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Die unsichtbaren Frequenzen der Zerstörung

28. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Kapotnya brennt. Am 16. und am 18. Juni schlugen ukrainische Drohnen in eine der größten Ölraffinerien Moskaus ein. Beide primären Verarbeitungsanlagen fielen aus. Nach Informationen von Reuters, die zwei Quellen gegenüber bestätigten, wird die Anlage in Kapotnya bis mindestens Ende 2026 außer Betrieb bleiben. „Es wird mindestens ein halbes Jahr dauern, um die Schäden zu reparieren", zitiert die Agentur einen Insider.

Die Raffinerie versorgt Moskau und das Moskauer Umland mit Treibstoff. Ihr Ausfall ist kein technischer Defekt — er ist ein Aderlass in der Versorgungslinie einer Hauptstadt. Aber die wahre Geschichte liegt nicht in den Trümmern. Sie liegt in den Frequenzen, die das Schlachtfeld von 2026 durchziehen.

Am 22. Juni gingen die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze offline. Das meldete Wolodymyr Selenskyj unter Berufung auf Generalstabschef Oleksandr Syrsky und den ukrainischen Nachrichtendienst. Drei Tage zuvor hatte er Alexander Lukaschenko ein Ultimatum gestellt: Die Stationen entfernen — binnen einer Woche. Andernfalls werde die Ukraine sie selbst entfernen. Lukaschenko schwieg öffentlich. Die Stationen schwiegen ebenfalls.

Was sind diese Relaisstationen? Antennen, die zu bidirektionalen Videokommunikationssystemen russischer Langstreckendrohnen gehören — Typen wie „Geran" und „Gerbera", die Kiew angreifen. Die Mechanik ist ebenso elegant wie bestialisch: Drohnen mit Kameras und spezialisierten Modems fungieren als luftgestützte Relaisstationen füreinander. Sie bilden ein vermaschtes Netz — ein Mesh-Network — das die Kommunikation über Dutzende bis Hunderte Kilometer aufrechterhält. Das Primärsignal aber empfangen sie von bodengestützten Stationen. Und diese, so die Überzeugung der Ukraine, standen auf belarussischem Territorium.

Ich habe als Telegraphistin angefangen. Damals lief ein Signal von A nach B über einen einzigen Draht. Heute läuft ein Signal von einer Bodenstation in Belarus über eine Drohne über Kiew zu einer weiteren Drohne, die als fliegender Knoten das Bild an die nächste Einheit weiterreicht. Die Reichweite eines einfachen Funksignals wird vervielfacht, indem man die Luft selbst zum Relais macht. Das ist keine Magie. Das ist Werkzeugtechnik. Die Frage ist: in wessen Händen.

Wer die Frequenz kontrolliert, kontrolliert das Gefecht. Wer die Relaisstation kontrolliert, kontrolliert die Reichweite. Wer das Nachbarland als Plattform duldet, macht sich zum Mitschuldigen — ob er schweigt oder nicht. Lukaschenko hat sich nicht öffentlich geäußert. Sein Schweigen ist die zweite Signatur dieses Vorfalls.

Der ukrainische Grenzschutz registriert seit dem 22. Juni einen Rückgang russischer Angriffsdrohnenflüge durch die Region Tschernihiw. Massentransite von Shahed-Drohnen entlang der belarussisch-ukrainischen Grenze fehlen. Andrii Demchenko, Sprecher des Grenzschutzes, bestätigte die Beobachtung. Ob die Geräte physisch demontiert wurden oder nur abgeschaltet, ist unbekannt. Aber das Schweigen der Stationen ist messbar — in der Statistik der Anflüge, in der Stille der Frequenzen, im Rückgang der Treffer.

Während die Relaisstationen schweigen, brennt es anderswo weiter. Am 24. Juni schlug eine Drohne in ein mehrstöckiges Wohnhaus in Horliwka ein, im russisch kontrollierten Teil der Oblast Donezk. Drei Tote, so die von Russland eingesetzten Behörden. Die Angriffsfläche wechselt. Die Mechanik bleibt dieselbe: Drohne, Signal, Einschlag. Ein anderer Knotenpunkt, eine andere Frequenz, dieselbe Signatur.

Das ist die Schatten-Architektur dieses Krieges. Er wird nicht mehr nur an Frontlinien entschieden, sondern an Knotenpunkten unsichtbarer Netze. Jede Relaisstation ist eine Schaltstelle. Jede Schaltstelle hat einen Eigentümer. Jeder Eigentümer hat einen Preis.

In Kapotnya zahlt ihn die Moskauer Treibstoffversorgung. In Horliwka zahlen ihn drei Menschen, deren Namen wir nicht kennen. An der belarussischen Grenze zahlte Lukaschenko bislang in Stille. Ob diese Stille hält, weiß ich nicht. Ich höre nur, was die Drähte mir sagen. Und im Moment sind sie stiller als seit Monaten.

Das ist selten. Das ist bemerkenswert. Und das ist der Grund, warum ich morgen früh wieder am Funkgerät sitze. Denn wenn die Frequenzen zurückkehren, will ich die erste sein, die es hört.

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