Big Tech atmet auf — Kinderschutz ohne Beißzähne
Washington, 22. Juni. Die Drähte summen. Ich höre Frequenzen, die offiziell nicht gesendet werden.
Das Repräsentantenhaus hat sich geeinigt. Republikaner und Demokraten. Hand in Hand. Seltener Empfang in diesen Tagen. Brett Guthrie, Vorsitzender des Energie- und Handelsausschusses, und Frank Pallone, sein ranghöchster Demokrat. Sie haben einen Kompromiss. Er soll, so ihre gemeinsame Erklärung, Big Tech "accountable" halten. Er soll die digitale Umgebung für Kinder deutlich verbessern. So die offizielle Depesche.
Die inoffizielle Depesche: Sie haben dem Zaumzeug die Zähne gezogen.
Eine Sprecherin der republikanischen Fraktion bestätigt, was Insider bereits flüsterten. Keine "duty of care"-Klausel. Jene Formulierung, die Konzerne verpflichtet hätte, ihre Plattformen von Grund auf kindersicher zu konstruieren. Demokraten im Repräsentantenhaus und Schlüsselfiguren im Senat, darunter Marsha Blackburn aus Tennessee, hatten genau diese Klausel jahrelang gefordert. Sie ist raus. Gestrichen. Auf dem Altar des Kompromisses geopfert.
Was bleibt? Ein Gerüst ohne Tragkraft. Die Bundesstaaten dürfen eigene Gesetze erlassen, strenger als Washington. Das ist der Trostpreis der Demokraten. Mehr als zwanzig Bundesstaaten haben im vergangenen Jahr bereits Regelungen verabschiedet, die die Nutzung sozialer Medien durch Minderjährige einschränken. Sie mussten, weil der Bund blockierte. Sie dürfen weiter. Das ist kein Sieg. Das ist die Kapitulation der Föderation vor ihren Gliedstaaten.
Speaker Mike Johnson steht hinter dem Deal. Präsident Trump? Sein Sprecher hat auf Anfrage nicht geantwortet. Der Senat ist die nächste Hürde. Der Senat ist immer die nächste Hürde.
So weit die Politik. Jetzt zu den Akten. Hier wird gesendet, was im Äther nicht für unsere Empfänger bestimmt war.
In einem kalifornischen Bundesgericht läuft eine Sammelklage. Hunderte Schulbezirke und Generalstaatsanwälte, Kalifornien an der Spitze. Sie verklagen Facebook, Instagram, YouTube, TikTok und Snap. Der Vorwurf: Die Konzerne kannten die Risiken für Kinder und Jugendliche und ignorierten sie. Profit über Psyche. Marketing über Schutz. Die Klage verlangt Schadensersatz und Änderungen der Geschäftspraktiken.
Die Verfahren legen interne Dokumente offen. Das ist das Material, nach dem jeder Reporter sucht, der verstehen will, wie diese Maschinen gebaut werden.
Da ist die Meta-Forscherin. Ihr Ton in einer internen Nachricht an eine Kollegin war nicht höflich. Er war Alarm. "Oh my gosh yall, IG is a drug." Instagram ist eine Droge. "We're basically pushers." Wir sind im Wesentlichen Dealer. Sie diagnostizierte, was sie "Reward Deficit Disorder" nannte. Nutzer bingten auf der Plattform so exzessiv, dass ihr Belohnungssystem kollabierte. Biologisch. Psychologisch. Ihre eigenen Worte. Die Forscherin weiter: "The top down directives drive it all towards making sure people keep coming back for more." Die Direktiven von oben — das Management — trieben alles darauf hin, dass die Menschen wiederkommen. Immer wieder. Mehr.
Und dann der Chef selbst. Eine E-Mail aus dem Jahr 2016. Mark Zuckerberg über Facebooks Live-Video-Funktion. Seine Worte: "We'll need to be very good about not notifying parents / teachers" über die Live-Videos von Teenagern. "If we tell teens' parents about their live videos, that will probably ruin the product from the start." Wenn wir Eltern informieren, ruinieren wir das Produkt von Anfang an.
Das Produkt. Nicht die Kinder. Das Produkt.
YouTube? Eine interne Diskussion, ebenfalls im Prozess vorgelegt, zeigt: Konten Minderjähriger, die gegen Plattformrichtlinien verstießen, blieben im Durchschnitt 938 Tage aktiv, bevor sie entdeckt wurden. Drei Jahre. Lange genug, um Inhalte zu produzieren. Lange genug, um die Plattform zu gefährden. Lange genug, um sich selbst zu gefährden.
Hier, verehrte Leser, sitzt der Knoten.
Der Kongress will Big Tech zähmen — mit einem Zaumzeug, dem er selbst die Beißzähne entfernt hat. Eine Forscherin der Plattform nennt ihre eigene Firma eine Dealer-Organisation. Der Konzernchef will Eltern nicht informieren, weil es das Produkt ruiniert. Minderjährige bleiben fast tausend Tage unentdeckt auf einer Plattform, die für sie gar nicht gemacht sein soll.
Die "duty of care"-Klausel hätte eines bedeutet: Beweislastumkehr. Nicht das Kind, nicht die Eltern müssen beweisen, dass die Plattform schadet. Die Plattform muss beweisen, dass sie sicher ist. Sie ist nicht im Entwurf. Sie wurde fallen gelassen.
Washington sendet auf einer Frequenz, die wie Verantwortung klingt. Empfangen tue ich etwas anderes. Die Konzernzentralen wissen seit Jahren, was sie tun. Sie wissen es in ihren eigenen Laboren, ihren E-Mails, den Berichten ihrer eigenen Forscher. Sie haben das Wissen. Sie haben das Produkt. Sie haben das Geld, es in Washington zu schützen.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Das ist heute konstant. Was nicht konstant ist: ob dieses Gesetz den Senat passiert. Ob es den Präsidenten passiert. Ob es Zähne bekommt, bevor es in Kraft tritt. Ob die Bundesstaaten dem Bund zuvorkommen, wie sie es längst tun.
Ich übersetze weiter. Die Drähte summen.