Im Schatten der Retorte
Neunzehnhundertsiebenunddreißig. Die Zeitungen drucken fette Schlagzeilen, die Labore drucken dünnere Berichte. Dazwischen sitze ich, Pfeife kalt, und frage mich, wem die Wissenschaft in diesem Jahr eigentlich dient.
Dreißig Jahre habe ich geforscht. Dreißig Jahre Laborluft, die nach Formaldehyd und falschen Versprechen riecht. Ich habe gesehen, wie eine Theorie über die Vererbbarkeit von Charaktereigenschaften in mehreren Ländern gleichzeitig als nationale Wahrheit verkauft wurde. Ich habe gesehen, wie ein Verfahren zur Härtung von Legierungen seinen Weg in zwei Kriege fand, bevor die zivile Anwendung überhaupt Patentschutz erhielt. Ich habe gesehen, wie eine leuchtende Farbzubereitung für Zifferblätter junge Arbeiterinnen buchstäblich von innen auffraß, während die wissenschaftliche Begleitung die Sicherheit der Handhabung lobte.
Das sind keine alten Geschichten. Das sind Muster.
Die Muster sind immer dieselben. Erst kommt das Wunder. Das Wunder braucht Geld. Das Geld bringt Geber. Die Geber haben Erwartungen. Die Erwartungen werden zu Protokollen. Die Protokolle werden zu Veröffentlichungen. Die Veröffentlichungen werden zu Wahrheiten. Und irgendwann fragt niemand mehr, was am Anfang bezahlt wurde.
Wer hat das bezahlt. Das ist die Frage, die kein Forschungsbericht beantwortet. Wer hat widersprochen. Das ist die Frage, die kein Anhang auflistet. Was wurde nicht gemessen. Das ist die Frage, die keine Konferenz stellt.
Nehmen wir die Werkstoffe. Im letzten Jahrzehnt haben wir gelernt, Stoffe zu bauen, die die Natur nicht vorgesehen hat. Seide aus Kohle. Lacke, die Hitze aushalten. Legierungen, leichter als Aluminium, härter als Stahl. Jede dieser Erfindungen wurde als Segen verkauft. Jede einzelne trägt in ihren Patentschriften eine zweite Bestimmung. Sie steht dort in einer Sprache, die kein Journalist liest, in einer Klammer, einer Fußnote, einem Paragrafen, der mit Worten beginnt wie militärische Verwendung, strategische Reservierung, behördliche Vorbehalte.
Die Retorte ist ein zweischneidiges Schwert. Sie verspricht Fortschritt, sie liefert Bereitschaft. Wer den Fortschritt feiert, ohne die Bereitschaft zu prüfen, ist entweder naiv oder bezahlt.
In den Krankenhäusern dieser Stadt spielt sich Ähnliches ab. Neue Präparate, neue Verfahren, neue Strahlen, denn Strahlen sind das große Versprechen der Zeit, in Röntgen und Radium und in den ersten Berichten über die Spaltung schwerer Elemente. Die Kliniken rüsten auf. Die Apotheken rüsten auf. Was sie nicht tun, ist das Alte evakuieren. Die bewährten, billigen Methoden werden stillgelegt. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil das Neue profitabler ist. Und das Neue wird nicht geprüft, weil die Prüfung Geld kostet, das der Gewinn bereits verplant hat.
Dreißig Jahre Laboratorium haben mich eines gelehrt. Der gefährlichste Stoff im Labor ist nicht das Gift, nicht die Säure, nicht das Gas. Es ist die Eile. Eile bringt schlechte Protokolle. Schlechte Protokolle bringen unbeachtete Nebenwirkungen. Unbeachtete Nebenwirkungen bringen Patienten, die nach zehn Jahren sterben, während die Veröffentlichung längst vergilbt ist.
Ich rauche Pfeife, weil ich Zeit habe, Dinge zu Ende zu denken. Die Labore mögen das nicht. Sie haben mich ausgesperrt. Das ist in Ordnung. Von draußen sieht man mehr. Von draußen sieht man die Förderanträge. Die Industriekuratorien. Die stillschweigenden Abkommen zwischen Hochschule und Konzern, unterzeichnet in Räumen, deren Türen keine Schilder tragen. Von draußen sieht man die Männer, die morgens im Auftrag der Wissenschaft sprechen und abends im Auftrag ihrer Aktionäre.
Die Wissenschaft verspricht viel. Sie hat immer viel versprochen. Die einzige Frage, die zählt, ist nicht, was sie verspricht, sondern wessen Versprechen wir gerade hören.
Wem glauben wir morgen, wenn die Forscher von gestern verstummt sind.