Was Vance gehört haben will, hat Iran nie gesagt
Evelyn singt unten im Café. Es klingt wie ein Wiegenlied für Männer, die zu lange an der Theke gesessen haben. Die Straßenlaternen draußen werfen Schatten, die länger sind als die Wahrheit, die hier zur Sprache kommen soll. Es regnet seit Tagen, ein Regen wie aus dem Jahr 1929, einer, der alles weichzeichnet, was ohnehin schon unklar war.
Vice President J.D. Vance hat ein Problem. Es heißt nicht Donald. Es heißt Esmail. Esmail Baghaei, Sprecher des iranischen Außenministeriums, ist die Person, die ihm das Protokoll zerreißt, noch während er es der Presse vorliest.
Die Verhandlungen in der Schweiz. Achtzehn Stunden. Zwei Delegationen. Zeugen auf beiden Seiten. Sonnenlicht über dem Genfersee, das für solche Tage eigentlich nicht gemacht ist. Vance trat vor die Mikrofone und erzählte, was angeblich vereinbart worden sei. IAEA-Inspektoren würden zurückkehren, und zwar umgehend. Eingefrorene iranische Gelder würden amerikanische Sojabohnen kaufen. Iran werde in jeder Währung beliefert, die ihm gefalle.
Baghaei trat vor sein eigenes Mikrofon und korrigierte. Punkt für Punkt. Öffentlich. Vor laufenden Kameras.
„Iran hat nicht die Absicht, IAEA-Inspektoren in nukleare Stätten einzulassen, die während des Krieges beschädigt wurden." Kein Wort über Inspektoren. Keine neuen Verpflichtungen. Nur eine kurze gegenseitige Positionsbestimmung, so der Sprecher – und das sei es gewesen.
Die Römer, die auf ihren Senatsakten bestanden, hätten gesagt: Was nicht geschrieben steht, ist nicht geschehen. Washington hat die Akten offenbar noch nicht angepasst. Oder will sie gar nicht anpassen.
Dann kam das Soja-Geschäft. Vance erzählte Reportern, die Iraner hätten zugestimmt, ihre eingefrorenen Gelder für amerikanische Landwirtschaftsprodukte zu verwenden. Bauern helfen, Schurken entwaffnen, happy days in einer Welt, die es nicht mehr gibt. Die Iraner haben das nicht einmal höflich abgelehnt. Sie haben es zerlegt. „Wir finden es interessant", hieß es aus Teheran, „dass das Ziel des Krieges, das als Vernichtung der iranischen Zivilisation angekündigt wurde, nun auf die Bereicherung amerikanischer Bauern reduziert wird."
Diese eine Zeile wiegt schwerer als alle Vereinbarungen, die Vance in seinen drei Sätzen erfunden hat.
Was bleibt, ist ein Ölgeschäft. Das US-Finanzministerium hat über OFAC eine 60-Tage-Genehmigung erteilt. Iran darf Öl in US-Dollar verkaufen – erstmals seit Jahrzehnten. Der iranische Zentralbankchef Abdolnaser Hemmati hat das bestätigt und nachgelegt: Iran könne in jeder Währung bezahlt werden, die es wähle. Ein kleiner Satz mit großer Tragweite. Wer die Währung wählt, entscheidet, wem er vertraut.
Hier wird die Kasse aufgemacht. Hier beginnt der Handel, der nie ein Frieden war.
Aber das eigentliche Tauziehen spielt sich am Wasser ab. In der Meerenge von Hormus.
Nach dem Krieg wollte Iran die Kontrolle. Der Plan: Iran und Oman, gemeinsam, verwalten die Durchfahrt. Nur dass Oman ein stiller Akteur ist, der sich nie an diesen Tisch gesetzt hat. Oman ist Unterzeichner von UNCLOS, dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Es bindet den Sultan, Durchfahrt durch seine Gewässer für Drittstaaten zu gewähren. Wer das nicht tut, bricht Völkerrecht und macht sich angreifbar.
