168.666 Tonnen, drei Tage Schweigen — ein trächtiger Wal tot am Bug
Die Drähte summen. Aus Alaska kommt eine Meldung, die nach Routine klingt und nach nichts riecht. Die Ovation of the Seas lief am 19. Juni im Hafen von Seward ein. Auf ihrem Bug: ein toter Finnwal. Achtzehn Komma sechs Meter lang, weiblich, erwachsen. Trächtig. Das steht in einer Klammer im nüchternen Bericht — als Fußnote der Tragödie.
Ich übersetze für die, die es hören wollen. Die NOAA Fisheries Alaska hat den Kadaver an Land gezogen. Eine lokale Firma schleppte den Wal an einen nahegelegenen Strand. Die Pathologen öffneten ihn. Befund: stumpfe Gewalteinwirkung an Kiefer, Wirbelsäule und Rippen. „Konsistent mit einem Schiffsanprall", steht im Bericht. Das ist das Fachwort der Experten. Das andere Wort ist Ramme.
Das Tier war frisch tot. Gut genährt. „Plenty of blubber and muscle", schreiben die Amerikaner. Ein gesundes Tier mitten im Leben, zermalmt vom eigenen Wasser — von einem Schiff, das 168.666 Tonnen wiegt. Das sind keine Zahlen, die man sich vorstellen kann. Das ist das Gewicht einer Kleinstadt, die durch das Meer pflügt und alles wegschiebt, was im Weg ist. Auch das, was seit Millionen Jahren dort schwimmt.
Royal Caribbean hat den Vorfall am 22. Juni bestätigt. Drei Tage nach der Ankunft im Hafen. Drei Tage, in denen das Kreuzfahrtschiff weiter Passagiere bewirtete, weiter Gletscher zeigte, weiter Gewinn machte — während unter dem Bug ein Wal hing, den keiner sehen wollte. Die Reederei „bedauert". Sie nehme „jede Auswirkung auf marine Ökosysteme sehr ernst". Sie kooperiere „vollständig" mit der NOAA. Das ist die Liturgie der Pressabteilung. Dieselben Worte, die jede Ölgesellschaft nach jeder Katastrophe spricht. Worthülsen, gefüllt mit warmer Luft.
Die Architektur des Problems hat einen Namen: Bulbous Bow. Der kugelige Vorbau unter der Wasserlinie, entwickelt, um den Wasserwiderstand zu reduzieren und das Schiff effizienter durch die See zu schneiden. Aerodynamik unter Wasser. Ingenieurskunst. Und gleichzeitig: eine Betonfaust, die alles zermalmt, was sich vor dem Bug befindet. Das ist kein Betriebsunfall. Das ist Design. Eine bewusste Entscheidung, Geschwindigkeit und Treibstoffersparnis über die Biologie des Ozeans zu stellen.
Finnwale sind die zweitgrößte Tierart der Erde, nach dem Blauwal. Sie stehen unter dem Endangered Species Act der Vereinigten Staaten. Die Behörde NOAA schreibt es selbst, in ihren eigenen Berichten: Finnwale sind nach den Nordatlantischen Glattwalen die am stärksten durch Schiffsanprall gefährdete Art. Das ist keine Vermutung, keine Spekulation. Das ist Statistik. Das ist ein Wissen, das seit Jahrzehnten in den Akten liegt — abgeheftet, abgelegt, vergessen, solange die Buchungszahlen stimmen und die Quartalsberichte grün bleiben.
Die offizielle Todesursache steht noch aus. Die histologischen Tests dauern Monate. Die strafrechtlichen Ermittlungen laufen. Das ist das Todesurteil jedes Umweltvergehens in einem kapitalistischen System: Es läuft. Es wird in Mappen abgelegt. Es wird auf Pressekonferenzen erwähnt. Es verschwindet in der nächsten Bilanz. Die Strafen für Verstöße gegen den Artenschutz sind für einen Konzern wie Royal Caribbean das, was ein Kratzer im Lack für ein Auto ist. Peanuts. Betriebsausgabe. Abschreibbar.
Der Wal war trächtig. Ein Muttertier und ein ungeborenes Kalb. Gezählt als einer. In den Tabellen der Reederei als Null. In den Bilanzen als „Naturkatastrophenfonds", irgendwo zwischen Sturm und Verspätung.
Die Ovation nimmt die nächste Route. Vancouver, Seward, weiter, immer weiter, durch Gewässer, in denen Finnwale leben, weil sie dort immer gelebt haben. Die Passagiere stehen an der Reling und fotografieren die Buckelwale, die in sicherer Entfernung vorbeiziehen. Sie sehen die Gletscher. Sie sehen das Meer. Sie sehen alles, was die Reederei ihnen zu sehen gibt. Was unter der Wasserlinie passiert, gehört nicht zum Programm. Was unter der Wasserlinie passiert, wird weggespült oder, in diesem Fall, an Land gezogen und obduziert. Was unter der Wasserlinie passiert, existiert in der Buchführung der Kreuzfahrtindustrie schlicht nicht.
Die Drähte summen weiter. Die nächste Meldung wartet schon. Irgendwo da draußen fährt gerade das nächste Schiff.