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Boote gegen Flugzeuge: Wie Brüssel den Kanal zur Festung macht

27. Juni 2026 — — — M. Silber

Marta Silber, Wien/Brüssel

121 Menschen. Ich sage die Zahl nicht als Zahl. Ich sage: 121 Körper, die das Wasser nicht mehr hergegeben hat. Gezählt von der Internationalen Organisation für Migration. 2024 und 2025. Ärmelkanal. Kleine Boote, überladen, seeuntüchtig. Manche ohne Motor. Manche mit einem Kind am Steuer. Manche mit nichts als einer Schwimmweste, die schon im Juli zu klein war.

Jetzt der Aktionsplan. Brüssel hat ihn vorgelegt, pünktlich zur Tagung des Europäischen Rats. Schönes Wort. Aktionsplan. Klingt nach Bewegung. Nach Tun. Nach Verantwortung. Klingt nach all dem, was die Kommission seit Jahren verspricht.

Was steht drin? Frontex rückt aus. Europol ebenso. Mit Schiffen. Mit Flugzeugen. Mit der neuen „Ständigen Reserve" — klingt nach Militär, ist auch Militär. Überwachung der Küsten. Nordsee. Kanal. Jede verdächtige Bewegung soll frühzeitig erkannt werden. Verdächtig. Das Wort meint in der Übersetzung der Kommission: Schwarz, arm, unterwegs. Niemand zitiert die Hautfarbe im Papier. Aber jeder Aktionsplan dieser Art meint sie mit.

Operation „Opal Coast" läuft seit 2021. Belgien ist Gastgeber. Bisher ist dort ein einziges Frontex-Überwachungsflugzeug stationiert. Live-Videos von Einsätzen werden ans Frontex-Situationszentrum und an ein belgisches Einsatzzentrum gestreamt, Bild für Bild, Welle für Welle. Über Schiffe verfügt Frontex in dieser Mission nicht. Das soll sich ändern. Mehr Präsenz vor Ort. Mehr Stahl auf dem Wasser. Mehr Augen in der Luft.

Was nicht drin steht, steht zwischen den Zeilen. Kein Wort über sichere Fluchtwege. Kein Wort über Visa, die legal durch Europa führen. Kein Wort über die 121. Nur Migrationsdiplomatie mit Herkunfts- und Transitländern, damit Menschen die EU gar nicht erst verlassen. Rückführungen erleichtern. Schleuser zerschlagen. Strafverfolgungsbehörden werden angewiesen, systematischer vorzugehen. Risikoanalysen zum Missbrauch von Visa und Aufenthaltstiteln — als wären Papiere das eigentliche Problem und nicht die Kriege, die Armut, die abgelehnten Asylanträge, die fehlenden Dolmetscher dahinter.

Ich habe Aisha getroffen. Irakisch, 34, zwei Kinder. Sie wollte nicht über den Kanal. Sie hatte einen Termin beim BAMF in Berlin, wurde dreimal abgewiesen, der Dolmetscher log, das Protokoll fehlte. Sie fuhr nach Calais, weil Großbritannien ihr noch eine Cousine versprach. Einen Antrag stellte sie nie. Wer soll ihn auch stellen? Die Dublin-Verordnung sieht vor, dass der Ersteinreisestaat zuständig ist. Großbritannien war nie ihr Ersteinreisestaat. Also gibt es kein Verfahren. Also bleibt das Boot.

Das ist der Paragraph, den die Aktionspläne dieser Kommission nicht schreiben: Wer kein Recht auf Bleibe bekommt und keine Möglichkeit auf ein Verfahren hat, geht. Auch über Wasser. Auch im Winter. Auch mit Kindern. Auch dann, wenn zehn Flugzeuge über ihm kreisen.

Frontex soll nun also das tun, was Seenotrettung schon immer hätte sein müssen — nur unter dem falschen Vorzeichen. Überwachen statt retten. Erkennen statt bergen. Die Kommission spricht von einem „wechselseitig vorteilhaften Austausch operativer Informationen" mit den Behörden der Regierung in London, etwa zur Nutzung von Visa und Aufenthaltstiteln für die als „illegal" erklärten Weiterreisen. Vorteilhaft für wen? Für die Toten von 2024 sicher nicht. Für die Schleuser? Vielleicht. Denn je dichter die Überwachung, desto teurer die Überfahrt, desto riskanter das Boot, desto mehr Geld fließt in jene Netze, die Brüssel zu zerschlagen vorgibt.

Ich schreibe das aus Wien. Die Akten zu Aisha liegen im Koffer unter meinem Schreibtisch. Schwarz, klein, ledern. Für alle Fälle. Sie hat es nicht über den Kanal geschafft. Ihr Boot wurde zurückgedrängt, die Kinder kamen in ein Heim in Nordfrankreich. Sie selbst sitzt in Abschiebehaft in Coquelles. Aktenzeichen habe ich. Veröffentlichen darf ich es nicht. Noch nicht.

Europa baut eine Mauer. Nicht aus Stein, nicht aus Stacheldraht — aus Schiffen und Flugzeugen und aus dem großen Schweigen über das, was vorher kommt. Wer ertrinkt, wird zur Zahl. Wer überlebt, wird zum Fall. Wer fragt, wird Journalistin.

Ich höre das Zittern in meiner eigenen Stimme. Ich schreibe trotzdem.

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