Wer hat im Krieg eigentlich auf wen geschossen? Iran hat Oman nicht angegriffen. Es gibt keine amerikanischen Stützpunkte in Oman. Die omanische Neutralität war eingeübt wie einst die Neutralität der Schweiz – sie war Schutz. Diese Schutzschicht bröckelt jetzt, aber nicht zu Gunsten Teherans.
Am 24. Juni hat Oman einen Schifffahrtskorridor in der Meerenge eingerichtet. In Abstimmung mit der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation, der IMO. Nicht mit Iran. Die Omaner haben Transitgebühren ausgeschlossen. Sie haben ihre Position bezogen, bevor die iranischen Hardliner überhaupt aufgestanden waren.
Eine ultrakonservative iranische Quelle, Raja News, warnte am Mittwoch, der omanische Korridor könne eine „direkte Herausforderung" für Irans Position in der Meerenge werden. So diplomatisch das klingt – es ist eine Drohung an die eigene Adresse. Man sagt: Wir verlieren.
Dann Anwar Gargash, der Berater des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. „Neue geopolitische Fakten", sagte er, „können den Golfstaaten nicht durch eine verräterische Aggression aufgezwungen werden." Das ist die zweite Stimme aus der Region, die laut sagt: Wir haben die Faxen dicke.
Wer kontrolliert eine Meerenge, wenn der Nachbar einen eigenen Korridor durch sein eigenes Hoheitsgebiet öffnet? Wer kontrolliert den Ölpreis, wenn die Schiffe einfach ausweichen?
Die Schiffsbewegungen lügen nicht. Am 24. Juni registrierte Kpler 70 Durchfahrten durch die Meerenge. Ein Plus von hundert Prozent gegenüber dem Vortag. 53 davon waren Handelsschiffe. Sie fuhren auf der omanischen Seite. Der Verkehr weicht aus, dorthin wo das Völkerrecht gilt und nicht die Patrouille. Es gibt AIS-Signale, es gibt Dampf, es gibt Routen, die sich von selbst in die Logik der Weltmeere einzeichnen.
Es gibt einen Haken, der keiner ist. Die ganz großen Tanker, die VLCCs, sollen auf der omanischen Seite wegen der Wassertiefe nicht passen. Dann lädt man das Öl um. Auf kleinere Schiffe. Auf Pecherei, auf lokale Versorger, auf alles, was schwimmt und nicht sinkt. Es gibt immer einen Weg, wenn das Geld stimmt.
Und das Geld stimmt jetzt.
Was hier vor sich geht, ist der langsame Schnitt durch ein Verhandlungsergebnis, das nie eines war. Vance erzählt eine Geschichte. Iran korrigiert sie, noch bevor sie zu Ende ist. Oman öffnet einen eigenen Korridor. Die Schiffe folgen dem ruhigeren Wasser. Die Emirate sagen Nein zu neuen Fakten. Jeder dieser Schritte ist eine Lüge weniger, auf der noch ein Abkommen stehen könnte.
Frage ohne Antwort: Welche der beiden Versionen desselben Protokolls aus Genf wird am Ende im Archiv der Geschichte liegen? Die amerikanische, die die Wünsche ihrer Regierung notiert? Oder die iranische, die den Schriftverkehr führt, der wirklich geführt wurde?
Irgendwann, nach dem nächsten Bourbon, fällt mir die alte Frage aus dem Konklave der Kardinäle ein: Was ist das kleinste Übel? Hier ist das nicht die Frage. Hier ist die Frage, wer die Fassaden malt, während die Architekten längst woanders bauen.
Evelyn hat aufgehört zu singen. Es ist still unten. Das Licht im Café geht aus, eine Lampe nach der anderen. Irgendwo in Genf liegen zwei Versionen desselben Protokolls in zwei Sprachen auf zwei Tischen. Washington liest die seine laut vor. Teheran streicht sie durch. Und das Meer – das Meer geht längst seinen eigenen Weg.