Der Mann, der Sleepy Joe erfand, und die Müdigkeit der Macht
Wer anderen eine Grube gräbt, sollte wissen, dass der Boden in Washington weich ist. Donald J. Trump, der den abgewählten Amtsinhaber Joseph R. Biden im Wahlkampf 2020 mit einem Spitznamen versah, der zugleich Diagnose und Verdikt sein sollte — Sleepy Joe, jenes Wort, das wie ein Skalpell durch die Luft schnitt und die Frage nach dem Alter, nach der Wachheit, nach der Zurechnungsfähigkeit des Gegners in jede Zeitung trug —, dieser Mann sitzt heute in jenem Oval Office, das er dem Vorgänger als Schlafstube vorwarf, und schließt die Augen.
Ich habe in Genf Protokolle gewendet, in denen das Wort „Sicherheit" zweimal auf derselben Seite stand und dreierlei bedeutete. Ich habe Männern die Hand gereicht, die lächelnd unterschrieben, was sie am nächsten Morgen vergaßen. Aber die Mechanik der Projektion, wie sie uns die amerikanische Politik derzeit vorführt, gehört in die Sammlung der ganz Großen. Sie folgt einem uralten Gesetz: Wirf dem Gegner vor, was du selbst tust — mit solcher Lautstärke, dass das Echo deine eigene Stimme verschluckt.
Im April 2025, so dokumentieren es die Faktenprüfer von Snopes, schloss der Präsident während der Trauerfeier für Papst Franziskus für einige Momente die Augen. So wie dies, in denselben Minuten, auch die First Lady Melania Trump tat. So wie dies Hunderte tun, die in einer Basilika sitzen, deren Weihrauch schwer ist und deren Rituale lang. Es entstanden Bilder. Es entstand ein Skandal, der keiner war. Aber das Skandalon ist nicht das Bild; das Skandalon ist die Erinnerung daran, dass derselbe Mann jenem Vorgänger, der heute abgeschrieben ist, genau dieses Bild als Beweis für Unfähigkeit vorhielt.
Dann ließ Trump, wieder im Weißen Haus, einen Presidential Walk of Fame einrichten. Eine Plakette. Die erste Zeile, in Bronze gegossen und für die Ewigkeit gemeint, lautete: „Sleepy Joe Biden was, by far, the worst President in American History." Man stelle sich das vor: ein Präsident, der seinem Vorgänger öffentlich Schläfrigkeit vorwirft und diese Schläfrigkeit in den Marmor meißelt — während die eigene Schläfrigkeit, Monat für Monat, von Kameras eingefangen, von Gegnern verbreitet und von Faktenprüfern seziert wird.
Es folgte, im Juli 2024, der Nationale Konvent der Republikaner, auf dem Trump zum designierten Kandidaten der GOP bestimmt wurde. Videos zeigten einen Mann, der zwischendurch die Augen schloss. Es folgte im Dezember 2025 eine Kabinettssitzung, lang, offenbar zu lang für die Aufmerksamkeit eines Mannes, dessen Vorgänger er einst der Schläfrigkeit geziehen hatte. Es folgte im April 2026 eine Sitzung im Oval Office, deren gefilmte Version — Snopes widmete ihr eine eigene Prüfung — angeblich zeigen soll, wie der Präsident sich durch einen Furz selbst weckte. Eine Körperlichkeit, die in früheren Jahrhunderten unter Höflingen blieb und heute durch soziale Medien wandert wie eine Seuche durch ein Hafenviertel. Es folgte im Mai 2026 die Gedenkzeremonie zum Memorial Day, und im Juni 2026 ein UFC-Kampf auf der Südwiese des Weißen Hauses, den Trump selbst als Teil einer doppelten Geburtstagsfeier ausgerichtet hatte. Wieder Augen, die zufielen. Wieder Videos. Wieder Mails an die Snopes-Redaktion, die nach Auskunft des Portals schlicht überschwemmt wurde.
Was hier sichtbar wird, ist keine Schläfrigkeitskrise eines einzelnen Mannes, sondern die Mechanik der Macht selbst. Trump hat „Sleepy Joe" nicht als Diagnose erfunden, sondern als Präventivschlag gegen jeden späteren Vorwurf, der kommen musste — und der nun, in schöner Regelmäßigkeit, kommt. Die Faktenprüfer von Snopes haben, mit der ihnen eigenen Nüchternheit, das Filmmaterial neben die Behauptung gelegt und Satire von Authentizem getrennt. Im Falle der Papst-Beisetzung stellten sie fest, dass die Augen tatsächlich geschlossen waren — bei ihm, bei ihr, bei allen, die in der Reihe saßen. Sie haben die Arbeit getan, die eigentlich die Wähler tun sollten: Sie haben hingesehen.
Aber Sehen ist nicht Verstehen. Verstehen wäre, die Symmetrie zu erkennen. Der Mann, der die Bronzeplakette anbringen ließ, auf der „Sleepy Joe" für die Nachwelt festgehalten ist, ist derselbe Mann, dessen Augen in jenem Weißen Haus zufallen, das er nun sein eigen nennt. Die Plakette ist ein Spiegel. Die Kameras sind ein Spiegel. Die Faktenprüfer sind ein Spiegel. Nur das Haus selbst schaut nicht hinein.
Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Auch jetzt. Denn wer diesen Mechanismus benennt, muss wissen, dass er nicht spezifisch amerikanisch ist. Ich habe ihn gesehen in Genf, in Wien, in Helsinki. Männer, die lächelnd unterschreiben, was sie nicht halten. Männer, die anderen Schläfrigkeit vorwerfen, während ihre eigenen Lider schwer werden. Das Spiel ist alt. Das Brett ist neu. Die Figuren tragen andere Namen.
Sleepy Joe. Der Spitzname, der als Waffe gemeint war, ist zur Prophezeiung geworden — nur dass sie auf den Schützen zurückfiel, wie ein Bumerang aus Bronze.