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Betstunden am Stacheldraht: Die Ökonomie der Barmherzigkeit

27. Juni 2026 — — — E. Wolff

Nogales, Arizona. Freitagabend, sechsundneunzig Grad Fahrenheit im Schatten — und es gibt keinen Schatten. Nur den Zaun, der von hier bis nach Sonora reicht, und hundert Kirchenmänner, die darüber hinweg beten.

Sie nennen es eine Prozession. Ich nenne es eine Inventur.

Mehr als hundert Bischöfe, Nonnen, Priester, Gemeindemitglieder. Sie kamen aus Tucson, aus El Paso, aus Diözesen, die noch Personal haben, das man auf die Beine stellen kann. Bischof James Misko feierte die Messe in der Sacred Heart Church, die auf den Grenzzaun hinunterschaut wie ein Buchhalter auf eine Bilanz, die er nicht mehr schönrechnen kann. Danach stellten sie sich in einer Reihe auf und begannen den Rosenkranz — gemeinsam mit ihren mexikanischen Amtsbrüdern, auf der anderen Seite desselben Zauns.

„Die Hitze ist entsetzlich. Die Hitze tötet", sagte Schwester Eileen McKenzie, eine Franziskanerin, die in Ambos Nogales mit Migranten arbeitet. Sie meinte die Prozession als einen Akt der Solidarität. Sie hat recht. Sie hat auch unrecht. Denn Solidarität ist eine Kategorie der Moral. Was hier stattfindet, ist eine Kategorie der Buchführung.

McKenzie sagte noch etwas, das in jede Bilanz gehört: „Es sind mehr und mehr Leute, die immer weiter hinaus gehen. Sie sind verzweifelter. Und sie kommen trotzdem."

Verzweifelter. Immer weiter hinaus. Wer bei sechsundneunzig Grad durch die Wüste läuft, hat bereits eine Rechnung beglichen — mit dem eigenen Körper. Das ist keine Migration mehr. Das ist eine Wanderung, an deren Ende entweder Arbeit steht oder der Tod. Beides ist in diesen Bilanzen vorgesehen.

Die Prozession fiel zusammen mit den Feiern zum zweihundertfünfzigsten Jahrestag Amerikas. Man darf das einen Moment lang sacken lassen. Zweihundertfünfzig Jahre. Eine Vierteljahrtausend. Und das Ergebnis ist ein Zaun, den man nicht überqueren darf, es sei denn, man heißt Bischof und hat einen Rosenkranz in der Hand.

Während die Kirchenmänner betend über die Grenze gingen, hatte der Oberste Gerichtshof am Donnerstag zwei Entscheidungen getroffen, die in keiner Sonntagspredigt vorkommen werden. Erstens: Die Trump-Administration darf Asylsuchende an der Grenze abweisen. Zweitens: Hunderttausende haitianische und syrische Einwanderer verlieren ihren Abschiebungsschutz. Punkt zwei ist der saubere Schnitt. Punkt eins ist das Loch im Boden, durch das alles fällt, was noch einen Antrag wagte.

Die katholische Hierarchie der Vereinigten Staaten, gemeinsam mit Papst Leo, hat die Trump'sche Einwanderungspolitik kritisiert — Massenabschiebungen, die Bedingungen in den Hafteinrichtungen, die Razzien. Man darf sich fragen, was eine Kritik wert ist, die nichts kostet. Aber die Bischöfe haben einen Vorteil, den keine Anwaltskanzlei dieser Stadt besitzt: Sie sehen die Bücher.

Bischof Mark Seitz aus dem Bistum El Paso beobachtet das Camp East Montana auf dem Militärstützpunkt Fort Bliss. Er sagt, was kein Geschäftsbericht sagen wird: „Die meisten dieser Leute, die dort festgehalten werden, sind nicht alt. Sie sind nicht krank. Und trotzdem sterben sie."

Sie sterben. In einem Lager, das nach einem Lager benannt ist. In einer Anlage, die einmal dafür gebaut wurde, Soldaten für einen Krieg auszubilden, und jetzt dafür benutzt wird, Menschen festzuhalten, die nach Arbeit fragen. Seitz spricht von zahlreichen Notrufen aus der Anlage, von Menschen, die schwer leiden. Katholische Priester dürfen nur eine einzige Messe pro Woche feiern — sonntags. Die Seelsorge wurde auf Aktenlage reduziert. Das ist keine fromme Beobachtung. Das ist die Antwort einer Verwaltung, die entschieden hat, dass die letzte Person, die ein Gefangener sehen darf, nicht Gott ist, sondern der Wärter.

Die Versammlung der United States Conference of Catholic Bishops hatte im November eine Erklärung veröffentlicht, in der sie ihre Trauer über die „Dämonisierung von Einwanderern" ausdrückte und die Bedingungen in den Hafteinrichtungen sowie den fehlenden Zugang zu seelsorgerischer Betreuung anprangerte. Trauer. Das ist die Währung der Kirche, wenn ihr die Macht ausgeht.

Man muss den Mechanismus beim Namen nennen. Die Abschiebungen sind keine Notwehr. Sie sind ein Sortierwerk. Die Hafteinrichtungen sind keine Notwendigkeit. Sie sind eine Industrie. Das Camp East Montana auf Fort Bliss ist eine Liegenschaft, die nun Rendite abwirft — nicht durch Arbeit, sondern durch Verwahrung. Die Razzien sind keine Sicherheitsmaßnahmen. Sie sind die Logistik eines Staates, der entschieden hat, dass verzweifelte Arbeitskraft zwar nützlich, aber verzweifelte Menschen lästig sind.

Und die Justiz? Der Oberste Gerichtshof hat entschieden, dass die Regierung Asylsuchende abweisen darf. Das ist die größte Subvention, die je an eine Mauer gezahlt wurde: das Recht, an der Tür zu prüfen und niemanden hereinzulassen. Die Männer in den Roben haben zugeschaut, wie die Männer in Nadelstreifen die Gürtel enger schnallen — und haben den Gürtel genehmigt.

Was bleibt? Eine Prozession bei sechsundneunzig Grad. Hundert Männer und Frauen in Gewändern, die einen Rosenkranz beten, während ihre Anwälte Akten lesen. Das ist kein Triumph. Das ist die Bilanz eines Landes, das sich zweihundertfünfzig Jahre gegeben hat, um an diesem Punkt anzukommen: Seelsorge als Gnadenakt, Abschiebung als Routine, ein Oberster Gerichtshof als Buchhalter des Ausschlusses.

Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.

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