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Die unsichtbaren Hände hinter dem weißen Kittel

28. Juni 2026 — — — Prof. Kessler

1937. Ich habe in dreißig Jahren gelernt, dass das Gefährlichste am Fortschritt sein Geräusch ist. Das gleichmäßige Tropfen der Protokolle, das leise Summen der Apparate, das höfliche Nicken der Kollegen, wenn ein Vortrag zu Ende geht, den niemand mehr hören wollte. Wer heute die Institute besucht, sieht Männer in weißen Kitteln, die glauben, sie trügen kein Kostüm. Ich habe zu viele gesehen, die ihren Kittel ablegten und die Uniform darunter trugen.

Ich war Forscher. Ich habe gemessen, gewogen, protokolliert. Ich habe Aufsätze geschrieben, die Karrieren machten, und Aufsätze, die in Schubladen verschwanden, weil das Ergebnis nicht passte. Ich habe erlebt, wie ein Kollege eine Entdeckung präsentierte und drei Monate später in einer anderen Stadt eine Fabrik eröffnete, die mit dieser Entdeckung etwas herstellte, das ich nicht beim Namen nennen möchte. Das war 1916. Die Sätze ändern sich. Die Strukturen bleiben.

Heute frage ich: Wer bezahlt das Labor. Die Frage klingt banal. Sie ist es nicht. Eine Kammer, die keine Miete zahlt, ist eine Kammer, die jemand anderem gehört. Eine Apparatur, die kein Geld verdient, ist eine Apparatur, die jemand gekauft hat. Und wer bezahlt, bestimmt die Fragestellung. Die Fragestellung bestimmt das Ergebnis. Das Ergebnis wird gemessen, nicht befragt. So entstehen Wahrheiten, die keine sind.

Schatten-Winkel. Ich notiere, was die Tagesblätter nicht drucken. In den Instituten dieser Stadt wird derzeit mehr gemessen als je zuvor. Mehr publiziert als je zuvor. Mehr applaudiert als je zuvor. Aber die scharfe Frage, was nicht gemessen wird, wer nicht publizieren darf, wer nicht applaudiert bekommt, diese Frage stellt niemand. Die weißen Kittel sind sehr beschäftigt. Beschäftigtsein ist die eleganteste Form des Schweigens.

Ein junger Kollege, nennen wir ihn Dr. R., kam vergangene Woche in die Redaktion. Er roch nach Formaldehyd und Aufregung. Er habe, sagte er, einen Befund. Der Befund passe nicht in die laufende Reihe. Er habe Bedenken angemeldet. Man habe ihm geraten, die Reihe nicht zu unterbrechen. Die Reihe sei wichtiger als der Befund. Die Reihe sei, so wörtlich, im Interesse der staatlichen Gesundheitsführung. Der junge Mann war klug genug, seinen Namen nicht zu nennen. Er war auch klug genug, das Institut nicht zu nennen. Er war nicht klug genug, mir zu sagen, was er gefunden hatte. Vielleicht hatte er Angst. Vielleicht hatte er recht.

Ich kenne das Muster. Es ist älter als meine Pfeife. Eine Theorie wird aufgestellt. Eine Gegenstimme wird ignoriert. Eine Förderung wird bewilligt. Ein Institut wird gegründet. Eine Zeitschrift wird lanciert. Ein Kongress wird einberufen. Am Ende steht eine Gewissheit, die keine mehr ist. Ich habe das 1912 gesehen, ich habe es 1923 gesehen, ich habe es 1929 gesehen. Jetzt sehe ich es wieder. Die Geschwindigkeit ist höher geworden. Die Apparate sind leiser geworden. Die Kittel sind weißer geworden.

Was ich beobachte, ist keine einzelne Verschwörung. Es ist die Architektur der Verschwörung. Ministerien, die Forschungsaufträge vergeben und die Veröffentlichung genehmigen. Industrielle, die Stiftungen finanzieren und Aufsätze finanziert sehen. Akademiker, die Karrieren fördern und Abweichler aussortieren. Ein jeder hält sich für einen guten Menschen. Ein jeder hält sich für einen Wissenschaftler. Ein jeder dient einem System, das er nicht übersieht, weil das System den Überblick über ihn hat.

Dazu kommt die Sprache. Die Sprache der Wissenschaft wird in diesem Jahrzehnt mit einer Präzision benutzt, die jeden Diktator erfreuen würde. Man spricht von Volk und meint eine Anzahl. Man spricht von Reinheit und meint eine Auswahl. Man spricht von Messung und meint ein Urteil. Man spricht von Normal und meint die Macht. Wer die Sprache der Wissenschaft benutzt, um Politik zu machen, hat die Wissenschaft beerdigt und merkt es nicht, weil die Erde so ordentlich zugeschaufelt wird.

Ich sage nicht, dass alle Forscher schuldig sind. Ich sage, dass die Forschungslandschaft so eingerichtet ist, dass Schuld keine Ausnahme mehr sein muss. Sie ist die Regelstruktur. Wer sich nicht schuldig macht, fällt auf. Wer auffällt, fällt raus. Wer rausfällt, schweigt. Wer schweigt, lässt andere reden. So entsteht das, was wir Öffentlichkeit nennen.

Dreißig Jahre. Ich habe die Versprechen gezählt. Das Versprechen der Kernphysik, die Energie für alle billig machen werde. Das Versprechen der Chemie, die den Krebs besiegen werde. Das Versprechen der Statistik, die das Volk zählbar und damit regierbar machen werde. Jedes Versprechen wurde gehalten. Auf eine Art. Die Energie wird nicht billig. Der Krebs wird nicht besiegt. Das Volk wird nicht freier. Aber das Volumen der Veröffentlichungen steigt, und die Zahl der Kongresse steigt, und die Gehälter steigen, und die Bewilligungen steigen. Was sinkt, ist das Vertrauen. Was sinkt, ist die Zeit. Was sinkt, ist die Geduld mit dem Zweifel.

Meine Pfeife ist kalt geworden, während ich dies schreibe. Ich zünde sie nicht an, denn die Redaktion duldet den Rauch. Ich dulde die Redaktion. Wir sind einander genug.

Was ich fordere, ist keine Revolution. Ich bin zu alt für Revolutionen, und meine Knie sind ehrlich. Ich fordere das, was jede Generation vor mir gefordert hat und was jede Generation nach mir fordern wird: dass die Methode wieder wichtiger wird als das Ergebnis. Dass die Frage wieder wichtiger wird als die Antwort. Dass das Labor wieder ein Ort wird, an dem Unbequemes geschehen darf, ohne dass die Karriere endet und der Kittel abgelegt werden muss.

Die Wissenschaft verspricht uns 1937 erneut das Paradies. Sie verspricht es leiser als früher. Sie verspricht es in Gleichungen, die niemand liest. Sie verspricht es in Ausschüssen, deren Protokolle niemand öffnet. Sie verspricht es im Namen des Volkes, der Gesundheit, der Zukunft, der Ordnung. Ich habe das alles schon gehört. In den zwanziger Jahren hieß es Aufbruch. In den dreißiger Jahren heißt es Festigung. Die Apparate summen. Die Protokolle tropfen. Die Kittel sind weiß.

Wer bezahlt morgen das Labor, das wir heute schweigen hören?

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