sprache der Militärs, eine Rückkehr zur Eskalation. In der Sprache der Architekten ist es: Wir haben das Gebäude noch nicht fertig.
Iran sitzt indessen am Tisch mit den Vereinigten Staaten und drängt darauf, das zu beenden, was er unumwunden „Genozid" nennt. Es ist bemerkenswert, dass ein Wort, das in der Sprache der Diplomatie seit Jahrzehnten wie ein zerbrochenes Siegel gehandhabt wird, nun von einer Regierung verwendet wird, die selbstverständlich ebenfalls Archive besitzt, in denen andere, leisere Wörter stehen. Aber das ist die Ironie der Geschichte, die keine Ironie ist: Jeder hält dem anderen den Spiegel vor, und jeder sieht sich selbst nicht. Die Gespräche finden statt. Sie finden statt, weil sie stattfinden müssen, nicht weil sie stattfinden können. Die Sprache darin ist eine Sprache der Vermessung: Wie weit können wir gehen, ohne dass die Architektur bricht?
Aus Beirut kommt unterdessen eine Notiz von einer Klarheit, die fast schon wieder verdächtig ist: Die USA haben Israel nicht aufgefordert, sich aus dem Südlibanon zurückzuziehen. Das ist, diplomatisch formuliert, eine Mitteilung. In Wahrheit ist es Architektur. Die Abwesenheit einer Forderung ist eine Forderung. Das Schweigen auf einem bestimmten Kanal ist ein Signal auf einem anderen. Wer nicht fordert, erlaubt. Wer nicht erwähnt, gesteht zu. So entstehen Fakten, die keine Überschrift tragen, aber das Gebäude tragen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch am Rande einer Konferenz — es war in einem dieser Räume, in denen die Aschenbecher aus Kristall sind und die Übersetzer flüstern. Ein Diplomat, dessen Name hier nichts zur Sache tut, sagte mir, während er sich die Handschuhe anzog: „Wenn Sie verstehen wollen, was ein Staat tut, lesen Sie nicht, was er sagt. Lesen Sie, was er nicht zurücknimmt." Das ist, in neun Wörtern, die gesamte Mechanik der gegenwärtigen Stunde.
Dreißig Prozent. Das ist die Zahl, mit der wir diese Woche weiterleben sollen. Sie ist klein genug, um in eine Zeitung zu passen, und groß genug, um nicht mehr in ein Gewissen. Ich habe in Genf Zahlen gesehen, die kleiner waren und die mehr wogen. Aber Zahlen, so weiß man in diesen Räumen, sind keine Argumente. Sie sind Mobiliar. Man rückt sie zurecht, bis das Zimmer stimmt, bis die Gäste sich setzen können, ohne aufzustehen.
Die Hamas, so wird berichtet, möchte, dass Iran in den Gesprächen das Ende des „Genozids" durchsetzt. Die Hamas führt ein Gespräch über das eigene Überleben mit der Stimme derer, die sie nicht mehr haben. Das ist eine Position, die in keinem Handbuch der Diplomatie steht. Sie steht nur in den Archiven derer, die übrig bleiben.
Was bleibt, wenn die Gespräche enden? Was bleibt, wenn die Pause zwischen den Angriffen vorbei ist und die „schnelle Rückkehr" beginnt? Was bleibt, wenn das Wort „deliberate" seinen Weg durch die Archive findet und dort seinen Platz einnimmt neben „Sicherheitszone" und „Schutz der Zivilbevölkerung" und allen anderen eleganten Handschuhen, mit denen man zudeckt, was man nicht zeigen will?
Ich trage Handschuhe, wenn ich schreibe. Heute sind sie weiß. Sie werden nicht schmutzig. Sie werden nur kalt.