DREI STREIFEN, HUNDERT MILLIONEN, EIN ABSCHIED
Es gibt Abende, an denen die Geschichte sich nicht entscheidet, sondern nur entlarvt. Wenn an diesem Sonntag in Houston die deutsche Mannschaft gegen Curaçao antritt, ist es ein solcher Abend. Beide laufen in Trikots mit drei Streifen auf. Beide sind Kunden desselben Konzerns aus Herzogenaurach. Und beide wissen es vermutlich nicht.
Das aber ist nicht der Skandal. Der Skandal trägt den Namen Nike und liegt zwei Jahre entfernt.
Adidas rüstet die deutsche Nationalmannschaft seit 1954 aus. Einem Berner Wunder, einer jungen Republik, einer Sportart, die sich noch nicht hatte kaufen lassen. Siebzig Jahre Bindung, siebzig Jahre Trikot, siebzig Jahre drei Streifen. Im nächsten Jahr ist Schluss. Von 2027 an laufen die Deutschen im Haken des US-Konzerns auf, der den deutschen Verband — nennen wir ihn ruhig bei seinem Kürzel, denn ein Verband ist er nicht mehr, er ist ein Vermarktungsobjekt — mit bis zu hundert Millionen Euro im Jahr bezahlt.
Hundert Millionen. Das ist doppelt so viel, wie Adidas zuletzt überwies.
Zweimal so viel. Lassen Sie das auf der Zunge zergehen wie einen Whisky, der nach Klebstoff schmeckt.
Die Erklärung der Herren in den Nadelstreifen lautet stets: Markt. Wettbewerb. Globaler Sport. Man müsse verstehen, dass die Marke Deutschland ein Premiumprodukt sei, und Premiumprodukte hätten eben ihren Preis.
Der Preis. Ja. Kommen wir zum Preis.
Ein echtes Trikot kostet heute 150 Euro. Stoff, gestempelt in Herzogenaurach, verkauft in einer Stadt, deren Mieten ein junger Mann aus der Innenstadt nicht mehr bezahlen kann. Bis zu 23 Millionen solcher Leibchen könnten bei dieser Weltmeisterschaft über die Ladentische wandern, so viele wie nie. Der lukrative Markt ist hart umkämpft, heißt es. Lassen Sie sich das übersetzen: Es wird so viel Stoff verkauft wie nie, weil der Mythos noch hält. Und der Mythos hält, weil die Kameras noch laufen.
Multiplizieren Sie selbst. Ich tu es Ihnen gern: 23 Millionen mal 150 Euro sind 3,45 Milliarden Euro. Brutto. Bevor die Näherin ihren Lohn bekommt, bevor der Spediteur seinen Diesel bezahlt, bevor die Lizenz durchgereicht und der Buchhalter sein Gehalt einstreicht.
Siebzig Jahre Markenbindung, und am Ende ist es eine Zahl auf einem Überweisungsträger. So funktioniert das. Nicht mit Triumphen, mit Bilanzen.
Zurück nach Houston. Curaçao. Ein karibischer Zwergstaat mit weniger Einwohnern als Bielefeld. Die Mannschaft hat noch nie an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Sie wird am Sonntag ihr Debüt geben, und sie wird es im Adidas-Trikot geben, weil der Verband sich das leisten kann — oder weil Adidas sich diesen Markt leisten will, was am Ende dasselbe ist. Die Spieler sind in den Niederlanden ausgebildet worden, gehören durchweg arrivierten Profiklubs an und sind fußballerisch irgendwo zwischen der ersten niederländischen und der zweiten englischen Liga einzuordnen. Sie sind keine Strandfußballer, wie das Klischee es will. Sie tragen nur die Trikots eines Landes, das keine Profis hat.
Deutschland ist viermaliger Weltmeister. Miroslav Klose hat sechzehn WM-Tore geschossen, ein Rekord, der in diesem Turnier fallen könnte, weil die Maschine neuerdings mehr Tore produziert als früher. Das Spiel am Sonntag wird Deutschland vermutlich gewinnen, nicht zweistellig, wie die Boulevardpresse träumt, aber deutlich genug, um die ökonomische Maschine am Laufen zu halten. Denn die Maschine ist es, die zählt. Nicht der Ball, nicht das Tor. Die Maschine, die mit jedem Pfiff im Stadion, mit jeder Kameraeinstellung, mit jedem wiederholten Zeitlupenbild eines dreifach gestreiften Spielers ein paar Werbemarken weiterverkauft.
Adidas verliert Deutschland und gewinnt Curaçao. Ein Tausch. Wie immer in dieser Branche geht es nicht um Gewinn oder Verlust, sondern um Sichtbarkeit. Curaçao ist klein, aber Curaçao ist neu. Curaçao ist die Geschichte, die das Netz braucht: Debüt, Sonne, Insel, David gegen Goliath. Adidas bezahlt für ein Narrativ, nicht für ein Team. Das Team liefert die Klicks.
Nike bezahlt für eine Bilanz. Hundert Millionen im Jahr, die der Verband kassieren darf. Wofür? Für die Nachwuchsförderung, sagen sie. Für die Trainerinnen und Trainer. Für die Hallen in Westdeutschland, die vor zehn Jahren noch als Leuchtturmprojekte galten. Glauben Sie das? Glauben Sie, dass ein Verband, der seine Hymne nicht mehr singen kann, seine Trikots nicht mehr wertschätzt und seine Identität an den Meistbietenden versteigert, plötzlich das Geld in die Basis steckt?
Ich auch nicht.
Am Sonntag werden die Kameras laufen. Siebzig Jahre Bindung in einem einzigen Bild: Schlotterbeck, Woltemade, Thiaw, Beier, Nübel in Weiß, gegenüber elf Männern von einer Karibikinsel, die kleiner ist als Bielefeld. Beide in drei Streifen. Noch.
Pfeife aus. Asche ab. Weiter zur nächsten Bilanz.