Klassenraum als Kulisse
In Kancheepuram gibt es eine Schule, die ihren Namen nicht mehr verdient. An einem Freitag im Juni öffneten sich ihre Türen nicht für Kinder mit Büchern, sondern für Funktionäre mit einem gerahmten Porträt. Die Thalavarampoondi Panchayat Union Primary School wurde, mitten im Unterricht, zur Galerie umfunktioniert — das offizielle Bildnis des Chief Ministers C. Joseph Vijay im Arm, die Schüler als Publikum, das keine Eintrittskarte gekauft hatte und keine Wahl besaß. Eine Gruppe von Funktionären der Tamilaga Vettri Kazhagam, TVK, war aus Uthiramerur gekommen, während die Stunden noch liefen. Sie trugen ihre Schärpen, wie Ritter ihre Wappen tragen, und stellten das Konterfei des Mannes auf, den sie als ihren Chef verehren.
Man muss es nicht Pathos nennen, was hier geschah. Es ist Mechanik. Wer die Macht kennt, weiß: Sie braucht keine Tribünen mehr, wenn sie Klassenzimmer betreten darf. Man sieht es an der Selbstverständlichkeit, mit der die Parteileute einen Raum besetzten, der nicht ihnen gehört. Man sieht es an dem ungeschriebenen Vertrag, den solche Männer mit der Welt geschlossen haben — dem Vertrag, dass überall, wo ein leeres Stück Wand steht, das Bild eines Anführers hingehört.
Es ist ein alter Reflex. Ich erinnere mich an Verhandlungen in Genf, an Tische, an denen Männer lächelnd Bedingungen akzeptierten, die sie niemals einzuhalten gedachten. Die Handschuhe, die ich dabei trug, waren kein modisches Detail — sie schützten vor dem, was man anfasst, wenn man mit Macht in Berührung kommt. Was sich an jenem Freitag in dieser kleinen Schule in Tamil Nadu abspielte, war nur die Übersetzung solcher Reflexe in die Sprache der Provinz. Die Funktionäre traten ein, weil sie glaubten, dass ihnen die Tür offen stehe. Sie irrten nicht — sie waren nur überrascht, dass jemand das Video davon ins Netz stellte.
Die lokale DMK tat das Mindeste, das man von einer Opposition erwarten darf: Sie legte eine Beschwerde ein, beim Kancheepuram Collector und bei den Beamten des Schulbildungsdepartments. Sie verwahrte sich dagegen, dass der Unterricht gestört und das Schulgelände mit Parteischärpen betreten worden war. Das Video wanderte durch die sozialen Medien. In einer Demokratie ist das der erste Schritt zur Rechnung, die später präsentiert wird.
Doch Tamil Nadu ist ein Land der langen Schatten. Am Dienstag erreichte mich eine zweite Nachricht aus dem Süden. Diesmal war es die Government Middle School im Dorf Vada Pudupattu, Madhanur Panchayat Union, in deren Umfeld sich eine Szene abspielte, die das vorherige Geschehen nur als Vorläufer erkennen ließ. Eine Gruppe von Schülern war an jenem Morgen auf dem Weg zur Schule, als sie von lokalen TVK-Funktionären angehalten wurde. Man gab ihnen Fahnen mit kleinen Stangen und wies sie an, diese an den Stahlmittelstreifen der Schnellstraße zu befestigen, die Chennai mit Bengaluru verbindet — NH 48, nahe der Stadt Ambur im Distrikt Tirupattur.
Es war der Geburtstag des Chief Ministers. Die Schule wurde zur Werkstatt, die Mittelschiene einer Autobahn zur Galerie, die Kinder zu Statisten einer Inszenierung, die niemand bestellt hatte. Die Polizei reagierte, wie die Polizei reagiert, wenn ein Fehler peinlich geworden ist: Sie entfernte die Fahnen, sie erließ eine strenge Warnung an die lokalen Funktionäre und Kader, keine Kinder mehr, keine Schüler mehr, für solche Zwecke zu verwenden. Das Video wanderte ins Netz, und damit war die Sache, bürokratisch gesehen, erledigt.
Die Beamten des Schulbildungsdepartments stellten fest, dass der Vorfall sich außerhalb des Schulgeländes zugetragen habe — eine kleine, saubere Distanzierung, die Form wahrt und Verantwortung verwischt. Der Chief Educational Officer von Tirupattur wurde nicht informiert. Eine Untersuchung laufe, sagten die Beamten, deren Ergebnis man abwarten müsse, wie man auf das Wetter wartet.
Es gibt Sätze, die Männer sagen, kurz bevor es schlimm wird. "Es ist nur eine kleine Geste." "Die Kinder machen das gerne." "Es ist doch für den Chief Minister." Ich habe diese Sätze in Verhandlungsräumen gehört, in Salons, in Hinterzimmern, in denen die Zukunft von Ländern verhandelt wurde. In Kancheepuram und Tirupattur wurden sie auf Tamil gesprochen, mit dem gleichen unschuldigen Lächeln, das ich aus Genf kenne.
Manchmal frage ich mich, ob die Macht, die solche Szenen hervorbringt, sich ihrer selbst bewusst ist. Sie muss es nicht sein. Sie braucht keine Bewusstheit, um zu funktionieren. Sie braucht nur Funktionäre, die gewohnt sind, dass ihnen der Raum gehört, in den sie treten. Sie braucht die Annahme, dass das Porträt eines Mannes schwerer wiegt als die Aufmerksamkeit eines Kindes. Sie braucht die Mittelschiene einer Autobahn als Bühne, weil die Halle zu klein geworden ist.
Was ich in Genf gelernt habe: Die wahren Verträge werden nicht auf dem Papier unterzeichnet, sondern in den Köpfen geschlossen. Wer die Funktionäre der TVK in Kancheepuram und Tirupattur beobachtet, sieht Männer, die einen Vertrag stillschweigend verlängert haben — den zwischen sich und der Idee, dass ihnen alles gehört, was sich nicht wehrt. Eine Schule ist kein heiliger Raum mehr, sondern ein Schauplatz. Eine Mittelschiene ist kein Verkehrselement, sondern eine Galerie. Ein Kind ist kein Kind, sondern ein Material, das sich gut eignet, weil es nicht widerspricht.
Die Polizei hat eine Warnung ausgesprochen. Das ist gut. Aber ich erinnere an den alten Satz, den ich einmal an einem Tisch in Genf gehört habe, von einem Mann, der gerade eine Grenze überschritt: Warnungen sind die höflichen Vorboten der Wiederholung. Wer den Parteigehorsam in Klassenzimmern und auf Autobahnen misst, misst nicht die Stärke einer Bewegung. Er misst die Schwäche eines Staates, der zugesehen hat.