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Zehn Jahre nach dem Schnitt: Die Umfrage, die niemand bestellen wollte

29. Juni 2026 — — — Kastner

Zehn Jahre sind eine kleine Ewigkeit, wenn man sie damit verbringt, eine Lüge zu verteidigen. Zehn Jahre sind ein kurzer Augenblick, wenn man sie nutzt, um eine Wunde zu schließen, die nie hätte geschlagen werden dürfen. Das Europäische Council on Foreign Relations hat im Mai, kurz vor dem stillen Jahrestag des Referendums, eine Erhebung durchführen lassen, deren Ergebnisse so klar sind, dass man sie nicht mehr als Meinung abtun kann. Sie sind ein Urteil. Sechsundsechzig Prozent der Bürger in fünfzehn europäischen Ländern sagen, sie würden Großbritannien wieder in der Union aufnehmen wollen. Dreiundsiebzig Prozent der Briten selbst wünschen sich engere Bindungen, inklusive der Freizügigkeit, die einst als das roteste Tuch galt, das man den Wählern vorhalten konnte.

Man darf sich einen Moment der Stille gönnen. Ich tue es nicht, weil ich glaube, dass diese Zahlen etwas verändern werden. Ich tue es, weil sie mit einer Klarheit aussprechen, was Diplomaten und Politiker seit einem Jahrzehnt in Flüsterkonferenzen austauschen: dass der Brexit ein Fehler war, der weder den Briten noch dem Kontinent genützt hat. Nur den Männern, die ihn verkauften, brachte er kurzzeitig Sendezeit und später Pöstchen in Beraterbüros, deren Briefbögen mit vagen Worten wie „Strategie" und „Transformation" bedruckt sind.

Die Mechanismen hinter dieser Umfrage sind so durchsichtig wie das Wasser im Genfer Hafen, in dem ich einst Verträge habe sinken sehen. Zuerst die Scham. Dann das Vergessen. Dann das vorsichtige Wiederannähern. Es ist ein Spiel, das seit dem Wiener Kongress nach denselben Regeln gespielt wird. Man wartet, bis die Narbe weich genug ist, um sie ohne Gesichtsverlust zu öffnen. Emmanuel Macron, dieser Mann der niemals eine Gelegenheit auslässt, sich als Staatsmann zu inszenieren, sagt also, die Tür sei „immer offen". Pedro Sánchez, dessen Regierung mit allerlei inneren Wunden beschäftigt ist, würde Großbritannien „absolut" unterstützen. Alexander Stubb aus Finnland bringt es auf die Formel, die man sich merken sollte, weil sie aus dem Mund eines Staatspräsidenten kommt: „Wir brauchen eine britische Stimme in Europa. Wir vermissen euch wirklich."

Vermissen. Als hätte man eine Liebhaberin ziehen lassen, die einem die Wohnungseinrichtung ruinierte, und bedaure nun die leere Ecke, in der einmal das Sideboard stand.

Doch das eigentlich Bemerkenswerte steht nicht in den Köpfen der Staatschefs, sondern in jener Zahl, die in den Kommentarspalten untergehen wird, weil sie niemand laut aussprechen will: Achtundfünfzig Prozent der Leave-Wähler sagen heute, der Brexit habe die illegale Einwanderung verschlimmert. Achtundfünfzig Prozent. Das sind die Menschen, die am lautesten schrien, das Land müsse „die Kontrolle zurückgewinnen". Sie wissen jetzt, dass die Kontrolle in einem Inselreich ohne funktionierende Rückführungsabkommen ein Märchen ist, das man ihnen erzählte, damit sie gegen ihre eigenen Interessen stimmten. Sechsundsechzig Prozent sehen im Brexit eine Verschlechterung der Lebenshaltungskosten. Fünfundsechzig Prozent der Wirtschaftslage. Siebenundfünfzig Prozent der Jugendchancen. Die Zahlen lesen sich wie eine Anklageschrift, die von einem Richter verfasst wurde, der zugleich der Angeklagte ist.

Und dann, der schönste Satz, den ich seit langem aus einer Umfrage gelesen habe: Auf die Frage nach den primären Vorteilen des Brexit antwortete die Mehrheit der Briten mit „weiß nicht", dicht gefolgt von „keine der genannten". Das ist kein Schweigen der Unwissenheit. Das ist das Geständnis einer ganzen Nation, die zehn Jahre lang eine Entscheidung verteidigte, deren Nutzen sie nicht benennen kann. Es ist die seltene Tugend der Ehrlichkeit, gewonnen aus langer Enttäuschung.

Nun die Kuriosität, die in keiner Schlagzeile stehen wird, weil sie das europäische Selbstverständnis zu sehr erschüttert: Auch die Wähler der Parteien, die den Brexit am lautesten bejubelten, wollen ihn nicht mehr. Einundsiebzig Prozent der polnischen Konföderation, achtundfünfzig Prozent der deutschen AfD, achtundfünfzig Prozent des französischen Rassemblement National. Selbst diejenigen, die das europäische Projekt als dekadent, bürokratisch und fremd verachten, sagen: dieses eine Land soll wiederkommen. Die Botschaft dahinter ist klar. Es geht nicht um Brüssel, nicht um die Kommission, nicht um irgendeine obscure Direktive über die Krümmung von Gurken. Es geht um Zugehörigkeit. Es geht um die uralte Sehnsucht, nicht allein zu sein an der Peripherie einer Welt, die sich neu ordnet.

Ich saß einmal in Genf an einem Tisch, an dem ein Mann mir versicherte, ein Vertrag sei in Stein gemeißelt. Er lächelte dabei. Es war jenes Lächeln, das ich inzwischen erkenne, bevor die Lippen sich formen. Heute lächelt man in Brüssel und London wieder so. Die Grünen laden Großbritannien formell zur Wiederaufnahme ein. Die Umfrage erscheint genau im richtigen Moment, zehn Jahre nach der Wunde, kurz vor dem Sommer der müden Gewissen.

Ich trage Handschuhe, auch beim Schreiben. Wer diese Umfrage liest und glaubt, sie sei ein Anfang, soll wissen, dass sie nichts ist als das Ende der Ausreden. Wer glaubt, sie sei ein Ende, soll wissen, dass die Architekten des Brexit längst neue Posten haben und ihre Nachfolger bereits die Manuskripte sortieren. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Immer.

Ich werde es beobachten. Mit Handschuhen. Aus der ersten Reihe.

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