DURCH DAS HORMUZ NUR MIT TEHERANS ERLAUBNIS
Es riecht nach Asche in dieser Redaktion, und Evelyn unten im Café singt etwas, das ich nicht verstehe. Die Asche kommt von einer Meldung, die heute durch die Drähte rauscht und mir nur bestätigt, was ich eigentlich schon weiß: Die Welt hat sich stillschweigend geeinigt, dass eine Meerenge einem einzigen Land gehört. Sie hat es nur nicht laut gesagt.
Am Mittwoch traf es einen Tanker bei Oman. Was genau passierte, sagt niemand. Iran spricht von einer Drohne. Andere Stellen schweigen. Die UNO-Schifffahrtsagentur hat noch am selben Tag ihre Eskortoperation ausgesetzt. Bevor irgendwer wusste, was eigentlich geschehen war, hatte die internationale Ordnung bereits die Segel gestrichen.
Am Donnerstagmorgen dann die nächste Szene. Das iranische Staatsfernsehen meldet: Drei ausländische Tanker, "unautorisierte Durchfahrt" durch die Meerenge, von der Revolutionswacht verwarnt, kehrtgemacht. Keine Namen, keine Details, keine Bilder. Nur das Resultat. Wer hier fährt, fragt zuerst in Teheran.
Der stellvertretende Außenminister Kazem Gharibabadi hat auf X nachgelegt. Sichere Durchfahrt könne unter "unklaren Regelungen" nicht garantiert werden. Übersetzt: Wer nicht zahlt, fährt nicht. Das ist kein Seerecht. Das ist Hafenkneipe.
In Dubai und London redet man am Freitag über Tonnengelder. Die USA und sechs Golfstaaten haben in einer gemeinsamen Erklärung genau das zurückgewiesen — freie, unbedingte, unbeschränkte Durchfahrt, keine Zölle, kein Kontrollanspruch. Sie verlangten, ein dauerhafter Frieden müsse auch Irans Raketen, Drohnen und die Versorgung der Proxy-Gruppen adressieren. Marco Rubio, ohnehin auf Abschiedstour durch die Region, sagte Reportern am Mittwochabend, falls Iran Schiffe bedrohe oder blockiere, "werden wir ein Problem haben". Der Satz klingt nach Drohung. Er klingt auch nach jemandem, der weiß, dass die Drohung im Februar verbraucht wurde, als US-israelische Angriffe auf iranisches Territorium den Krieg entfesselten.
Seitdem gehört die Meerenge Teheran. De facto. Vier Monate lang. Eine Unterbrechung, die keine war.
Schaut man genauer hin, sieht man die Mechanik hinter dem Vorhang. Saudi Aramco hat am Freitag am Ras Tanura-Terminal — größter Ölhafen der Welt — nach fast vier Monaten Pause wieder verladen. Vier Monate Stillstand. Vier Monate, in denen die Revolutionswacht über den Puls der Weltenergie entschied. Die Wiedereröffnung ist keine Normalität. Sie ist eine Atempause in einer Verhandlung, die niemand Verhandlung nennt.
Der Ölpreis fiel am Freitag um mehr als drei Prozent. Das sieht im Terminal nach Erleichterung aus. Es ist Panik im Anzug. Fünfundzwanzig Prozent des globalen Öls und Flüssiggases fließen hier durch, wenn die Schwerkraft mitspielt. Broker in Glastürmen starren auf Bildschirme mit arabischen Zeichen und beten still, dass die nächste Meldung aus Teheran eine ist, die man ignorieren darf.
Iran hat unterdessen auf allen Kanälen nachgelegt. Das Außenministerium erklärte die US-Militärpräsenz im Golf zur Quelle der regionalen Unsicherheit und forderte, die Meerenge müsse gemäß dem Interimsabkommen von Iran und Oman gemeinsam verwaltet werden. Der Sicherheitschef im Parlament kündigte an, jeder Verstoß gegen iranische Schifffahrtsanweisungen werde "entschieden" beantwortet. Was entschieden heißt, weiß man seit dem 28. Februar.
Die Mechanik ist klar. Die USA wollen freie Durchfahrt, weil ihre Verbündeten Energie brauchen. Iran will Kontrolle, weil seine Karten kleiner werden. Beide Seiten reden über Völkerrecht. Beide Seiten meinen Kalkül. Die Golfstaaten sitzen zwischen den Stühlen und versuchen, nicht zerdrückt zu werden. Das ist der Deal, der kein Deal ist.
Was bleibt? Eine Meerenge, die zur Mautstation geworden ist, ohne dass jemand Mautstation gesagt hat. Ein Interimsabkommen, das keine Waffenruhe ist, sondern ein Waffenstillstand auf Bewährung. Und eine Welt, die sich einbildet, sie handle, während sie nur noch reagiert.
Evelyn singt weiter unten. Ich schreibe weiter. Und irgendwo zwischen Oman und Bandar Abbas legt gerade jemand wieder Hand an einen Hahn. Niemand fragt, wann er loslässt.