Die Hitzeglocke und die Architektur der Gleichgültigkeit
Manche Wahrheiten kommen nicht in Flammen, sondern in feuchten Laken. Wenn der Deutsche Wetterdienst für den Samstag „schwülheiße 30 bis 38 Grad" ankündigt und am Freitag in Kitzingen bereits 38,5 Grad gemessen werden, in Bad Kreuznach 38,0, in Waghäusel-Kirrlach und Andernach je 37,5 und im Frankfurter Westend 37,2, dann ist das keine Wettervorhersage mehr. Es ist ein Protokoll der Unterlassung.
Es waren einmal Architekten, die dieses Land bauten. Sie dachten an Statik, an Mieten, an repräsentative Fassaden. Sie dachten an alles, nur nicht an die Tage, an denen die Luft selbst zur Last wird. Nun, da die Hitzeglocke über dem Land liegt — mit ersten Prognosen von 40 Grad und mehr im Saarland, in Baden-Württemberg, in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz und in Hessen — zeigt sich, was diese Architektur verschwieg: dass Gleichgültigkeit eine eigene Tragfähigkeit besitzt.
Am Sonntag, dem längsten Tag des Jahres, dem kalendarischen Sommeranfang, sollen die Höchstwerte laut DWD noch immer zwischen 30 und 39 Grad liegen. Berlin feiert dann die Fête de la Musique und öffnet zugleich die Türen der Bundesregierung. Man wird den Bürgern jene Räume zeigen, in denen die Beschlüsse reifen — klimatisiert, versteht sich. Während draußen, in den Schulen, in den Kindergärten, in den Büros, in den Seniorenwohnungen, die Wände die Hitze speichern wie ein schlechtes Gewissen.
Denn dies ist die zweite Wahrheit, die das Thermometer notiert: nicht die Zahl selbst ist die Anklage, sondern die Leere hinter ihr. Kaum Klimaanlagen in den Büros. Kaum Kühlung in den Schulen. Hohe Belastung in den Kindergärten. Kritische Situation in den Seniorenwohnungen. So steht es geschrieben, nüchtern, fast höflich, als handle es sich um eine Inventarliste und nicht um eine Anklageschrift. Mehrtägige Hitzeperioden gelten als besonders gefährlich, weil sich Innenräume zunehmend aufheizen und nachts oft kaum noch abkühlen. Besonders gefährdet: Ältere, Kinder, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen. So steht es geschrieben, jedes Jahr, in jedem Sommer, der nun kommt.
Die Gewitter, die am Freitag über Teile Nordrhein-Westfalens zogen, änderten daran nichts. Sie unterbrachen das Southside-Festival in Baden-Württemberg. Im Norden läuft parallel das Hurricane-Festival, Zehntausende Besucher an beiden Orten. Bei einem Blitzeinschlag in der Nähe von Karlsruhe wurden neun Menschen verletzt. Die Feuerwehren in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg rückten in der Nacht dutzende Male aus. Das ist die Rechnung der Stunde: nicht die Temperatur allein, sondern die Temperatur im Zusammenspiel mit allem, was man nicht vorbereitet hat.
Am Samstagabend um 22 Uhr wird die deutsche Mannschaft gegen die Elfenbeinküste spielen. Man wird das Spiel beim Public Viewing sehen, im Freien, auf Plätzen, die man eigens für solche Feste gebaut hat — nur dass das Fest nun unter Vorbehalt stattfindet. Man darf auf einen trockenen Sommerabend hoffen. Hoffen, nicht wissen. Eine schöne Vokabel für ein Land, das sich auf das Wetter verlässt, weil es sich auf seine eigene Vorbereitung nicht verlassen kann.
Die höchste je in Deutschland gemessene Temperatur datiert auf den 25. Juli 2019: 41,2 Grad in Tönisvorst und in Duisburg-Baerl. Der höchste je im Juni gemessene Wert: 39,6 Grad, registriert am 30. Juni 2019 in Bernburg in Sachsen-Anhalt. Man kann diese Zahlen als Rekorde lesen oder als Zeugnisse einer Beschleunigung, die keine Institution dieses Landes mit derselben Geschwindigkeit beantwortet hat. Hitzewellen sind im Zuge des Klimawandels häufiger und intensiver geworden. Diesen Satz sagt man inzwischen so, wie man früher sagte: Es wird wieder Krieg geben. Beides ist gleich wahr. Beides ist gleich folgenlos geblieben.
Eine DWD-Sprecherin sagte am Freitag: „Da können noch höhere Werte kommen." Es ist die ehrlichste Aussage, die ein Meteorologe in diesen Tagen machen kann. Sie enthält kein Versprechen, keine Beschwichtigung, keine Erlösung. Sie enthält nur das Eingeständnis, dass die Kurve noch nicht zu Ende ist. Entlastung, wenn überhaupt, vielleicht am Dienstag, dem 30. Juni.
Bis dahin gilt: Wer ein Büro ohne Klimaanlage betritt, betritt ein Beweisstück. Wer eine Schule ohne Kühlung betritt, betritt eine Klage. Wer eine Seniorenwohnung ohne ausreichende Belüftung betritt, betritt eine Akte, die noch geschrieben wird. Die Hitzeglocke hängt über diesem Land wie ein Schwert aus Licht, und was sie beleuchtet, ist keine Naturkatastrophe, sondern die nüchterne Geographie einer versäumten Pflicht.
Man nannte es einmal Architektur. Heute nennt man es Bestand. Und der Bestand, so viel steht fest, wird in dieser Woche zeugen.